weather-image
11°

Rasante Abfahrten in einer atemberaubenden Landschaft

0.0
0.0
Bildtext einblenden
Auf dem Ollweite-Trail ist auch eine Steinpassage zu befahren. Dort hat man unter anderem einen sehr schönen Blick auf die Stubaier Alpen. (Fotos: Till)
Bildtext einblenden
Rasante Kurvenfahrt – hier durch einen Anlieger – warten auf der Ohn-Line.

Das Ötztal ist für Bergsteiger und Wildwasserfahrer mit seinen Alpen beziehungsweise seiner Ache ein beliebtes und wegen seiner Gletscher für Skifahrer und Hochtourengeher ein grandioses Ziel. Aber auch für Radsportler ist es attraktiv. Tourenfahrer und Familien können auf dem 50 Kilometer langen Ötztalradweg aus dem 660 Meter hoch gelegenen Haiming im Inntal in angenehmer Steigung bis zum 1350 Meter hoch gelegenen Sölden treten und dabei Höhepunkte wie einen der größten Wasserfälle Tirols, den Stuibenfall, bewundern. Dabei überqueren sie die tosende Ötztaler Ache auf spektakulären Radbrücken.


Die Kletterer unter den Rennradfahrern quälen sich von Sölden entweder auf der Hochalpenstraße über 60 unwiderstehliche Kehren zum 2500 Meter hohen Timmelsjoch, um von dort nach Meran in Südtirol hinunterzusausen, oder sie folgen den Spuren der Königsetappe der Tour de Suisse beziehungsweise der Deutschlandrundfahrt auf der endlos langen Gletscherstraße zum in 2800 Meter hoch gelegenen höchsten Straßenpunkt Europas am Rettenbachferner. Dort beginnt auch im Oktober die Weltcup-Saison der Skifahrer.

Anzeige

Mehrere Strecken stehen zur Auswahl

Sölden hat sich zu Recht zur »Bike Republic« erklärt, da es neben zahlreichen natürlichen Singletrails über ein ganzes Netz an geshapten Trails verfügt. Das sind extra für Mountainbiker errichtete und ständig gepflegte Downhillstrecken, die aus schnellen Anliegern, also bobbahn-ähnlichen Kurven, North-Shore-Elementen, das sind künstliche Bretterstrecken, die nach den kanadischen North-Shore-Mountains benannt sind, Stufen und Wellen für Sprünge bestehen. Diese Strecken, auch Lines genannt, sind in einen Pistenplan entsprechend ihrer Schwierigkeit farblich eingezeichnet. Grün bedeutet sehr leicht, blau leicht, rot schwierig und schwarz sehr schwierig. Aber selbst die als leicht bewerteten Strecken sind für normale Mountainbiker schwierig, da sie für sogenannte Downhiller gedacht sind, die mit ihren speziellen Rädern nur bergab fahren können – und das mit voller Schutzausrüstung, also Protektoren und Integralhelmen. Bergauf benützen sie Seilbahnen.

Die Mountainbiker und jetzt auch vermehrt die E-Mountainbiker strampeln dagegen aus eigener Kraft oder nur mit geringer Unterstützung bergauf. Auf der längsten Tour, dem ehemaligen »Gletscherexpress«, darf der E-Biker auch nur die kleinste Unterstützungsstufe wählen, damit weder er noch sein Akku auf der 1700 Höhenmetern umfassenden und knapp 40 Kilometer langen Strecke (6,5 Kilometer davon liegen oberhalb von 2500 Metern) schwächeln.

Von Sölden geht es technisch einfach auf der oben erwähnten Gletscherstraße in einer atemberaubenden Landschaft hinauf zum höchsten Straßenpunkt Europas am Rettenbachgletscher. Nach verdienter Pause rollt der Bergradler zunächst 1,5 Kilometer auf der Asphaltstraße zurück, um dann auf einen Pistenweg abzuzweigen und nochmals gut 150 Höhenmeter zur Rotkogelhütte auf 2660 Meter hinaufzutreten. Jetzt beginnt der Fahrspaß!

Ein 1320 Tiefenmeter und 16 Kilometer langer Downhill über fünf Lines, die sich von Seilbahnstation zu Seilbahnstation wie Pisten aneinanderreihen. Die Einheimischen haben den unterschiedlichen Strecken ihrem Ötztaler Dialekt entsprechend passende Namen verliehen, die selbst für Bayern schwer verständlich sind.

