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»Sie wurden missbraucht, Herr Steinert«

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Das Kressenfeld in Bischofswiesen sorgte erneut für Streit im Gemeinderat. Foto: Anzeiger/kb

Bischofswiesen - Sachlichkeit schaut anders aus. Die geplante Bebauung am Kressenweg sorgt seit Monaten für hitzige Debatten im Bischofswieser Gemeinderat. Am Dienstag musste sich Bürgermeister Toni Altkofer den Vorwurf der Manipulation und der Instrumentalisierung Dritter gefallen lassen. Und Josef Angerer (SPD) verließ einfach die Sitzung.


Unter Tagesordnungspunkt drei hatte Toni Altkofer Wolf Steinert vom gleichnamigen Planungsbüro aus Übersee eingeladen. Der Landschaftsarchitekt sollte über den Stand des Flächennutzungsplanes, den Bischofswiesen gemeinsam mit Berchtesgaden, Schönau am Königssee, Ramsau und Marktschellenberg für den gesamten Talkessel in Auftrag gegeben hat, informieren. Auch auf die Situation des Kressenfeldes sollte Steinert eingehen.

Mit einem Antrag zur Geschäftsordnung versuchte Paul Grafwallner (UBB) den Vortrag aber nach nur wenigen Sätzen zu unterbinden. Bürgermeister Altkofer wehrte Grafwallners Einwand rigoros mit der Begründung »Herr Steinert hat das Wort« ab und ließ den Gast weiterreden. Mit jeder Menge Grafiken erläuterte der die Flächennutzungsmöglichkeiten der Gemeinde, die er in den vergangenen Wochen genauestens unter die Lupe genommen hatte.

So kommen für ihn zum Beispiel in der Stanggaß nur Randlagen für Planungen infrage und in Bischofswiesen schlägt Steinert die Verlegung des Bauhofes vor, um das bereits versiegelte Grundstück sinnvoller zu nutzen. Zwar sieht der Experte auch in der Strub nicht viele Möglichkeiten der Bebauung, den Kressenweg lehnt er aber nicht kategorisch ab. Unterm Strich ermittelte Steinert für das komplette Gemeindegebiet 13,4 Hektar Fläche, die in der Zukunft ortsplanerisch genutzt werden könnte.

»Sie wurden missbraucht, Herr Steinert«, sagte Paul Grafwallner, nachdem ihn Altkofer endlich zu Wort kommen ließ. Dem Bürgermeister warf das UBB-Mitglied den manipulativen Eingriff in einen laufenden Bürgerentscheid vor. Brigitte Kurz (SPD) bekräftigte die Kritik und hält die Bewertung von Flächen zum jetzigen Zeitpunkt für fehl am Platz. »Ich hoffe, das war der letzte Lapsus«, und die Verwaltung möge sich künftig zurückhalten, waren ihre Worte. Diesen Vorwurf ausgerechnet aus den Reihen der SPD und der UBB zu hören, verärgerte Altkofer sichtlich. »Ihr habt doch bisher dauernd bemängelt, dass der Flächennutzungsplan nicht berücksichtigt wird«. Informationen seien keine Manipulation und Debatten im Gemeinderat jederzeit zulässig. »Ihr interpretiert die Sache schon sehr nach eurem Gusto«, schüttelte Altkofer den Kopf.

Auch beim nächsten Tagesordnungspunkt ging es wenig sachlich weiter. Der Geschäftsführer des Wohnbauwerkes Berchtesgadener Land, Florian Brunner, hatte im Auftrag der Gesellschafterversammlung nämlich eine Stellungnahme zur Immobilien- und Wohnungsmarktsituation verfasst. Darin kommt er zum Ergebnis, dass sich die Nachfrage von Häusern und Eigentumswohnungen enorm erhöht habe, während das Angebot an neuen und gebrauchten Einfamilien- und Doppelhäusern sowie bebaubaren Grundstücken sehr gering sei. Darüber hinaus entspreche das vorhandene Angebot aus seiner Sicht oftmals nicht den Anforderungen und Wünschen junger Familien, weil die Objekte zu groß und zu teuer seien. Selbst bei einem historisch niedrigen Zinsniveau könne eine Durchschnittsverdiener-Familie das nicht finanzieren. Bürgermeister Altkofer ergänzte die Stellungnahme von Brunner durch weitere Statistiken, unter anderem von der Bertelsmann-Stiftung, die der Gemeinde ein weiteres Bevölkerungswachstum prognostiziert.

Ein ungeschickter Zeitpunkt, auch für so ein Thema, merkte Karl-Heinz Repscher (Grüne) an. Dabei sehe er durchaus die Bauwünsche. Allerdings bevorzuge er ein Einheimischenmodell, bei dem die Gemeinde selbst Planung und Verkauf in die Hand nimmt. Keiner bezweifle den Wohnraumbedarf, versuchte Hans Metzenleitner (SPD) einzulenken, »aber muss man deswegen jede Gelegenheit Bauland auszuweisen auch gleich ergreifen?« Zu einem Ergebnis kamen die Gemeinderäte nicht. Mussten sie auch nicht, der Tagesordnungspunkt sollte laut Bürgermeister lediglich der Information dienen. Die hörte sich Josef Angerer allerdings nicht bis zum Ende an.

Nachdem Toni Altkofer den in den Zuhörerreihen sitzenden Klaus Gerlach verwarnt hatte, er möge einzelnen Gemeinderäten nicht ständig einreden und dieser daraufhin den Raum verließ, packte auch der dritte Bürgermeister seine Tasche und ging. Ohne zuvor eine Wortmeldung oder einen Beitrag geliefert zu haben. »Das muss ich mir nicht geben«, waren seine leisen Worte. kb