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Schlange-Stehen in der Sommersaison: Touri-»Horden« und Overtourism?

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Foto: pixabay

Berchtesgaden – Die Sommersaison hat begonnen: Die Gäste sind da, die Übernachtungskapazitäten und Gaststätten vielfach ausgelastet. Alles gut, also? Nicht ganz. Seit einiger Zeit geht ein Gespenst um in der Tourismusdebatte. Und das heißt Overtourism.


Ursprünglich verband man diesen Begriff mit überfüllten Städten und Stränden oder mit »Horden« von angetrunkenen Touristen. Aber kann man den Begriff auch auf den Berchtesgadener Talkessel anwenden? Der Kulturphilosoph und Betreiber des »berg-Kulturbüro« in Ramsau geht im Folgenden dieser Frage nach.

Venedig, Palma di Mallorca oder Barcelona werden meist als einschlägige Problemkandidaten genannt. Inzwischen ist die Rede vom Overtourism aber auch in den hiesigen Regionen angekommen.

Wenn der Verkehrskollaps mit Stau und Parkchaos permanent droht, wenn auch am Berg Massenbetrieb herrscht und die Warteschlangen an der Königseeschifffahrt in unabsehbare Längen reichen, ist es offenbar etwas zu viel des Guten. Darunter leidet nicht nur die Attraktivität der Destination, denn die Gäste kommen ja nicht, um die Landschaft aus dem blockierten Fahrzeug heraus und die Bergtour in Kirtagsatmosphäre zu erleben.

Viel wichtiger als diese Wertminderung des »Destinationsprodukts« ist aber, dass zunehmend auch die Lebensqualität der ansässigen Bevölkerung betroffen wird, egal, ob auf der Straße, am Berg oder an sonstigen Orten von Bedeutung. Diese Entwicklung führt – und das schleichend schon länger – zu einer Atmosphäre der Verunsicherung und Unzufriedenheit, die nun mit der Rede vom Overtourism ihren Ausdruck findet.

Nicht alle Einheimischen sprechen von Overtourism

Auch wenn keineswegs alle Einheimischen den Befund teilen, dass die Grenze des Erträglichen überschritten sei, ist er doch ernst zu nehmen. Der Tourismus ist im Talkessel ja nicht nur eine wesentliche Wertschöpfungsquelle, sondern prägt auch das Selbstverständnis vieler Menschen, die seit Generationen mit und vom Tourismus leben und leben wollen.

Die zunehmende Präsenz der Overtourism-Kritik bleibt aber weder den Gästen verborgen noch lässt sie den gesellschaftlichen Respekt gegenüber dem Berufsfeld Tourismus unbeschadet – was unter anderem auch den Anreiz auch für eine nächste Generation nicht eben steigert, sich in diesem Bereich beruflich zu orientieren.

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Denker und Bergfex: der in Marktschellenberg lebende Schweizer Kulturphilosoph Jens Badura. (Foto: Kastner)

Es lohnt daher, etwas differenzierter zu schauen, welche Faktoren besagte Verunsicherung und Unzufriedenheit prägen – und wie ihr konstruktiv begegnet werden kann.

Zunächst einmal ist zu unterscheiden zwischen allgemeinen Entwicklungen im Bergtourismus und solchen, die spezifisch mit der Region zusammenhängen. Ganz generell sind die Berge derzeit in Mode: für Übernachtungsgäste genauso wie für Naherholer. Die neue Popularität von Urlaub im Heimatland, der medial omnipräsente Megatrend Bergsport beziehungsweise die Suche nach dem authentischen Alpen-Outdoor-Erlebnis sind aktuell starke Triebkräfte, um im bayerischen Alpenraum Urlaub zu machen.

Öfter kommen, kürzer bleiben

Auch hat sich die Mobilitätskultur der Menschen verändert: Man besucht eher unterschiedliche Destinationen kurz als eine auf längere Dauer und entscheidet spontan. All das führt zu einem Mehr an Bewegung, die zudem schwerer zu steuern ist.

Regionalspezifischer ist der Umstand, dass es im Berchtesgadener Talkessel eine Reihe von Orten gibt, die auf der »Muss man gewesen sein«-Liste weit oben stehen und zunehmend auch von der stark wachsenden Gruppe von »Europe in one week«-Touristen besucht werden. Dann ist das Einzugsgebiet der Naherholer hier relativ groß – und mit größeren und kleineren Städten im nahen und mittelweiten Umkreis auch relativ bevölkerungsreich.

Die geomorphologisch bedingte Situation, dass die Zugänge und Verbindungswege zum beziehungsweise im Talkessel jeweils als staugarantierende Nadelöhre wirken und aufgrund begrenzter Parkflächen eine entsprechende Verlagerung in den unbewirtschafteten Parkraum stattfindet – Stichwort: Wildparkerei –, verstärkt den Eindruck, im wahrsten Sinne des Wortes »überrollt« zu werden, noch zusätzlich.