So beginnt die Abfahrt mit der roten Ollweite-Line, was so viel wie »im freien Gelände« bedeutet und mit flowigen Anliegern und anspruchsvollen Steinfelderpassagen aufwartet. Es folgen vier blaue Lines beginnend mit der Troan, was so viel wie »trödeln« heißt und die mit ihren Rollern (halbrunde Hügel, die überrollt oder übersprungen werden können) spaßig und entspannt zur Harbe-Line führt und die entsprechend ihrem Namen wegen des tollen Fahrgefühls »immer und immer wieder« befahren werden will. Darauf folgt die Gahe-Line (gach oder schnell und flott), in der man es richtig laufen lassen kann und einen fulminanten Flow erlebt. Zum Schluss wartet die Lettn-Line, was wie bei uns lehmig oder schlammig bedeutet. Die feuchten Passagen sind mit gewaltigen und teilweise kreiselförmigen North-Shore-Elementen überbrückt, sodass man mit staubigen, aber trockenen Reifen in der Giggijoch-Talstation einrollt und zufrieden zurückblickt.

Der Gaislachkogel bietet viele Up- und Downhillvarianten. Für eine der schönsten Runden fährt man wieder kurz die Gletscherstraße hinauf, um schon bald nach links auf die Forststraße zur Gaislachalm abzuzweigen. Während der angenehmen, weil nie zu steilen Auffahrt, zieht auf der anderen Talseite das Panorama der Stubaier Alpen die Blicke immer wieder auf sich. Von der Gaislachalm sieht man einerseits in das 2000 Meter hoch gelegene Almgelände des Silbertals und andererseits tief hinunter ins Ventertal.

Im großen Bogen fährt der Bergradler weiter zur Mittelstation der Gaislachkogelbahn in 2175 Metern Seehöhe. Hier steht ein Steintor als Startplatz für die 810 Tiefenmeter und 7,3 Kilometer lange Gaislachkogel-Longline, die aus zwei blauen und einem grünen Trail besteht. Der Downhillspaß beginnt mit der Eebme-Line – übersetzt »ebene Strecke«. Sie führt mit wenig Gefälle und nur einigen Kurven flott zur Ohn-Line. Ohn steht für »hinunter« und so geht es zunächst in langen Abschnitten besonders schnell abwärts, bis man im unteren Bereich dann auf North-Shore-Holzkonstruktionen trifft, die steil bergab führen. Ist dieser Abschnitt geschafft, wartet die grüne Broate-Line. Das heißt »breit« und ist dementsprechend einfach, aber wegen einiger tollen Kurven äußerst spaßig zu befahren.

Das gilt vor allem für den die Tour abschließenden Pumptrack. Das ist eine Runde mit steilen Kurven und Wellen, die ohne Treten nur durch Hochdrücken des Körpers aus den Wellentälern befahren werden kann.

Nach so viel Rummel zieht es den Naturfreund unter den Bergradlern auf die stille Seite von Sölden. Das ist die unerschlossene östliche Talseite mit ihren Forst- und Almwegen sowie den Naturtrails auf den Wanderwegen. Schilder weisen daraufhin, dass sich Wanderer und Mountainbiker diese Wege teilen und gegenseitig Rücksicht nehmen sollen.

Das klappt übrigens auch hervorragend und die Wanderer freuen sich, die Radler in Aktion zu sehen, und sind gerne bereit, einzeln fahrende Mountainbiker zu fotografieren. Bei kurzen Smalltalks weisen sie diese auch auf die nächsten schwierigen Stellen hin, da die Trailfahrer diese verwurzelten und steinigen Wege nicht schnell hinunterbrausen, sondern nur konzentriert und vorsichtig hinunter zirkeln können.

Eine der schönsten Touren führt zur Kleblealm

Eine der schönsten Bergradltouren führt zur Kleblealm. Auf einer breiten Forststraße geht es 650 Höhenmeter und 6 Kilometer gemütlich hinauf zur idyllisch gelegenen Alm, auf der man Tiroler Spezialitäten aus eigener Landwirtschaft genießen kann. Zudem kann man dabei die beeindruckende Gletscherwelt der Ötztaler Alpen bewundern.

So gestärkt schadet auch ein Besuch der danebenliegenden sehenswerten Söldenkapelle nicht, denn die folgende Trailabfahrt hat es in sich. Der Klebletrail ist dunkelrot eingestuft, da steile, verwurzelte und verblockte Passagen volle Konzentration vom Fahrer verlangen. So ist es auch keine Schande, an der einen oder anderen Stelle abzusteigen und sein geliebtes Rad zu schieben.

Die schwierigste Stelle entpuppt sich als Sandreiße, an deren steilsten Absatz Eisenbügel für die Wanderer zum Aufstieg und die Mountainbiker zur Abfahrt angebracht sind. Da der Trail die Forststraße mehrmals kreuzt, können ungeübte Radler aus diesem auch aussteigen und gemütlich zu Tal rollen. Diejenigen, die den ganzen Trail bewältigen, stellen fest, dass sie die Abfahrt anstrengender war als die Auffahrt.

Das Ötztal und besonders Sölden bieten weit mehr Routen, Trails und Endurostrecken als in diesem Artikel beschrieben werden können – und so lohnt es sich, immer wieder hierherzukommen. Rudolf Till