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1 300 Tonnen Teerabfälle sind Teil des aufgedeckten Skandals – Recyclingfirma »entsorgt« gefährlichen Straßenbelag teils widerrechtlich

Schwarzes Gift

Beliebte Wanderwege und hoch belastet: Die giftigen Teerbeläge vom Obersalzberg wurden in der Passauer Gegend und im Bayerischen Wald entsorgt. Die Folge: ein Umweltskandal. (Fotos: privat)
Hunderttausende Euro kostete die Abbruchmaßnahme 2010.
Das kontaminierte Material wurde über mehrere Wochen zwischengelagert. Beim Bund Naturschutz stieß das auf Kritik.

Berchtesgaden – Teerhaltiger, hochgiftiger Straßenaufbruch, der in Straßen aus der NS-Zeit auf dem Obersalzberg verbaut wurde, ist nach Recherchen des »Berchtesgadener Anzeigers« in einen von der Süddeutschen Zeitung aufgedeckten Umweltskandal mit 10 000 Tonnen an vergrabenem Straßenbelag verwickelt. Das kontaminierte Material vom Obersalzberg soll in die Region Passau transportiert worden sein. Das bestätigt man nun auch beim Forstbetrieb Berchtesgaden: »Das Material ist in die Passauer Gegend gebracht worden«, heißt es von dort. Interne Unterlagen beweisen das.


Polyzyklische, aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) sind hochgradig krebserregend. Sie stecken in jenen rund 75 Jahre alten Teerstraßen, die auf dem Obersalzberg und dem Kehlstein als Nebenwege gebaut wurden. Bis zu 0,2 Mikrogramm pro Liter der PAK sind nach Expertenmeinung unbedenklich, zwei Mikrogramm gelten bereits als giftig. Kontaminierte Straßen müssen nach dem Abtragen technisch aufbereitet werden, um später unter strengen Auflagen wieder »als Fundament verarbeitet zu werden.«

Obersalzberg-Straßen verarbeitet?

Im Bayerischen Wald sollen Tausende Tonnen einfach vergaben worden sein. Die Firma Thoma aus Hutthurm, spezialisiert auf das Recycling von teerhaltigem Straßenaufbruch, soll für den Umweltskandal Verantwortung tragen. Auf Nachfrage des »Berchtesgadener Anzeigers«, ob das Obersalzberg-Material aufbereitet wurde, wollte die Firma keine Auskunft geben. Geschäftsführer Robert Thoma befinde sich derzeit im Ausland, sei nicht erreichbar und erst wieder ab 19. Januar zurück, heißt es aus dem Recyclingunternehmen. Peter Renoth, stellvertretender Leiter des Forstbetriebs Berchtesgaden, sagt, dass man offiziell einen Entsorgungsnachweis erhalten habe. Der Vorgang, datiert auf 2010, sei offiziell ausgeschrieben und über die damalige, für den Straßenbau verantwortliche Firma abgewickelt worden. »Die Firma Thoma hat den Straßenabbruch angenommen, das zeigen unsere Unterlagen. Allerdings entzieht es sich unserer Kenntnis, was mit dem Material danach passiert ist.« Fakt ist, dass die Firma Thoma das Abbruchmaterial in die Passauer Region transportierte. 1 300 Tonnen Straßenmaterial kamen am Obersalzberg zusammen.

Bereits im Oktober 2010 hatte die Kreisgruppe Passau des Bund Naturschutz darüber berichtet, »wie auf landwirtschaftlichen Anwesen das teerhaltige Material aus ganz Bayern, aber auch aus anderen Bundesländern gelagert und verarbeitet wird. Auch das Material vom Kehlstein wurde durch die Firma Thoma abgeholt, nachdem es monatelang unsachgemäß am Ofner Boden und dem Roßfeld« gelagert hatte«, schreibt der Bund Naturschutz auf dessen Internetauftritt. Ziel sei es, laut Bund Naturschutz, »die Kosten für den Altbesitzer möglichst gering zu halten«. Forstbetriebsmitarbeiter Peter Renoth widerspricht entschieden. Von einer »monatelangen, unsachgemäßen Lagerung« könne keine Rede sein. Der giftige Abfall wurde in einem Zeitraum von drei Wochen (22. Juni bis 12. Juli 2010) abtransportiert, wie Forstbetriebsunterlagen darlegen.

Dr. Daniel Müller, Leiter des Forstbetriebs Berchtesgaden der Bayerischen Staatsforsten, sagt, dass Kehlstein-Straßen auf einer Länge von 1,8 Kilometern, die sich auf dem Grund der Berchtesgadener Landesstiftung befanden, belastet waren. Die Straßenabtragungen wurden Thema, weil die Landesstiftung den Forstbetrieb Berchtesgaden aufgefordert hatte, die von ihm genutzten Straßen und Wege zu sanieren, da die Staatsforsten wegen regelmäßiger Nutzung schadensersatzpflichtig sind. Das kontaminierte Straßenmaterial wurde damals in einer aufwendigen Aktion entfernt, die Straßen von Grund auf erneuert.

Auch die aktuell noch vorhandenen Straßen auf dem Grund der Bayerischen Staatsforsten auf dem Obersalzberg und dem Kehlstein stammen aus der Zeit des Nationalsozialismus. »Wenn auch dort giftige Materialien enthalten sind, müssen auch diese Wege entfernt werden«, so heißt es aus dem Forstbetrieb. Geplant ist, die noch vorhandenen NS-Straßen und -Wege zu sanieren. Die darin enthaltenen polyzyklischen, aromatischen Kohlenwasserstoffe sind über die Jahrzehnte tief in den Untergrund eingedrungen. Je nachdem wie weit sich die Gifte im Boden befinden, müssen Teile des Straßenuntergrunds entsorgt werden, wie Peter Renoth, stellvertretender Forstbetriebsleiter, bestätigt.

Millionenkosten für den Steuerzahler

Zwischen 70 und 100 Euro kostet die Entsorgung pro Tonne Kontaminationsmaterial. Ein Kubikmeter der giftigen Schichten hat zwischen 1,6 und zwei Tonnen. Mehrere Kilometer an teerhaltigen Straßen gilt es zu erneuern, der Investitionsaufwand wird intern auf einen siebenstelligen Betrag geschätzt. Der Freistaat Bayern muss für das Vorhaben aufkommen. »Das sind alles Steuergelder, die verwendet werden«, sagt Dr. Daniel Müller.

Auch wenn bereits vor Jahren bekannt war, dass die alten Obersalzberg-Nebenwege erneuert werden müssen, dauerte es bis jetzt, um Klarheit zu schaffen. Denn zunächst musste der Forstbetrieb klären lassen, ob es sich bei den Straßen überhaupt um sogenannte »Altlasten« handelt oder ob gar der Denkmalschutz greifen würde. Aufwendige Gutachten wurden seitens der Staatsforsten in Auftrag gegeben, erst im Sommer 2014 erteilte das Landratsamt Berchtesgadener Land den Bescheid, dass es sich bei den Straßen um eine »Altlast« handelt.

Noch in diesem Jahr sollen am Obersalzberg die Bagger anrollen, so lautet der Plan. Natürlich muss bis dahin der Schnee geschmolzen sein. Bei den Bayerischen Staatsforsten, die das Projekt transparent behandeln wollen, wünscht man sich, dass die Sache bald ausgestanden ist. »Das Image leidet darunter.« Kilian Pfeiffer