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»Romeo und Julia« in Musikbildern porträtiert

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»Romeo« Jesper Tydén und »Julia« Elisabeth Sikora sowie Dirigent Christian Simonis beim ersten Philharmonischen Konzert in diesem Jahr in Bad Reichenhall. (Foto: Aumiller)

Shakespeares dramatische Szenarien in Musik zu setzen, war für zahlreiche Komponisten ein großer Anreiz und brachte meist ebenso bedeutende Musikwerke hervor wie die zu Grunde liegenden, literarischen Tragödien.


»Romeo und Julia« ist die berühmteste Liebesgeschichte der Weltliteratur und gehört auch in ihren vielfachen, unterschiedlichen Vertonungen zu den hoch geschätzten Musikdramen. Mit drei markanten, musikalischen Porträts der tragisch Liebenden haben die Bad Reichenhaller Philharmoniker unter Christian Simonis ihrem Publikum im Theater ein interessantes Programm in wunderbarer Umsetzung geboten. Simonis brachte mit dem Orchester die charakteristischen Klangfarben und Stilunterschiede bestens zum Tragen und schälte markante Details heraus. Die Musiker gestalteten spannende Tutti und brillierten in diversen Sologlanzlichtern.

Gleich zu Beginn beeindruckte die Konzertouvertüre »Romeo und Julia« von Peter Tschaikowski als sinfonisches Beispiel emotionaler Klangbilder. Die melancholisch-getragene Einleitung, der ein russisches Kirchenlied zu Grunde liegt, symbolisiert den Mönch Lorenzo, der eine entscheidende Rolle im Drama spielt. Die Bläser eröffneten die feierliche Weise, sanfte Streicher und Harfenarpeggien mischten fein mit. Die Klänge schwangen sich dann mächtig auf zu den stürmischen Kontrasten der beiden verfeindeten Adelsfamilien, den Montagues und Capulets, wobei sich Flöten, Streicher und Becken recht aufgereizt hören ließen. In das streitbare, fast opernhafte Aufwallen mischte sich das Liebesthema in inniger Kantilene der Celli und Bläsersoli, das in der Wiederholung am Ende subtil ausklang.

Eine ganz andere Klangnatur brachte die amerikanische Version zum Thema ins Spiel: Leonard Bernsteins Erfolgsmusical »West Side Story« in seiner Mischung unterschiedlicher Musikformen. Bernstein verband einen Mix aus Jazz, klassischer Oper und lateinamerikanischen Tänzen zu einem faszinierenden Ganzen. Die verfeindeten Familien charakterisierte er in den rivalisierenden Jugendgruppierungen der Jets und Sharks und seine Überarbeitung 1955 der ursprünglichen Fassung von 1949 brachte die Konflikte zwischen Puerto-Ricanern und US-Amerikanern ins Spiel.

Die hier ausgewählten Nummern betrafen allerdings nicht die Konflikte, sondern in erster Linie die Liebesszenen zwischen Tony und Maria. Die niederösterreichische Schauspielerin Elisabeth Sikora und der schwedische Tenor Jesper Tydén erwiesen sich dabei als bewährte Musical-Darsteller. Zartstimmig gaben beide dem Textgehalt passenden Ausdruck. Mit »America« zeigte Tydén bewegliches Temperament und erwartungsvolle Haltung bei »Something’s Coming«. Sikora präsentierte sich sympathisch, Sopran und Tenor mischten sich stimmig in den Duetten »Tonight« und in der Hochzeitsszene »One Hand, One Heart«.

Nach der Pause folgte dann der Höhepunkt mit Sergei Prokofjews Orchestersuite Nr. 2 op. 64 b aus dem Ballett »Romeo und Julia«. Prokofjew wird gerne als Komponist »gemäßigter Moderne« bezeichnet, den Vorgaben des sowjetischen Regimes seiner Zeit geschuldet. Aus der besonderen Verflechtung zwischen Dissonanzen und harmonischer Melodik formte er einen unkonventionellen Stil, der zu seiner charakteristischen unverkennbaren Klangsprache wurde. Noch vor der Uraufführung des Balletts stellte er ausgewählte Nummern zu Orchestersuiten zusammen, die auch zur Popularisierung der Ballettmusik beigetragen haben.

Die Suiten geben markante Handlungsschwerpunkte wieder und zeichnen vor allem die Porträts des Liebespaares. Der Einsatz von Leitmotivcharakteristik in Bezug auf die Personen legt dem Hörer nahe, die zugehörigen Tanzbilder zu imaginieren. Die Philharmoniker ließen die Geschichte in schillernden Klangfarben effektvoll aufleben. Mit großem Pomp unter machtvollem Einsatz von Tuba und übrigem Blech zogen die Montagues und Capulets in majestätischem Schreiten ein. Dazwischen mischten die Flöten sanfte Farben unter. In flottem Wirbel tanzte dann die junge Julia in springlebendiger Rhythmik, unterstützt von lyrisch filigranen Bläserstimmen, die in feine Streicherelegien mündeten. Getragene Melodik mit Holzbläsercharme charakterisierte die Würde von Pater Lorenzo. Spritziges Tanzelement der Freunde Romeos durfte nicht fehlen, ebensowenig duftige Zartheit beim Morgengruß der Antillenmädchen mit Tamburin und exotischen Farben. Lyrische Zartheit ebenso wie ein üppiges Klangbad entfalteten der Abschied Romeos und die Grabszene mit reichen Instrumentenvarianten von Holz- und Blechbläsern, Glockenspiel, Celesta, Klavier, Pikkoloflöte, Oboe, Große Trommel, zart singenden oder sonor auftönenden Streichern und vielen Zwischentönen mehr. Großer Beifall für ein besonderes Klangfest. Elisabeth Aumiller