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Spannende Gegenwartskunst: Vielfalt der Stile und Formen

116 Arbeiten von über 90 Künstlern zeigt der Kunstverein Traunstein heuer in seiner Offenen Jahresausstellung zum 30-jährigen Jubiläum seines Bestehens im Kunstraum Klosterkirche und den beiden Stockwerken der Städtischen Galerie.

Die Jury, bestehend aus Judith Bader, Carsten Lewerentz und Klaus Ballerstedt, hatten bei der Auswahl der Bilder in einem achtstündigen »Jury-Marathon« Knochenarbeit zu leisten, waren doch etwa 350 Werke eingereicht worden. 138 der insgesamt 145 aktiven Mitglieder es Kunstvereins wollten sich beteiligen und nochmal etwa ein Viertel auswärtiger Künstler, die sich zur »offenen« Jahresausstellung sogar von weither bewarben. In Erwartung des großen Ansturms durften diesmal sogar nur zwei anstatt sonst drei Werke zur Auswahl eingereicht werden. So musste die Jury etwa zwei Drittel aller eingereichten Arbeiten aus Malerei, Grafik, Fotografie, Bildhauerei und Installation ausjurieren, Mitglieder nicht ausgenommen.

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Auch diesmal zeigt die Präsentation, dass Gegenwartskunst spannend ist, auch und gerade in ihrer Vielfalt von Stilen und Formen. Trotz der Vielfalt gelang es dem Hängeteam, in allen Räumen der großen Schau einen harmonischen, stimmigen Gesamteindruck zu schaffen, der einen guten Querschnitt durch das künstlerische Schaffen der Gegenwart spiegelt. Sehr viele der gezeigten Werke – von Künstlern um die 30 Jahre bis zu 92-Jährigen – sind erst heuer entstanden.

Wie selten zuvor scheint die zeitgenössische Kunst so vielfältig in ihren Möglichkeiten, in ihrer Formensprache und in ihren Themen. Lithografie, Radierung und spannende Objekte und Installationen, Zeichnung und Malerei durchdringen sich an den Ausstellungsorten und es wird deutlich, wie sich die Kunst der jüngeren Generation den Grenzen einer klassischen Einteilung in Malerei, Bildhauerei und den neuen Medien entledigt hat.

Wie jedes Mal bei diesen umfangreichen Präsentationen ist es nicht annähernd möglich, alle bemerkenswerten Künstler und ihre Werke eigens herauszuheben – daher wenigstens die angehängte Übersicht mit den Namen der ausstellenden Künstler. Im Kunstraum Klosterkirche fallen auf den ersten Blick besonders die großen Installationen ins Auge, zum Beispiel die ungewöhnlichen aufgebrochenen »Dosen und Kokons« des Tittmoninger Künstlers Manfred Scholl, die aus Keramik, mit Sand beschichtet, Asche, Lehm und Glas teilweise aufgehängt sind.

Auch »Metamorphose II« des Traunsteiners Jens Meier – eine liegende Kermikfigur mit Leuchtkörper im geöffneten Bauchraum – fällt sicher jedem Besucher auf und regt zu den unterschiedlichsten Interpretationen an. Hoch aufragend, majestätisch und ästhetisch ist die auf der anderen Seite des Raumes platzierte hohe Skulptur von Franz Xaver Angerer »Große schwingende Verschnei-dung« aus verbranntem und gewachsten Eichenholz auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes. Hier ist auch »Biotop 2: Wir bauen uns ein Biotop« von Cosima Strähhuber zu finden, die für ihre Arbeit ebenso wie Liesbeth Wohrizek (im 1. Stock der Galerie) für ihr tiefgründiges Gemälde ohne Titel mit dem Roter-Reiter-Preis 2013 ausgezeichnet wurde (wir berichteten).

Eine klassische, betörend schöne Bildhauerarbeit von Konrad Kurz, »Boot IV (schwere See)«, befindet sich im Gang des 1. Stockes der Galerie, im Saal überzeugt die »Rabengruppe« von Anna Kallsperger und auch Ekkehard Wiegands humorvoll spielerisch skurrile »Farbbüste 3« empfängt den Besucher gleich im Eingangsbereich zur Städtischen Galerie. Im zweiten Stock ziehen Helmut Mühlbachers erfindungsreiche Installationen »Network« und »Nordföhn« die Blicke auf sich.

Natürlich sind auch in Malerei und Grafik wieder alle Stile vertreten von reiner Abstraktion eines Heinrich Stichter, Hermann Wagner oder Sigi Braun bis zu fast fotografisch anmutender Realistik eines Helmut Morawetz, Isa Jungbluth oder Wolfgang Schuster. Eine Reihe sehr gelungener Jahresgaben haben diesmal Hermann Wagner und Sigi Braun anlässlich ihres 85. Geburtstages zur Verfügung gestellt. Beide geben mit ihren ungewohnt kleinen, aber besonders reizvollen Formaten dem Kunstsammler die Möglichkeit, sich hochwertige Kunst zu erschwinglichen Preisen in die eigenen vier Wände zu holen.

Während der Besucher im überwiegenden Teil der Präsentation geradezu überfallen wird von unterschiedlichen Eindrücken und überwältigt ist von der Vielfalt des Ausgestellten, erwartet ihn ein ruhiges, eher beschauliches Erlebnis in der Apsis in der Klosterkirche. Sie ist heuer dem Andenken an Wolfgang Hechenbichler (1953 bis 1984) gewidmet, der seine Jugend in Waging am See verbrachte und mit erst 31 Jahren sein Leben in Südamerika verlor. Heuer wäre er 60 Jahre alt geworden.Hechenbichler, der in den 70er Jahren an der Akademie der Bildenden Künste in München studierte, verschrieb sich ganz der Figurativität. Nach dem Diplom erhielt der Künstler ein Jahresstipendium des DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst) an der Kunstakademie in Santiago de Chile, wo er auch eine Gastprofessur erhielt. Von Hechenbichler werden berührende Bilder und Zeichnungen gezeigt, auch kleinere Skulpturen wie ein Selbstbildnis aus Gips oder einen Sportler.

Die größeren Malereien sind nicht auf Leinwand, sondern auf Pappe oder Rupfen gemalt und geben Zeugnis von dem Ringen Hechenbichlers um den wahrhaftigen Ausdruck. Er versuchte mit großem handwerklichen Können und mit expressiven Mitteln, die menschliche Existenz auszuloten. Der Kunstverein möchte mit dieser kleinen Gedenkausstellung ein markantes Zeichen gegen das Vergessen eines heimischen Künstlers setzen, »dessen noch im Anfang befindliches Werk Aufbruch, Professionalität und Weiterentwicklung versprach«, wie es im Katalogtext heißt. Christiane Giesen