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Seismographische Warnzeichen der Realität

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Scheinbar schnell überschaubar und doch voller Brisanz: Rein äußerlich gesehen wirkt die noch bis Sonntag gezeigte Ausstellung von Helmut Mühlbacher und der Theaterwerkstatt Traunstein in der Alten Wache in Traunsteiner Rat-haus etwas lapidar: drei im Rechteck auf einem Teppich aufgestellte Leinwände für Diaprojektionen samt einem großen Fernseher und in der Mitte ein Drehstuhl. Dazu kommt als zweites Element etwas abseits eine Hörstation mit Kopfhörern.


Schichtweise und langsam treten die verstörenden, provozierenden und nachdenklichen Zusammenhänge zutage, je tiefer und länger man sich auf die Kunstinstallation einlässt. Sowohl Mühlbacher wie auch die Theaterwerkstatt sind 2017 für zwei Projekte von der Stadt, dem Landkreis und dem Kunstverein Traunstein mit dem Roten-Reiter- Preis für bildende Kunst ausgezeichnet worden. Für die aktuelle Ausstellung »Aquarius« haben sie zwei für sich stehende Konzeptansätze trefflich miteinander verbunden.

Mühlbacher nimmt drei weiße Leinwände als Pro-jektionsfläche im doppelten Wortsinn. Wo normalerweise Urlaubsdias farbkräftige Sehnsuchtsorte in der Ferne reflektieren, setzt der Traunsteiner Künstler eng untereinander mit schwarzem Feinliner gezogene horizontale Linien. Auf zwei gegenüberliegenden Flächen ziehen sich die Linien ohne Unterbrechung von einem Ende zum anderen. Unregelmäßigkeiten und leichtes Zittern lassen jede Linie individuell erscheinen und sie doch im unübersehbaren Meer der Linien untergehen. Seismographen des Schicksals.

Eine Interpretationshilfe für das erst einmal abstrakte Linienmuster gibt die dritte Leinwand. Sie zeigt das Mittelmeer mit den angrenzenden Ländern. Im Unterschied zum Schulatlas ist allerdings nur das Meer als deutlich erkennbare Linienschraffur erkennbar. Für Römer und Osmanen hatte das »mare nostrum« (lat. unser Meer) noch kulturstiftende Prägung. Bei Mühlbacher sind die Grenzen der Anrainerstaaten in Europa, dem Nahen Osten und Afrika allerdings aufgelöst und bleiben diffus. Ein beunruhigendes Bild, das zu Orientierungslosigkeit führt. Und das damit die aktuelle politische Orientierungslosigkeit Europas wie auch die kulturelle Orientierungslosigkeit der Flüchtlinge widerspiegelt.

Vor diesem Hintergrund erinnern die Linienmuster an die Einzelschicksale der Flüchtlinge. Deren schre-cklicher Tod im Mittelmeer und Aufrufe zu mitmenschlicher Hilfe sind allerdings längst im Strudel politischen Desinteresses und immer neuer Bilderfluten aus den Medien untergegangen.

Die manipulative und emotionale Macht dieser Bil-derfluten greift Theaterregisseur Reinhold Lay in seiner Videocollage auf. Sie setzt sich zusammen aus Redemitschnitten deutscher Politiker, TV-Sequenzen zur Flüchtlingsthematik, historischen Fotografien aus Konzentrationslagern des Dritten Reiches und Standfotos von Menschen verschiedener Herkunft. »Es ist hart, wenn man sich die entkultivierten Reden in voller Länge anschaut, neue Zusammenhänge sieht und Leute bewusst schlecht gemacht oder aussortiert werden«, kommentiert Lay die Beiträge zur Flüchtlingsdebatte.

Mit der Wahl unterschiedlicher Ausschnitte, Cuts, Geschwindigkeiten und Lauflänge sowie dem Konterkarieren bestimmter Sequenzen schafft der Regisseur neue Deutungs- und Sinnzusammenhänge der Filmdokumente, die nicht weniger verstören und orientierungslos machen. Realität und Reden über die Flüchtlinge werden gegenübergestellt.

Die offensichtliche Manipulation von Bildern, Fak-ten und Äußerungen macht Mechanismen deutlich und hinterfragt, wie wir Wirklichkeit wahrnehmen. Sie provoziert zugleich die Empörung des Betrachters zwischen Zustimmung und wütender Ablehnung. Nur Sekundenbruchteile lang sichtbar setzen dazwischen KZ-Bilder Kontrapunkte des Grauens, des Innehaltens und der Warnung vor künftigen »Sündenbock-Entwicklungen«. Die Flüchtlingspolitik ist damit nur ein Symptom und Ausdruck wachsender Kulturlosigkeit.

Nicht weniger aufschlussreich macht die Audioin-stallation unter Mithilfe von Buchautor Norbert Niemann und Mitgliedern der Theaterwerkstatt deutlich, wie ein permanentes politisches Krisenmanagement als Unterhaltung (im doppelten Wortsinn) die großen Projekte der Moderne – Demokratie, Aufklärung und Humanismus – von der politischen Bühne suspendiert.

Die Ausstellung in der Alten Wache in Traunstein ist am Donnerstag und Freitag von 15 bis 19 Uhr sowie am Samstag und Sonntag von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Ein Künstlergespräch ist am morgigen Freitag um 19 Uhr. Axel Effner