weather-image

Radsport als Jubel-Show - 100. Tour als große Bühne

Bastia (dpa) - In der größten Krise des Radsports mit einem der Komplizenschaft verdächtigten Weltverband und dem Sturz der einstigen Galionsfigur kommt die 100. Tour de France gerade recht. Die Jubiläumsfeiern beginnen am Samstag mit der ersten Etappe von Porto Vecchio nach Bastia.

Jubiläum
Die Tour de France geht in ihre 100. Runde. Foto: Christophe Karaba Foto: dpa

Unbekümmerte Partystimmung auf Korsika ist trotz frischer Diskussionen um das merkwürdige Doping-Outing Jan Ullrichs versprochen. Wie zum Trotz soll die Tour wieder magische Momente liefern. Die Festina-Affäre 1998, die Puerto-Ermittlungen ab 2006 und die Streichung des Namens Lance Armstrong aus den Siegerlisten von 1999 bis 2005 reichten nicht für den längst prognostizierten klinischen Tod der Branche. Zum Feiern reicht die Vitalität noch.

Anzeige

Die 100. Austragung in 110 Jahren Tour de France steht wieder für Dramatik, Triumphe, Tränen, Bluff und Blut, und vielleicht erneut den großen Betrug. Der scheint die Fans kaum zu stören: An den Straßen in Frankreich stehen pro Jahr rund 15 Millionen Menschen, egal mit welchen schlechten Nachrichten die Rundfahrt aufwartet. «Die Tour wird es immer geben», sagt ihr Direktor Christian Prudhomme, der die TV-Rechte in über 190 Länder verkauft. Nach Olympischen Spielen und Fußball-WM ist sein Produkt das medienträchtigste Sportereignis der Welt. Tour-Fans in London dürfen sich auf Public Viewing während der Alpen-Etappen freuen.

Betrug liegt der Tour sozusagen in den Genen. Bei der zweiten Austragung 1904 wurden die ersten fünf Profis, angeführt von dem Premierensieger Maurice Garin, im Nachhinein disqualifiziert. Sie hatten Etappenabschnitte teilweise im Zug zurückgelegt. Das Thema Doping begleitet die Tour schon seit ihren Kindertagen. 1924 berichtete Henri Pélissier, der Sieger von 1923, von «Dynamit» in den Trikottaschen der Fahrer, Kokain für die vor Müdigkeit zufallenen Augen und Chloroform gegen die Schmerzen. Die erste Touretappe am 1. Juli 1903 von Paris nach Lyon über 487 Kilometer dauerte 18 Stunden.

Inzwischen ist das Doping - nicht nur im Radsport - allgegenwärtig. Die Branche steckt in einem Dilemma. Werden die Fahnder in zahlreichen Kontrollen fündig, gilt das manchen als Indiz für den ausgebliebenen Wandel. Andererseits spricht die Trefferquote auch für die langsam steigende Qualität der Kontrollen. Sind die erneut positiven Befunde der Profis Danilo di Luca, Sylvain Georges und Mauro Santambrogio beim vergangenen Giro d'Italia nun ein gutes oder schlechtes Zeichen? Bei der Tour soll nach vier Jahren neben dem umstrittenen Weltverband UCI wieder die französische Anti-Doping-Agentur AFLD für Law and Order sorgen. «Das ist gut», findet der deutschen Topsprinter Marcel Kittel.

Vor allem die Leidensgeschichten speisen den Tour-Mythos. Die von Eugene Christoph, der vor 100 Jahren einen Gabelbruch am Tourmalet im Do-It-Yourself-Verfahren in einer Schmiede richten musste, ging mit einer schmerzlichen Niederlage zu Ende. Die Tom-Simpson-Story endete mit dem Tod. Der Brite starb 1967 beim Anstieg in glühender Hitze auf den Mont Ventoux - auch diesmal im Streckenprofil. Alkohol und Amphetamine sollten Simpson den Weg auf den Riesen der Provence erleichtern - der Cocktail war tödlich. Danach wurden unter heftigem Protest der Profis Doping-Kontrollen eingeführt.

Der unersättliche Eddy Merckx, der jugendliche Didi Thurau und seine 15 Tage in Gelb 1977, der letzte einheimische Triumphator Bernard Hinault, und der 1997 so unbekümmert wirkende einzige deutsche Toursieger Jan Ullrich sind ebenso Teil der Legende.

Das sportlich vielleicht größte Drama erlebte der 2010 an Krebs verstorbene Laurent Fignon. 1989 führte der Franzose vor der letzten Etappe mit 50 Sekunden Vorsprung. Nach dem abschließenden Zeitfahren von Versailles nach Paris hatte er acht Sekunden Rückstand auf den US-Profi Greg LeMond. Die knappste Niederlage in der Tour-Geschichte blieb Zeit seines Lebens an Fignon haften. Dahinter verblassten seine Siege 1983 und 1984.

In diesem Jahr spricht im Kampf um das Maillot Jaune nach der Absage des Vorjahressiegers Bradley Wiggins vieles für ein Duell. Der Vorjahreszweite Christopher Froome aus Großbritannien und dem aus seiner Dopingsperre nach Frankreich zurückkehrende Spanier Alberto Contador werden im Stechen auf spektakulärer Streckenführung über 3 479 Kilometer erwartet.

Die klassischen Anstiege auf den Mont Ventoux und nach L'Alpe d'Huez - zum ersten Mal an einem Tag zweimal zu bewältigen - stehen ebenso im Programm der gigantischen Radsport-Show wie ein Einzelzeitfahren nach Mont Saint Michel im Atlantik. Die letzte Etappe führt von Versailles nach Paris, wo die Tour auf den Champs Elysées am Abend des 22. Juli unter Flutlicht enden wird - Partystimmung garantiert.