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»Schnell, schnell, ihr faulen Schweinehunde«

Berchtesgaden – Fast drei Jahre lang musste Zdeneˇ k Hu˚ lka während des Zweiten Weltkriegs unfreiwillig in Berchtesgaden arbeiten: am Steinbruch in Zill, in den Luftschutzbunkern des Obersalzbergs und zuletzt als Schuhmacher im Markt. Heute ist der Tscheche 94 Jahre alt und erzählt als Zeitzeuge ohne Groll von dieser Zeit. Schließlich ging es ihm noch vergleichsweise gut in Berchtesgaden, denn viele seiner Landsmänner erlitten während ihrer Zwangsarbeit Schläge und Beschimpfungen (»Schnell, schnell, ihr faulen Schweinehunde«) oder kehrten sogar nie mehr nach Hause zurück. Von diesen Schicksalen berichtete die Historikerin Sˇ  árka Jarská aus der Tschechischen Republik am Dienstag bei den »Obersalzberger Gesprächen« in der Dokumentation.

Zum Thema »Zwangsarbeiter am Obersalzberg« konnten (v.l.) Markus Rosenberg, Leiter der Dokumentation Obersalzberg, und Kurator Dr. Albert Feiber vom Institut für Zeitgeschichte die Historikerin Dr. Sˇ  árka Jarská bei den »Obersalzberger Gesprächen« begrüßen. Die Ausstellung zu dem Thema ist in der Dokumentation weiterhin zu besichtigen. Foto: Anzeiger/Kastner

Rund 20 Millionen Menschen aus ganz Europa leisteten während der Kriegsjahre für das NS-Regime Zwangsarbeit. »Das Ganze war aber nie wirklich ein Thema, bis im Jahr 2000 in der USA eine Sammelklage ehemaliger Zwangsarbeiter eingereicht wurde«, erklärte Kurator Dr. Albert Feiber vom Institut für Zeitgeschichte als Einleitung zum Vortrag. Der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds sammelte im Rahmen der Entschädigungszahlungen zahlreiche Zeitdokumente – auch vom Obersalzberg. Dort arbeiteten seit 1938 vor allem Italiener, ab 1939 – nach Schaffung des Protektorats Böhmen und Mähren – zunehmend auch tschechische Bürger. Sie stellten ab 1941 die Mehrheit der bis zu 6 000 Fremdarbeiter am Obersalzberg und im Berchtesgadener Land. Die anderen kamen aus Holland, Kroatien und der Ukraine.

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»Nach Schaffung des Protektorats Böhmen und Mähren wuchs der soziale Zwang auf Personen, die Arbeitslosengeld bezogen, Arbeit im Deutschen Reich anzunehmen«, weiß die Historikerin Sˇ  árka Jarská, die derzeit an einer Ausstellung über Zwangsarbeit in der Gedenkstätte Buchenwald arbeitet. Im Jahr 1942 wurden rund 100 000 amtliche Verpflichtungsbescheide verschickt, denen die Leute nachkommen mussten. Im Deutschen Reich wurden sie als Arbeitskräfte in der Industrie, in paramilitärischen Einheiten, in der Landwirtschaft, im Gewerbe und in Haushalten eingesetzt. »Die Arbeitsbedingungen für die Zwangsarbeiter aus Tschechien waren sehr unterschiedlich. Sie waren zumeist schlechter als die Bedingungen für die Westeuropäer, aber besser als die der Ostarbeiter«, so die Historikerin. Wer sich weigerte oder floh, der galt als arbeitsscheu. Die Folge war meist die Einweisung in ein Arbeitserziehungslager.

Am Obersalzberg und im Berchtesgadener Land suchten vor allem die Baufirmen Fremdarbeiter. Hier waren sie in der Regel für die anstrengenden, gefährlichen Arbeiten eingesetzt – so beim Bau von Luftschutzbunkern, im Steinbruch Zill oder beim Bau der Deutschen Alpenstraße, teilweise auch als Hilfskräfte in Büros. Frauen arbeiteten überwiegend in Hotels, Pensionen und Restaurants als Küchenhilfskräfte und Putzfrauen. Vor allem auf der Baustelle Buchenhöhe waren ab 1943 sehr viele Tschechen eingesetzt. Arbeitgeber war die ARGE Obersalzberg, die unter anderem den Bormann-Bunker baute.

Untergebracht waren die Fremdarbeiter in mehreren Lagern. 1 500 Personen wohnten in Baracken im Lager Riemerfeld, weitere 1 200 im Lager Antenberg. Dann gab es noch die kleineren Lager Dürreck, Wemholz und Zill. Dr. Sˇ  árka Jarská hatte zu den Lebens- und Arbeitsbedingungen am Obersalzberg und in Berchtesgaden mehrere tschechische Zeitzeugen befragt (siehe Kasten). Deren Aussagen waren zum Teil auf Videofilmen festgehalten, die am Dienstag in der Dokumentation eingespielt wurden.

Für Diskussion sorgte im Anschluss an den Vortrag noch die Verwendung des Begriffs »Zwangsarbeit«. So mancher Zuhörer, der selbst noch Erinnerungen an die damalige Zeit hat und – aus unterschiedlichen Gründen – stark von ihr geprägt ist, wollte diesen Begriff nicht akzeptieren. Immerhin ist erwiesen, dass die Fremdarbeiter für ihre Tätigkeiten bezahlt wurden. Und »Zwangsarbeit« sei doch ein Begriff für Arbeit als Bestrafung, was am Obersalzberg nicht der Fall gewesen sei, so die Argumentation.

Viel war es jedenfalls nicht, was die Arbeiter in Berchtesgaden verdienten. Und einen Großteil davon mussten sie gleich wieder für Unterkunft, Verpflegung und teilweise sogar für Haftunterbringungen wieder abgeben, wie ein Zeitzeuge schilderte. Und für die Historiker steht fest: Wer unfreiwillig sein Land verlassen muss, um unter zumeist unmenschlichen Bedingungen weit entfernt von zuhause schwerste und gefährlichste Arbeit zu verrichten, der ist ein Zwangsarbeiter. Ulli Kastner