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Reus-Ausfall ein Schock für Löw

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Abflug der Nationalmannschaft
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Joachim Löw besteigt den Flieger Richtung Brasilien. Foto: Fredrik von Erichsen Foto: dpa

Mainz (dpa) - Endlich Brasilien - aber ohne Marco Reus! Das lange Warten auf den Start ins WM-Abenteuer ging am späten Abend zu Ende, das niederschmetternde Turnier-Aus für den Dortmunder Offensivspieler trübte jedoch an Bord des Charterfliegers LH 2014 die Vorfreude bei Löw und seiner Reisegruppe.


»Für uns war es ein Schock«, erklärte der Bundestrainer, der sich mit seinen 23 WM-Spielern auf dem Frankfurter Rhein-Main-Airport noch zu einem Abschiedsfoto auf die Gangway stellte.

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Nach der letzten Nacht auf deutschem Boden, in der sich früh die leisen Hoffnungen auf eine doch noch glimpfliche Verletzung des Offensivspielers beim 6:1-Sieg im Benefiz-Länderspiel gegen Armenien zerschlagen hatten, musste Löw die bitteren Realitäten anerkennen und umgehend reagieren. Shkodran Mustafi nahm als Nachrücker den frei gewordenen Platz im Flugzeug von Frankfurt via Salvador nach Porto Seguro ein. Dort sollte das deutsche Team am frühen Sonntagmorgen (Ortszeit) eintreffen.

Reus war während der Bundesliga-Rückrunde und auch in der Vorbereitung in Topform. Er war ein Fixpunkt in Löws WM-Wunschelf und einer der Hoffnungsträger für den angestrebten vierten Titelgewinn nach 1954, 1974 und 1990. »Marco war super drauf. Er hat vor Spielfreude gesprüht. In unseren Überlegungen für Brasilien hat er eine zentrale Rolle gespielt«, bedauerte Löw. Im Trainingslager in Südtirol hatte er schon den Leverkusener Lars Bender mit einer Oberschenkelverletzung für das Turnier verloren.

Reus äußerte sich niedergeschlagen. »Ich weiß wirklich nicht, wie ich das in Worten ausdrücken soll, was ich gerade empfinde. Ein Traum ist von einer zur anderen Sekunde geplatzt«, sagte der 25-Jährige am Samstag der »Bild«. Auch die Teamkollegen litten mit der Turbo-Kraft, die sich intern höchste Wertschätzung erworben hatte. »Es ist bitter für uns und natürlich für ihn. Er war eine Waffe. Er kann Freistöße schießen, ist beweglich«, sagte Torjäger Miroslav Klose am Freitagabend nach dem Torfestival in Mainz, als Reus bereits in der Uniklinik bei der Untersuchung war. Diese bestätigte die befürchtete schwerwiegende Verletzung.

Nach einem eher harmlosen Zweikampf war der BVB-Profi mit dem Fuß unglücklich umgeknickt. Nach dem Sturz auf den Rasen schlug Reus die Hände vors Gesicht - er ahnte sofort Schlimmes. »Es war ein Zweikampf, wie er immer wieder passiert im Spiel«, sagte Löw zu der folgenschweren Szene. Die Mediziner konnten auch keine Hoffnung mehr auf einen Einsatz im Turnierverlauf machen: Erst in sechs bis sieben Wochen werde Reus voraussichtlich wieder ins Training einsteigen können, hieß es in ihrem Bulletin.

Löw nominierte umgehend Abwehrspieler Mustafi nach, den der Bundestrainer nach dem Trainingslager in Südtirol nicht für sein WM-Aufgebot berücksichtigt hatte. »Es tut mir sehr leid für Marco, aber ich freue mich natürlich, dass ich dabei sein kann«, sagte der 22-Jährige von Samdoria Genua.

Abwehrspieler für Offensivkraft - diese zunächst überraschende Entscheidung konnte Löw auch mit den Erkenntnissen des Spiels gegen Armenien begründen. »Es ging uns nicht darum, Marco Reus eins zu eins zu ersetzen«, erläuterte Löw. Auf den Positionen hinter der Spitze habe er aber mit Podolski, Schürrle, Götze, Müller, Özil, Draxler und auch Kroos »genügend Alternativen«. Deswegen habe er sich für eine weitere Option für den Defensivbereich entschieden, begründete Löw.

Vor allem der agile André Schürrle, der an seiner früheren Wirkungsstätte filigran mit der Hacke das erste Tor erzielt hatte, und der von den 27 000 Zuschauern gefeierte 2:1-Schütze Lukas Podolski drängten sich für die vakante Reus-Position auf. »Lukas und André sind körperlich sehr dynamisch, sehr stark. Man hat das Gefühl, sie haben in England, in der körperlich intensiven und sehr robusten Premier League, auch in diesen Bereichen zugelegt«, lobte Löw .

Nach dem zwischenzeitlichen 1:1 des Dortmunder Henrich Mchitarjan (Foulelfmeter) sorgten Benedikt Höwedes, Klose und der gleich zweimal erfolgreiche Joker Mario Götze noch für ein klares Ergebnis. Kloses Kopfball zum 4:1 war sogar historisch - mit seinem 69. Länderspieltor übertraf er drei Tage vor seinem 36. Geburtstag »Bomber« Gerd Müller (68 Tore) und stieg zum alleinigen deutschen Rekordschützen auf. »Man muss abwarten, ob es hilft«, sagte Klose zur beflügelnden Wirkung des Rekordes für seine vierte WM: »Das wird sich nächste Woche zeigen.«

Die Tage bis zum Ernstfall gegen Portugal am 16. Juni werden extrem wichtig sein. Unklar ist weiterhin, ob es Torwart Manuel Neuer nach seiner Schulterverletzung zum ersten Spiel schafft. Kapitän Philipp Lahm immerhin steht nach seiner Blessur am Fuß bereit, ob rechts oder im Mittelfeld. Auch Bastian Schweinsteiger feierte nach vier Wochen Pause ein kurzes 30-Minuten-Comeback.

»Die Mannschaft ist mit Beifall verabschiedet worden, das tut jedem gut, dieses positive Gefühl mitzunehmen in den Flieger, das kann noch mal einen Schub geben«, sagte Löw vor dem Countdown im Campo Bahia. »Wir freuen uns unglaublich. Wir warten schon ewig darauf, da rüberzufliegen«, sagte Schürrle vor der Abreise nach Südamerika und rief zum Sturm auf den WM-Titel auf: »Man muss immer das höchste Ziel haben!«