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Bad Reichenhaller Philharmoniker starten unter dem Motto »Salto mortale« glanzvoll in ihre Jubiläumssaison 2018

Sternstunde zum Auftakt ins philharmonische Jahr

Die Konfrontation mit dem Tod ist die musikalische Thematik und die Auseinandersetzung mit Apokalypse, Endzeit, Trauermarsch die Grundstimmung sowohl in Bertold Hummels »Visionen« op. 73 als auch in Gustav Mahlers fünfter Sinfonie.

Die Bad Reichenhaller Philharmoniker (Foto: Aumiller)

Unter dem Titel »Salto mortale« wurde das erste philharmonische Konzert als Auftakt zum Jubiläumsjahr aber für die Bad Reichenhaller Philharmoniker keineswegs zum waghalsigen Todessprung, sondern zu einem triumphalen Höhenflug. »Ein tolles Konzert«, »So soll es weitergehen«, war aus den begeisterten Zuhörerreihen zu vernehmen. Und man kann dem nur zustimmen, wenn es auf diesem Niveau weitergeht, wird es ein denkwürdiges Jahr. Christian Simonis und die hier notwendigerweise etwas aufgestockten Philharmoniker beeindruckten zweifellos mit einem großen Konzertabend.

Bertold Hummel (1925 bis 2002) war als Komponist auch langjähriger Präsident der Musikhochschule Würzburg. Seine Komposition »Visionen« war ein Auftragswerk der Berliner Philharmoniker, die es 1980 zur Uraufführung brachten. Die Wahl des Stückes für die Reichenhaller Aufführung markierte gleichzeitig einen Baustein zur Programmlinie »100 Jahre Freistaat Bayern«. Für den Komponisten Hummel, dessen Interesse vor allem neuen Musikformen und religiösen Hintergründen galt, war auch Johann Sebastian Bach ein Vorbild. Dem Schlagwerk hat er als einer der ersten großen Raum gegeben in seinen Werken.

Die Apokalypse des Evangelisten Johannes und speziell die apokalyptischen Reiter, die Kriegs- und Todesbringer aus Albrecht Dürers Holzschnittserie inspirierten ihn zu seiner Komposition, die formal auf einer jüdischen Zahlenmystik aufgebaut ist. Den Anfang macht ein Fünftonklang, dem sich ein Dreitonmotiv als Symbol des Göttlichen zugesellt, das dann wieder einer Folge von vier Tönen gegenübergestellt ist, wie es der Komponist selbst beschrieb.

Die Zwölftonreihe möge als Symbol für die andere Welt gelten. Es sind Visionen, die dem Zuhörer seine eigene Fantasiewelt öffnen, die berühren und in ihrer zeitgenössischen Klangsprache gleichzeitig zeitlos erscheinen. Simonis und die Musiker brachten Transparenz ins Spiel, Schlagwerk und Vibrafon, auch differenzierende Paukenschläge machten auf eindringliche Weise auf sich aufmerksam, prägnante vorwärtsdrängende Rhythmik veranschaulichte die stürmenden Reiter. Singende Unisonostellen ließen wieder zur Ruhe kommen und im filigransten Pianissimo verklang die Musik als transformierte Vision in ein transzendentes Dasein.

Mit seiner fünften Sinfonie ging Gustav Mahler neue Wege, als Vorhut sozusagen auf seine großen Sinfonien. Mahlers Musik ist in seinen meisten Werken von seiner zerrissenen Persönlichkeit geprägt, sie pendelt zwischen Extremen, bildet immer beides ab: heroische Größe und zart besaitetes Sentiment. Verarbeitete Mahler in seinen vorhergehenden Sinfonien vielfach auch Themen aus seinen Liedern, zum Teil von der Gesangsstimme getragen, so weist die Fünfte hingegen überwiegend instrumentalen Charakter auf mit reichlich angewandter Polyphonie, dissonanten Verflechtungen und herausragendem Einsatz der Blechbläser.

Den Trauermarsch, angeführt von der brillanten Solotrompete, gefolgt von den düster melodischen Streichern ließ Simonis gravitätisch vorüberziehen. Holzbläser, Trompeten und Geigen gaben dem Kondukt maßvolle Strenge, gepaart mit durchhörbarer Klangqualität. Schmerzliches Aufbegehren, vom Blech kräftig unterstützt, und wilder Tumult forderten vollen Einsatz und alle Reserven des Orchesters. Das Solohorn ließ wunderbare Passagen auftönen und leichtfüßig tanzte das Scherzo dahin. Dann Transformation: Mahlers berühmteste Melodie, das Adagietto, spielten die Streicher in fein empfundenen melodischen Bögen voll geheimnisvoller Sanftheit. Das zarte Liebesgeständnis Mahlers an seine Frau Alma spiegelt in dieser liedhaften Träumerei ohne Worte die ihn tief ergreifende und wandelnde Begegnung mit ihr wider.

Geradezu zum Hit wurde das Adagietto durch die Einbeziehung in Luchino Viscontis Film »Tod in Venedig«. Dann im letzten Satz waren die Trauer und düstere Mollstimmung des Beginns einem leuchtendem, von Fugensequenzen durchzogenen Dur-Charakter gewichen. Zuletzt setzten die Philharmoniker machtvolle Schlussakkorde, die zum Signal für begeisterten Applaus aus der Zuhörerschaft wurden. Elisabeth Aumiller