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Standbild-Prozession mit Bach

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Unser Bild zeigt (von links) die Solisten Georg Zeppenfeld und Christa Mayer, Dirigent Roderich Kreile, die Solisten Peter Galliard und Anna Lucia Richter sowie im Hintergrund die Sächsische Staatskapelle Dresden und den Dresdner Kreuzchor. (Foto: Wolfgang Lienbacher, Osterfestspiele)

Ein gütiges Geschick hat den Dresdner Kreuzkantor Roderich Kreile davor bewahrt, sich an Christian Thielemann messen zu lassen. Der hätte im »Konzert für Salzburg« der Osterfestspiele vor den geistlichen Werken nämlich Webers »Freischütz«-Ouvertüre dirigieren sollen.


Damit sei mal a priori nichts gesagt gegen Roderich Kreile, der seinen alten Bach im kleinen Finger hat. In gemessenen Tempi, in runden Bögen geht das dahin. Nein, dahin geht es eigentlich nicht, sondern der Bach steht da wie sein eigenes Denkmal vor der Leipziger Thomaskirche. Man spricht in solchem Fall rechtens von Bach-Pflege. Die Standbild-Prozession der h-Moll-Messe war sehr gepflegt und untadelig aufgestellt. Aber auch die »kurze« Ersatzform nur mit Kyrie und Gloria kann sich respektabel ziehen. Im Streichercorps der Staatskapelle Dresden war keine Artikulation kürzer als ein dreiviertel Bogen.

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Mag sein, dass das alles übermäßig starke regionale Tradition ist, wir wollen also den Glassturz drüber stehen lassen und uns dem zweiten Werk dieses Abends zuwenden: Carl Maria von Weber war als Elfjähriger Schüler von Johann Michael Haydn. Dem Salzburger Haydn konnte man schon gediegenen Kontrapunkt abschauen. Die Missa sancta Nr. 1 in Es-Dur ist eine eigenwillige Mixtur aus »klassischer« Kirchenmusik und allmählichem Hinübergleiten in die deutsche Romantik. Schon im Christe lässt der »Freischütz« entfernt grüßen. Das Benedictus, in dem der Sopran von Solocello, Klarinetten und Horn begleitet wird, gehört zu den einprägsameren Teilen, auch das originellerweise mitkomponierte Offertorium ist ein gefundenes Fressen für einen wendigen, strahlenden Sopran. Das etwas patschert humpelnde Credo und das nicht minder holprige »Dona nobis pacem« sind echt wertmindernd: kein Meisterwerk.

Bei Weber hatte die, ihre Stimme wunderbar schwerelos führende, Sopranistin Anna Lucia Richter viel zu tun, bei Bach haben sich auch Christa Mayer (Alt) und Georg Zeppenfeld (Bass) durch nichts und niemanden (weder durch die Solovioline noch durch den Tenor-Kollegen Peter Galliard) irritieren lassen. Ja, der Dresdner Kreuzchor: So fein intonieren die Kinder und jungen Leute! Was für Funken ließen sich schlagen mit einem solchen Ensemble. In Dresden denkt und fühlt man in anderen Zeit-Dimensionen: Heuer feiert der Kreuzchor sein 800-jähriges Bestehen und Kreuzkantor Roderich Kreile ist der 28. seit der Reformation. Solche historische Perspektive muss man wohl einnehmen, um dieses Konzert so recht würdigen zu können. Reinhard Kriechbaum

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