All das sind Zutaten, aus denen heraus dann der Schlagwortcocktail »overtourism« entstehen kann und sich wie alle Schlagworte, die häufig wiederholt werden, von einer vereinzelten Meinung zu einem vermeintlichen Faktum entwickelt.

Sind Tagesausflügler problematisch?

Auf diese Gemengelage zu reagieren ist nicht einfach. Zu leicht machen es sich jedenfalls die, die als einzige Problemursache die zunehmende Zahl an Tagesausflüglern identifizieren und daraus schließen, dass, wenn die nur wegblieben, wieder alles wieder im grünen Bereich sei; schließlich schüfen die ja die Verkehrsprobleme, ließen kaum Geld da und verdürben den Übernachtungsgästen und Einheimischen das Vergnügen.

Keine Frage, es braucht eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema. Aber erstens ist es keineswegs so, dass alle die Eintagsgäste für ein Problem halten. Sie sind für viele Betriebe im Talkessel eine wichtige Klientel. Was sagt man denen? Zweitens müsste man dann konsequenterweise auch nach außen signalisieren »Tagesgäste, euch wollen wir nicht«. Also gezieltes Negativmarketing, etwa mit »Stay home«-Zetteln, die an die Windschutzscheiben der unwirtschaftlichen Störenfriede gesteckt werden? Eine Social-Media- Kampagne mit den fünf wichtigsten Gründen, nicht nach Berchtesgaden zu kommen? Oder gleich den Talkessel für alle ohne Gästekarte sperren?

Nicht nur diese praktischen Probleme der »Die Tagesausflügler sind an allem schuld«-Diagnose lassen diese etwas unterkomplex erscheinen. Sie ist nämlich nicht mehr als eine Symptombekämpfung, die sich nicht mit den oben beschriebenen strukturellen Veränderungen im Tourismus befassen mag und damit die wesentlichen Herausforderungen für die Zukunft der Region ausgeblendet lässt: ein funktionsfähiges Verkehrskonzept. Selbst, wenn man die Zahl der Tagesausflügler substanziell reduzieren könnte, wäre nicht einfach alles wieder gut. Daher braucht es statt monokausaler Sündenbock-Erklärungen eine substanzielle Auseinandersetzung mit der Frage, was für eine Art Tourismus man unter den heutigen Rahmenbedingungen für die künftige Entwicklung der Region eigentlich will.

Und da ist nicht die »gute alte Zeit« der Maßstab, sondern eine aus der Gegenwart heraus entwickelte Zukunftsvision. Welche Art von Gästen möchte man wie ansprechen? Wie viele? Welche Infrastrukturen bräuchte es dafür und welche nicht? Welche Wertschöpfungsalternativen zum Tourismus möchte man schaffen, um nicht in Abhängigkeiten einer ökonomischen Monokultur zu geraten, die den Gestaltungsspielraum einschränkt oder aber zu Entscheidungen zwingt, die man nicht will?

Was ist zu tun, um die Region für eine nächste Generation attraktiv zu machen, die vielleicht ganz andere Lebensentwürfe hat und nicht im Tourismus arbeiten möchte? Und als ebenso wesentliche Frage über allem: Wie möchte man jetzt und künftig leben, da, wo man lebt?

Tourismus kein Selbstzweck

Auch wenn in Destinationen wie dem Berchtesgadener Talkessel der Tourismus zweifellos einen wesentlichen Stellenwert hat, ist er kein Selbstzweck. Die Rede von Overtourism weist darauf hin, dass diese Formel in der Wahrnehmung eines Teils der Bevölkerung nicht mehr gilt. Die mit dem Begriff angezeigte Problemlage verlangt aber deutlich mehr, als ihn zu jeder Gelegenheit zu wiederholen und kurzschlüssige Konsequenzen zu fordern. Es braucht Zeit und Raum dafür, dass die Einheimischen miteinander verhandeln können, wie sie diesen Ort nachhaltig lebenswert gestalten können – und was daraus folgt für ein bekömmliches und händelbares Maß an Tourismus. Destinationsentwicklung muss daher stets Teil einer in diesem Sinne betriebenen, partizipativen Regionalentwicklung sein und nicht die Regionalentwicklung an der Destinationsentwicklung ausgerichtet werden, wie das inzwischen häufiger im Zuge von außengesteuerten Markenprozessen geschieht.

Lebensqualität schafft Wertschätzung und nur aus Wertschätzung kann eine touristische Wertschöpfung entstehen, welche die Rede von Overtourism nicht aufkommen lässt. Und das ist gerade dann zu berücksichtigen, wenn von Qualitätstourismus gesprochen wird: Der nämlich verdient nur dann seinen Namen, wenn er neben der Qualität touristischer Dienstleistungen die Lebensqualität derjenigen befördert, die dort leben, wo die Dienstleistungsqualität erbracht wird.