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Starke Kraft und innere Spannung in abstrakten Bildern

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Stephan Harnest, der Enkel von Fritz Harnest, neben dem Bild »Tor großer Vorformen«, das 1968 entstanden ist. Collage und Öl auf Leinwand. (Foto: Giesen)

Eine außergewöhnliche Präsentation mit ausgewählten Werken des Malers Fritz Harnest (1905 bis 1999) ist bis Mitte August in Marquartstein zu sehen. Stephan Harnest, der Enkel von Fritz Harnest, zeigt über 20 großformatige Ölbilder, zum Teil mit Collage-Elementen, seines Großvaters, die in den Jahren zwischen 1960 und 1995 entstanden sind. Fritz Harnest ist einer der wichtigsten Vertreter der abstrakten Kunst und Druckgrafik nach dem Zweiten Weltkrieg.


Die Bilder in Marquartstein hängen nicht an Wänden, sondern sind unkonventionell auf dem Boden aufgestellt, was wegen ihrer großen Formate von bis zu 2,30 Meter Höhe kaum auffällt, sondern vielmehr eine größere Nähe des Betrachters, gleichsam »auf Augenhöhe«, bewirkt. Gezeigt werden sehr bekannte Gemälde von Fritz Harnest, die zum Teil schon 1963 im Lenbachhaus in München zu sehen waren, wie »Lebhafte Bewegung in Rot und Pink« oder »Vorstudie zu Gewänder der Engel«.

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Die 22 abstrakten Bilder strahlen eine starke unmittelbare Kraft und innere Spannung aus. Sie leben von der Farbe im Zusammenhang mit den einfachen geometrischen Grundformen wie Kreis, Rechteck, Oval und Säule. Nur manchmal ist der Umriss einer Person zu erahnen, wie bei »Figur in einer Säule« oder »Gesellschaft«. Dabei sind die Konturen selten scharf abgezirkelt, sondern lösen sich in weichen Übergängen auf. Vertikale, breite Farbbahnen und leuchtende Linien wachsen nebeneinander empor und verschmelzen zusammen. Die Senkrechte in der Bildfläche wird zum bestimmenden Gestaltungsmerkmal seiner Kunst. Harnest malt seine Arbeiten oft völlig gegenstandslos, indem nur Flächen und Farben die Bilder bestimmen. Die Titel dazu wie »Komposition mit farbigen Trieben« oder »Sphären und Turm« können Denkanstöße geben, zwingen den Betrachter aber niemals in eine bestimmte Interpretationsrichtung. Eine Ausnahme davon ist das Gemälde »Industrie und Politik zerstören die Erde« aus dem Jahr 1989.

Fritz Harnest wurde 1905 in München geboren. Schon mit 16 Jahren war er an der Akademie der Bildenden Künste in München immatrikuliert, wo er sechs Jahre lang bis 1929 Malerei bei den Professoren Carl Johann Becker-Gundahl, Ludwig von Herterich und Carl Caspar studierte. Seine erste Einzelausstellung mit Kreidezeichnungen fand 1934 in Berlin statt. In dem Jahr traf er auch Emil Nolde, woraufhin ein jahrelanger reger Briefwechsel folgte.

Nolde bestärkte ihn, seine künstlerische Arbeit weiter zu führen. In einem Brief schrieb er an Harnest: »Kunst ist Kampf und Ringen. Wir freuen uns so, dass Sie arbeiten und es wissen, eine wie ernste Sache die Kunst ist was sie alles von demjenigen verlangt, er ihr dienend ist.« Harnest verließ Mün-chen in der Zeit des Nationalsozialismus und arbeitete während des Krieges als Dolmetscher für französisch im Gefangenenlager in Moosburg. Wenig Zeit blieb damals für seine noch gegenständlichen Arbeiten, von denen kaum welche erhalten sind. 1935 heirateten er und Gertrud Ellermann, von allen Mutz genannt. 1937 zogen sie nach Übersee, wo zwei Söhne geboren wurden.

Erst mit 41 Jahren wandte sich Fritz Harnest der abstrakten Formensprache zu. Seine Arbeiten wurden anfangs durch die Bibel, die griechische Mythologie und Thomas Manns Roman »Joseph und seine Brüder inspiriert. 1946 nahm er an den ersten Nachkriegsausstellungen in München und Basel teil, auch 1945 an der ersten freien Kunstausstellung nach dem Zweiten Weltkrieg in Prien am Chiemsee.

Langsam stellte sich Erfolg ein. Galerien und Museen in Amsterdam, Basel, Grenchen, München und Zürich stellten seine Arbeiten aus. 1959 folgte die Teilnahme an der »documenta II« in Kassel, in dem Jahr als Harnest auch Mitglied der Neuen Gruppe in München wurde. In der Region waren Fritz Harnests Bilder 1998 im Kunstraum Klosterkirche zu sehen und nach seinem Tod 2005 zum 100. Geburtstag im Staatlichen Hochbauamt in Rosenheim, 2006 in Bad Aibling, ein Jahr später in der Galerie im Alten Rathaus in Prien.

Die einmalige unkonventionelle Präsentation in Marquartstein sollten sich Kunstliebhaber nicht entgehen lassen. Die Ausstellung ist bis 15. August in den Räumen der Firma Skywalk im Gewerbegebiet in Marquartstein zu sehen. Eine telefonische Anmeldung bei Stephan Harnest unter der Telefonnummer 08642/430 ist notwendig oder unter der e-mail-Adresse stephan-harnest@t-online.de. Christiane Giesen

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