weather-image
Krisendienst Psychiatrie bietet unter Nummer 0180/655 3000 Hilfe am Ort – »Quantensprung in der Versorgung«

Soforthilfe in seelischen Krisen

Traunstein – Krisen gehören zum Leben. Jeder Dritte gerät mindestens einmal im Leben in eine Situation, in der er professionelle, psychiatrische oder psychotherapeutische Hilfe benötigt, heißt es in der Broschüre des vor rund neun Monaten auf die Beine gestellten Krisendiensts Psychiatrie für alle Bürger in Südost-Oberbayern. Träger ist der Bezirk Oberbayern.

Die Akut-Telefonnummer, wenn bei seelischen Krisen fachliche Hilfe nötig ist: 0180/655 3000. (Foto: Wittenzellner)

Qualifiziertes Fachpersonal soll schnelle Hilfe bei seelischen Krisen und psychiatrischen Notfällen bieten, die enge Verzahnung der Fachstellen trägt dazu bei. Das Angebot sieht man als wichtige Ergänzung zu bestehenden Hilfsangeboten wie dem Kriseninterventionsdienst (KID) oder der Telefonseelsorge. Kooperationen wurden geschaffen und ausgebaut.

Anzeige

Jetzt informierten die fachlichen Leiter über erste Erfahrungen mit der Einrichtung. Franz Burghartswieser, Kreisgeschäftsführer Caritas Traunstein, zeigte sich erfreut: »Die Einrichtung hat sich bewährt. Das ist ein Erfolgsmodell.« Hermann Däweritz vom Diakonischen Werk, Gebietskoordinator für den Krisendienst Psychiatrie, machte deutlich, dass mit der Einrichtung Menschen in psychisch belastenden Situationen innerhalb einer Stunde professionelle Hilfe erhalten könnten. »Der Bezirk Oberbayern setzt damit bundesweit Maßstäbe, das ist ein Qualitätssprung«, was gerade auch für die Versorgung im ländlichen Bereich gelte.

Seelische Erkrankungen nehmen zu

Auch Prof. Dr. Peter Zwanzger, Chefarzt Allgemeinpsychiatrie und Psychosomatik am kbo-Inn-Salzach-Klinikum Wasserburg, machte deutlich, dass man mit dem Krisendienst der Häufigkeit seelischer Störungen Rechnung trage. »Seelische Erkrankungen sind ganz häufig und deshalb von hoher Versorgungsrelevanz.« Gleichzeitig sei die Frage, ob eine bestimmte Situation eher einer seelischen Krise oder einer Erkrankung zuzuordnen sei, für Angehörige und manchmal auch für Hausärzte nicht immer einfach zu beurteilen. Hier leiste man professionelle Hilfe. Gleichzeitig sei der Krisendienst auch als anonyme Anlaufstelle für Menschen wichtig, die sich durch ihre Krankheit stigmatisiert fühlen und aufgrund ihres Schamgefühls keine professionelle Hilfe in Anspruch nehmen würden.

Im Nachgang wurde eine Vereinbarung zwischen der Klinik und dem Krisendienst unterzeichnet. Zuvor waren schon gleichlautende Vereinbarungen zwischen den weiteren Standorten der kbo-Inn-Salzach-Klinikum unterzeichnet worden.

Bezirksrätin Annemarie Funke sagte, der Bezirk habe die flächendeckende Versorgung im Bezirk beschlossen und investierte dafür jährlich 7,4 Millionen Euro. Beim Bezirk sei man sich darüber einig, dass das Projekt weiter entwickelt werden solle. Dies sei gerade im Blick auf die demografische Entwicklung und gesellschaftliche Entwicklungen geboten. Man wolle auch die Krankenkassen mit ins Boot nehmen. Auch mit Gemeinden und Kommunen suche man den Schulterschluss.

Die Arbeit im Krisendienst Psychiatrie sehe man auch als präventives Handeln: »Dadurch gibt es weniger Einsätze mit Blaulicht und Polizei«, so Funke. Wisse man doch, dass die Quote, bei der schon ein intensives Telefonat mit den Fachkräften zur ersten Klärung helfe und Situationen wieder in die richtige Bahn kommen, bei rund 80 Prozent liege.

Rudolf Starzengruber, Vorstandsmitglied der oberbayerischen Selbsthilfe Psychiatrie-Erfahrener (OSPE) Altötting, sagte mit Blick auf reduzierte Blaulichteinsätze: »Wer die Nummer wählt, hat schon einmal gewonnen.« Am nächsten Tag könne das Leben ohne Polizei und Ordnungsamt weitergehen.

Zufrieden mit der Anlaufphase zeigte sich auch der Leiter der Leitstelle des Krisendienstes, Dr. Michael Welschehold. Er berichtete von rund 1700 Anrufen im Monat in der Münchner Leitstelle. Rund 60 Prozent kämen dabei von den Betroffenen selbst, circa 25 Prozent von Angehörigen. »Wir sind schnell und sofort erreichbar und haben eine entsprechende Professionalität – und wir nehmen uns Zeit.«

»Quantensprung in der Versorgung«

Es sei ein »Quantensprung in der Versorgung psychisch kranker Menschen«, sagte Franz Unterreiner, der als Leiter des Sozialpsychiatrischen Dienstes Traunstein der Caritas München mit 14 Mitarbeitern in den Ausrichterteams und 23 weiteren Mitarbeitern in verschiedenen Einrichtungen für Vor-Ort-Betreuung sorgt.

»Ich hätte mir gewünscht, wir hätten einen solchen Dienst gehabt«, sagte ein Veranstaltungsteilnehmer bewegt, der vor Jahren einen Angehörigen durch einen Suizid verloren hatte. Die Nummer für alle Hilfesuchenden lautet 0180 655 3000. Der Anruf ist mit Ausnahme eventueller Telefongebühren kostenfrei. awi