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Sarah Connor ist wieder unterwegs

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Sarah Connor
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Sarah Connor auf der Bühne in der Mercedes Benz Arena in Berlin. Foto: Annette Riedl/dpa Foto: dpa

Sarah Connor ist wieder unterwegs: Auf einer Tournee durch Deutschland geht sie ihrer Lebensgeschichte nach. Dabei offenbart sie einige persönliche Einblicke.


Berlin (dpa) - Jetzt müsse sie zum Soundcheck in die Halle. Sarah Connor sitzt am Tisch in der Künstlerlounge, an einem Ende stehen reichlich Müsli und Obst, am anderen hat Connor bis eben gewartet. Jetzt verabschiedet sie sich knapp und verschwindet durch die Tür.

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Minuten später steht sie mitten in der Mercedes-Benz-Arena in Berlin, ein Gitarrensolo hallt durch die Gänge, das Schlagzeug kratzt an den Mauern des Zementbaus. Noch sind Parkett und Tribünen leer, in zwei Stunden werden hier 14 000 Menschen sitzen und der Pop-Diva aus Delmenhorst zujubeln.

Connor spricht von einer »großen Aufgabe« wenn sie ihre erste Tournee nach ihrem neuen Album »Herz Kraft Werke« beschreibt. Blues, Gospel, Jazz mit Live-Orchester und Riesenband - die Sängerin ist für ihre Neuproduktion durch die Welt gereist, war in London und den USA. Jetzt singt sie vor ausverkauften Rängen, eine Grippe zwingt sie zeitweilig zu einer Pause, sie muss Konzerte absagen.

Nach dem Befreiungsschlag mit ihrer CD »Muttersprache« (2015), für die Connor erstmals selbst die Songtexte schrieb, folgt jetzt die Unabhängigkeitserklärung. »"Muttersprache" war inhaltlich für mich persönlich die wichtigste Platte«, sagt sie, »es sind meine Gedanken und Geschichten.« Für »Herz Kraft Werke« habe sie sich noch mehr emanzipiert und mehr ausprobiert - mit tatkräftiger Unterstützung ihres Ehemannes und Managers Florian Fischer.

»Ich war in Nashville und habe meine Songs von echten Südstaaten-Musikern einspielen lassen, dann bin ich nach London geflogen, um dort mit Rosie Danvers und ihrem Ensemble Orchesteraufnahmen zu machen.« Ihren Weg als Künstlerin zeichnet Connor jetzt auf ihrer Herbst- und Winterreise durch die Stadthallen mit 30 Songs nach.

Bushido-Schwägerin, Dokusoap-Protagonistin, Nationalhymnen-Verhauerin (»Brüh im Lichte...«) - was ist nicht schon alles über Sarah Connor gesagt und geschrieben worden. Ob mit dem zum Skandal hochgehypten Auftritt in knapper Robe zur »Wetten, dass..?«-Show, die als Doku-Soap »Sara & Marc in Love« öffentlich ausgetragene Beziehung zu ihrem einstigen Ehemann Marc Terenzi oder die Erfahrungen beim Zusammenleben mit einer syrischen Flüchtlingsfamilie - Connor sieht solche Episoden heute mit gelassener Distanz.

Die Künstlerin hat den Blick auf sich selbst neujustiert. »Heute bin ich Mutter von vier Kindern, schreibe Songs. Das ist alles.« Heißt das, dass sie aufgehört habe, Popstar zu sein? »Ja, zumindest in meiner Wahrnehmung«, sagt Connor und beschreibt ihr »verrücktes« Leben: »Ich stehe 2,5 Stunden vor 15 000 Leuten, die alle meine Lieder auswendig mitsingen, mit mir lachen und tanzen und weinen und dann der Cut, ich gehe nach Hause, nehme meine Wimpern ab, wechsle Windeln und decke den Tisch für das Frühstück am nächsten Morgen. Das hat nichts mit Glamour zu tun. Aber ich liebe es.«

Klatsch und Tratsch seien unterhaltsam, hätten aber nichts mit der Realität zu tun. »Beim Friseur ist das mal ganz nett. Aber als Mutter von vier zauberhaften Kindern zwischen 2 und 15, habe ich wirklich andere Sorgen.« Halt im Alltag bekommt Connor vor einem Netzwerk von Freunden. »Da spielt die Öffentlichkeit keine große Rolle.«

Ganz unberührt bleibt sie aber dann doch nicht von dem Echo auf ihre Arbeit. Die Diskussion um ihren Song »Vincent« nimmt sie auch Monate nach der Veröffentlichung nicht locker. In dem Lied geht es um Verwirrung und Schmerz in der Liebe - unter anderem bei einem Jungen, der erkennt, dass er schwul ist. »Im Kern geht es vor allem um die bedingungslose Liebe von einer Mutter zu ihrem Kind.« Manche hatten sich über den ersten Satz »Vincent kriegt kein' hoch, wenn er an Mädchen denkt« aufgeregt und wollen diesen oder das ganze Stück nicht senden.

»Ich habe mich über die Reaktionen gefreut, und dass das Thema Homosexualität eine solche Aufmerksamkeit bekommen hat«, sagt Connor. Wie alle Songs brauche ein Titel wie »Vincent« eben eine starke Einstiegszeile, damit die Menschen wirklich hin hörten.

Bei den Reaktionen habe sie einen Unterschied zwischen Großstadt und ländlichen Gebieten festgestellt. »Ich lebe seit zehn Jahren in Berlin, bin aber selbst vom Land und weiß, dass es dort noch viele Menschen gibt, die nicht tagtäglich mit diesem Thema konfrontiert sind.« In Berlin sehe sie ständig bunte Vögel auf der Straße. Auch im Geschäftsleben. »Überall schwule, lesbische Freunde - das ist einfach völlig normal.« In vielen Regionen sei aber Homosexualität ein Tabuthema, etwa in Bayern wo der vermeintliche »Skandal« losging und Radiosender sich weigerten, den Song zu spielen.

Mit ihren Kindern rede sie über Homosexualität genau so wie über Heterosexualität. »Die Hysterie um den Song haben sie nicht verstanden.« Sie selbst könne diese Heuchelei nur schwer aushalten. »Einerseits behaupten wir von uns, wir seien so tolerant und offen, aber wenn es ans Eingemachte geht, knicken wir ein.«

Als Popmusikerin wolle sie aktuelle Themen aufgreifen - »Fragen zu stellen, die uns beschäftigen, und diesen Gedanken, Sorgen und Freuden dann Worte und Töne zu verleihen.« So ist wohl auch ihr Song »Ruiniert« entstanden.

Dort singt Connor zu Piano-Solo und Gitarre über »Despoten und AfD-Idioten«, reimt von Hirnen »so glatt poliert, dass uns nichts mehr berührt«. Es habe danach »schon richtig Stimmung« auf ihrer Facebook-Seite gegeben, sagt die Sängerin. »Es scheint, die AfD hat ihre treuen Social-Media-Schergen 24 Stunden wie Wachhunde im Einsatz.« Nach Erscheinen des Songs habe sie in kürzester Zeit ihren eigenen AfD-Flyer gehabt: »Sarah Connor - seit Jahren vielen Jahren kein Hit - mehr, braucht Aufmerksamkeit.« Connor: »Das hat mich sehr amüsiert.«

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