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Sensationeller sprachexperimenteller Wahnsinn

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Stolze Siegerin der »Dichterschlacht« im Kulturhaus Chiemgau war die erst 15-jährige Helene Ziegler. (Foto: Benekam)

Für die meisten Gäste war der »Poetry Slam« im ausverkauften Kulturhaus Chiemgau zwar Neuland, doch die Regeln waren schnell erklärt: selbst verfasste Texte müssen unter der Vorgabe eines Zeitlimits, ohne Zuhilfenahme von Requisiten, Musikinstrumenten oder Kostümen dem Publikum vorgetragen werden. Dabei steht es dem »Slammer« frei, auf welche Weise er seinen Text gestaltet. Sie dürfen gelesen, auswendig gelernt performt, in Erzählform, geflüstert, geschrien oder in Form eines Raps vorgetragen werden. Diese offene Gestaltungsform begründet die große Vielfalt der Slam-Auftritte. Das Publikum bewertet nach jedem Beitrag mit Punkten von eins bis zehn und ermittelt nach einem Stechen den Sieger.


Moderator – »Slammaster« – Lucas Wagner führte zusammen mit Ralph Enzensberger erfrischend durch das Slam-Event und fungierte als Netzwerker zwischen den Künstlern und dem als Jury eingesetzten Publikum. Als die Spielregeln und Abläufe allen geläufig waren, ging es in die erste von zwei Slamrunden, in der jeder Dichter sechs Minuten Zeit hatte, um mit seinem Text die Gunst des Publikums zu gewinnen.

Helene Ziegler beweist eine verblüffende Reife

Den Anfang machte die 15-jährige Pinzgauerin Helene Ziegler mit gesprochen und in leicht melodiöser Ausarbeitung dargebotenen Gedanken über Licht und Dunkel. Ihr Text, der die Zuhörer berührte, sprudelte nur so aus ihr heraus und ließ keinen Zweifel an der für ihr jugendliches Alter verblüffende Reife. In bildhafter Ausarbeitung sprach sie, zeitweise in Dialekt, über Freud und Not im Zusammensein, über zwischenmenschliche Missverständnisse und ihre Folgen sowie über den Wunsch des Zusammenhalts auch in schweren Zeiten.

Der zweite Künstler, »Mriri« aus Wien, brachte mit einem völlig anderen Slamstil das Publikum zum Lachen: Er hatte Zeit, ließ die kurzen Sätze in einer Erzählung über einen Zoobesuch lange wirken, bevor er geschickt zur nächsten Pointe um einen am »Töröö-Syndrom« leidenden Elefanten ausholte. Das Ende seiner Geschichte kam abrupt und brachte seine kritische Einstellung bezüglich im Zoo gehaltener Kreaturen auf den Punkt: »Alles explodiert!«

Mit dem Titel »Ich will« ging als dritter Slamakrobat Dan Cotletto an den Start. Unmissverständlich und mit einem Höchstmaß an Glaubhaftigkeit machte er mit seinem Text die Diskrepanz zwischen Wollen und Können, Sein und Schein klar. Er suchte das Paradoxon, verstrickte sich in komplizierte aber dennoch gut nachvollziehbare Wortspiele. Spannend, intelligent, empathisch, mit schönen Überleitungen und analytischem Charakter trat er mit nüchterner Präsenz auf, die seine philosophischen Textinhalte die gewollte Wirkung entfalten ließen.

Vierter Kandidat war Simon Tomasz aus Wien, dessen Text politisch orientiert war und in seinem Vortrag – diesmal komplett gelesen – Kabarettcharakter hatte. Eine Kinderschar repräsentierte die Länder und Nationen in ihrem politischen Geplänkel um Macht in Form von Gesellschaftsspielen wie Schach, Uno, Kofferpacken oder Würfelspielen – anspruchsvoll, witzig und in allen Belangen überzeugend.

Weg von der Politik und hin zu den Reizen des weiblichen Geschlechts, ging es mit dem Slamtext von Peter Fitz: »Der Macheur« beschrieb das Bestreben eines Einsamen, die passende Frau zu finden und zu erobern. Nachdem er sämtliche nur vorstellbare Register, die mehr oder weniger ans Ziel geführt hatten, durchexerziert hat, beschließt er schlussendlich, sich nicht weiter zu verbiegen. Eine klare Botschaft in ansprechender Form.

Eva Niedermeier fesselt die Zuhörer bis zum Schluss

Eva Niedermeier aus Bad Aibling stellte das Schlusslicht der ersten Runde dar und glänzte wortgewandt, temporeich in schöner, gut artikulierter Sprache und einer starken Präsenz. Ihr gesprochener Text gab dem Zuhörer Rätsel auf und fesselte so bis zuletzt, als sie ihre Geschichte auflöste: der geliebte Mensch um den es ging, der ihr immer nah war, sie immer geliebt und unterstützt hat und der sie vor allem ermuntert hat, in die Welt hinauszuziehen und den sie an eine Krankheit verloren hat, ist der Großvater. Den Kampf gegen die Zeit verloren beide.

Den Sprung in die zweite Runde aber schafft Eva Niedermeier mit ihrer tollen Leistung zusammen mit Helene Ziegler und Simon Tomasz. In der Siegerrunde überzeugte schließlich, wie das Publikum per Applaus entschied, die junge Helene Ziegler, die mit einem Text aus der Sicht eines Flüchtlingskindes zu Tränen rührte. Dicht gefolgt von »Mitslammerin« Eva Niedermeier, deren Text um den krankmachenden Einfluss des in den Medien vorgegebenen, unerreichbaren Schönheitsideals (»Wer frisst und kotzt, hat kein Leben das ihm schmeckt«) nur sehr knapp hinter dem ersten Platz rangierte.

Dritter des Wettbewerbs wurde Simon Tomasz mit einem kafkaesken Text, bestehend aus nur einem Bandwurmsatz, der sprachexperimentellem Wahnsinn gleich kam. Alles in allem ganz großes Theater, in das die Zuhörer bis zuletzt voll involviert waren. Ein »Poetry Slam« soll nun alle zwei Monate im Kulturhaus stattfinden. Kirsten Benekam