weather-image
»Teufelsgeigerin« Leticia Moreno mit dem »Orquestra de Cadaqués« im Großen Festspielhaus

Rhythmische Klangvielfalt

Das katalanische »Orquestra de Cadaqués« unter Leitung seines Chefdirigenten Jaime Martin hat im Großen Festspielhaus Salzburg südliche und nördliche Musik erklingen lassen – eine ungewöhnliche Kombination rhythmischer Klangvielfalt und romantischer Gefühle.

»Teufelsgeigerin« Leticia Moreno begeisterte zusammen mit dem »Orquestra de Cadaqués« unter der Leitung von Jaime Martin (rechts) in Salzburg. (Foto: Mikosch)

Eines der Ziele des jungen klassischen Orchesters ist die Wiederbelebung des zu Unrecht vergessenen spanischen musikalischen Erbes. Somit begann das Programm gleich mit einer Impression des katalanischen Komponisten Isaac Albéniz (1866 bis 1909) aus dessen »Suite española« in einer Orchesterfassung von Rafael Frühbeck.

Anzeige

Daraus wurde in all seiner musikalischen südlichen Farbenpracht »Cataluña« vorgestellt, die Region, in der der Komponist geboren wurde: Tänzerisch heiter, vom 6/8-Takt hin zu Polkaklängen wechselnd in schwungvoller, fast jahrmarktähnlicher Stimmung, in der das Orchester vor allem seine ausgezeichneten Holz- wie Blechbläser präsentierte.

Nur die Streicher begleiteten den Star des Abends: Die aus Spanien stammende Geigerin Leticia Moreno zeigte in Astor Piazzollas »Las Cuatro Estaciones Porteñas« (Die vier Jahreszeiten) ihre imponierende Interpretation und Technik. Leticia Moreno entlockte ihrer Pietro-Guarneri-Geige die schier gesamte Palette an Möglichkeiten, die neben dem gewohnten Wohlklang denkbar sind – von einem Kratzen bis zu einem »Schmieren« der Töne, was dem Ohr durchaus nicht gerade als Wohlklang erschien.

Melodiöse Partien spielte Leticia Moreno bewusst ein wenig in süßer Manier und in höchster Perfektion. Nicht allein die »Teufelsgeigerin«, wie Moreno gern genannt wird, lotete diesen Facettenreichtum an Klängen aus. Die Streicher des Orchesters beteiligten sich daran, nutzten den hölzernen Resonanzkörper ihrer Instrumente durch Klopfen mit der Rückseite ihres Bogens als Rhythmusinstrument und trugen durch Pizzicato, Staccato und Spiccato einmal hell, dann wieder in dunklem Bass die melancholischen Mollweisen.

Sicher hat die vielseitige Geigerin ihre Zugabe bewusst klassisch und melodisch gewählt, um dem Publikum zu zeigen, dass sie auch auf diesem Gebiet den Applaus verdient hat. Jaime Martin dirigierte mit sichtlicher Frische und Lust, korrespondierte freudig mit seinen Musikern und ließ seiner temperamentvollen Solistin wohlwollenden Freiraum.

Ganz anders in Temperament und Ausdruck folgten nach der Pause die »nördlichen Klänge«, die Symphonie Nr. 3 in a-Moll op. 56 des Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy (1809 bis 1847), auch die »Schottische« genannt. Bereits im ersten Satz, der elegisch beginnt und immer lebhafter wird, gelang es Dirigent Jaime Martin, Mendelssohns Tonsprache differenziert und voll Gefühl erlebbar zu machen. Fast wie ein Dudelsack hörte sich die dominante Klarinette im folgenden Scherzo an. Mit irisierenden Geigenklängen schienen die mystischen Geisterwesen der Hochmoore lebendig zu werden, während im Adagio Blechbläserklang in der Ferne kontrastreich in die immer wiederkehrende Hauptmelodie einfiel.

Der große Applaus brachte dem Publikum zum Abschluss eine typisch spanische Zugabe: Das Orchestervorspiel von Ruperto Chapi »La Revoltozza« (die Widerspenstige), in dem die fröhlich-turbulenten Stimmungskurven der spanischen Musikspiele, den Zarzuelas, voll Temperament aufgeblättert wurden. Helga Mikosch