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Schwäbisches Pulverfass: Der VfB nach Labbadias Rede

Stuttgart (dpa) - Als Bruno Labbadia seinem Ärger Luft gemacht hatte, tauchte unweigerlich die Frage auf: Wie lange geht das noch gut mit dem Trainer und seinem Arbeitgeber VfB Stuttgart?

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Bruno Labbadias Wutrede ist nach wie vor Gesprächsthema. Foto: Marijan Murat Foto: dpa

Auch nach dem 2:2 gegen Bayer Leverkusen dümpelt der Fußball-Bundesligist nach einem fast traditionell schwachen Saisonstart in der Nähe der Abstiegsplätze herum. Labbadia will sich dafür nicht alleine verantwortlich machen lassen. Nach seiner überraschenden Brandrede, in der er Teile der Fans, das Umfeld, aber vor allem die mediale Berichterstattung heftig kritisierte, scheint alles möglich zu sein - sogar ein baldiger Rücktritt des Hessen, der einst auch bei seinen Ex-Clubs Leverkusen und Hamburger SV im Unfrieden geschieden war.

«Gehe ich einen schweren Weg, wie ihn der VfB Stuttgart gehen muss, mit? Oder sage ich: am Arsch geleckt», polterte der Hesse mit immer lauter werdender und am Ende fast brüchiger Stimme. «Ich will jetzt nicht über Dinge reden, die in der Zukunft liegen. Ich bin kein Hellseher», meinte dazu der VfB-Sportdirektor Fredi Bobic, der kürzlich sogar von «Rufmord» gegenüber Labbadia gesprochen hatte und sich nun erneut hinter ihn stellte. «Es ist das gute Recht des Trainers, sich so zu äußern», sagte Bobic. «Man darf auch mal aufbrausend sein.»

Eingezwängt zwischen hohen Ansprüchen bis hin zur Teilnahme an der Champions League, einem strikten Sparkurs des VfB-Präsidenten Gerd Mäuser und einem stets überkritischen Publikum hat Labbadia das Gefühl, für die gefährliche Gemengelage den Kopf hinhalten zu müssen. Als sich gegen Bayer bei der Auswechslung des stärksten VfB-Spielers Raphael Holzhauser in der 77. Minute unter den Beifall für das 19 Jahre alte Talent auch «Bruno raus»-Rufe mischten, nahm er dies zum Anlass, selbst mal auszuteilen.

Vom VfB-Sprecher Marcus Jung in der Pressekonferenz nach dem Grund der Auswechslung von Holzhauser gefragt, legte Labbadia los. «Da ist eine totale Grenze erreicht, auch hier in Stuttgart», schimpfte er. Nachdem es beim Tabellen-Fünfzehnten schon seit Wochen brodelte, ist das schwäbische Pulverfass nun also explodiert.

Labbadia hatte den VfB Ende 2010 als Tabellenvorletzter übernommen, nachdem der Verein innerhalb weniger Wochen Christian Gross und dann dessen Nachfolger Jens Keller gefeuert hatte. Er rettete den Club vor dem Abstieg und führte ihn im Mai dieses Jahres in die Europa League. Vor der laufenden Saison konnten Bobic und Labbadia aber nur 300 000 Euro für Neuzugänge ausgeben, während die Konkurrenz enorm aufrüstete. Andererseits hat der Trainer noch fast die gleichen Spieler zur Verfügung, die im Vorjahr zum drittstärksten Rückrunden-Team wurden. Dennoch verfällt der VfB erneut in das schon allzu bekannte Muster: schwacher Saisonstart, Abstiegsgefahr, jede Menge Unruhe - und bald mal wieder ein Trainerwechsel?

Zudem hat sich der Verein von seinem Weg mit den «Jungen Wilden» weit entfernt, obwohl VfB-Chef Mäuser im Heimatverein von Mario Gomez und Sami Khedira weiter mit dieser Marke hausieren geht. Dabei hat außer Torwart Sven Ulreich seit Jahren kein Eigengewächs mehr den Durchbruch geschafft. Doch der Vorwurf, er würde zu wenig auf die Jugend setzen, bringt Labbadia auf die Palme: «Raphael Holzhauser wäre nicht mehr hier im Verein, wenn ich vor ein paar Wochen nicht das Veto gegen eine Ausleihe eingelegt hätte.» Der «schreibenden Zunft» wirft er auch deshalb vor, «absolute Unwahrheiten» verbreitet zu haben, die «unter der Gürtellinie» waren. Die Zuschauer seien gegen ihn aufgewiegelt worden.

Immerhin: Gegen Leverkusen zeigte der VfB nach dem 0:2 in der Europa League bei Molde FK eine gute Leistung. Erst in zwei Wochen nach der Länderspielpause beginne «die richtig heiße Phase», meinte Bobic. «Da haben wir alle drei Tage ein Spiel.» Doch heiß genug ist es beim Deutschen Meister von 2007 eigentlich schon jetzt.