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Putin wendet Ukraine-Boykott bei Paralympics ab

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Waleri Suskewitsch ist der Chef des ukrainischen Behindertensportverbandes. Foto: Sergei Chirikov Foto: dpa

Sotschi (dpa) - Ein persönliches Treffen mit Wladimir Putin hat einen Paralympics-Boykott der Ukraine im letzten Moment verhindert.


Wenige Stunden vor der Eröffnungsfeier bestätigte Verbandspräsident Waleri Suskewitsch die Teilnahme seines Teams, nachdem ihn Russlands Präsident am Vorabend für eine halbe Stunde empfangen hatte. »Ich hoffe, dass der Wunsch nach Demokratie und Menschenrechten und nach Frieden erhöht wird, vor allem von Putin«, sagte Suskewitsch und betonte: »Die ukrainische Mannschaft hat den herzlichsten Wunsch nach Frieden für unser Land, Europa und die Welt.«

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Die Ukrainer hatten tagelang mit vorzeitiger Abreise wegen des Krim-Konflikts gedroht. Am Ende entschied sich das ukrainische Team für einen weiteren Schritt der Diplomatie. »Wir bemühen uns um eine Sache: Dass es keinen Krieg gibt während der Paralympics, dass wir Frieden genießen können«, kommentierte ein emotionsgeladener Suskewitsch im völlig überfüllten Raum »Dostojewski« des Main Press Centers von Sotschi. »Ich bete dafür. Die Paralympics können der Welt helfen, Frieden zu finden.«

Von deutscher Seite fand die Entscheidung große Anerkennung. »Das finde ich ein mutiges Zeichen, an der Stelle zu zeigen: Wir sind hier als nationales Team eines souveränen Staates«, sagte Friedhelm Julius Beucher, Präsident des Deutschen Behindertensport-Verbandes (DHB), auf seiner Fahrt zur Eröffnungsfeier. Und weiter: »Das ist stärker als wenn sie gesagt hätten, wir boykottieren, weil jetzt alle Augen auf die Ukraine gerichtet sind.« Das deutsche Team kündigte an, als stillen Protest gegen die russische Ukraine-Politik ohne Fähnchen bei der Eröffnungsfeier einmarschieren zu wollen. Nach dpa-Informationen hatte das Team ursprünglich mit russischen und deutschen Fähnchen winken wollen.

Fast eine Stunde dauerte die spontane Pressekonferenz von Suskewitsch, sonst eher ein No-Name auf der internationalen sportpolitischen Bühne. Der Chef der ukrainischen Delegation ließ keinen Zweifel daran, dass seine Mannschaft im Fall eines Kriegsbeginns während der Spiele sofort abreisen werde. »Meine Angst ist, dass trotzdem etwas Unheilvolles passieren kann. Beim Allerschlimmsten gehen wir heim«, sagte er. »Während der Paralympics sollte man Schritte unternehmen, um den Konflikt zu deeskalieren. Jeder Schritt in Richtung Krieg sollte ausgeschlossen werden.«

Ganz viel Pathos hatten die Ukrainer schon am Donnerstagabend bei der Willkommens-Zeremonie im Athletendorf von Krasnaja Poljana gezeigt. Die Athleten hatten laut ihre Nationalhymne mitgesungen und angesichts der Krim-Krise mit Sprechchören (»Frieden für die Ukraine«) auf sich aufmerksam gemacht. Das Internationale Paralympische Komitee (IPC) reagierte daraufhin mit einer offiziellen Untersuchung, dem ukrainischen Team drohen Sanktionen.

Es werde geprüft, ob Teammitglieder gegen die Charta der Spiele verstoßen hätten. »Wenn es ein politischer Protest gewesen sein sollte, wären wir enttäuscht«, sagte ein IPC-Sprecher, »hier in Sotschi soll der Sport und nicht die Politik im Vordergrund stehen«.

Suskewitsch berichtete von bewegenden Eindrücken selbst von vielen russischen Volunteers bei der Zeremonie. »Einfache Passanten riefen uns etwas zu, man hörte nur das Wort Frieden, es gab keinen Unbeteiligten.« Als die Nationalhymne ertönte und pikanterweise das russische Militär dazu salutierte, »hatten alle Tränen in den Augen, als wir an unser Volk und unser Land dachten«, kommentierte er und ergänzte: »Wir haben den Beschluss gefasst, die Fahne einer unabhängigen, souveränen Ukraine zu hissen.«

Unterdessen hat sich Russlands Regierung erneut gegen eine Politisierung der Wettkämpfe ausgesprochen. »Festtage des Sports, besonders solche wie die Paralympischen Spiele, sollten sich nicht unter dem Einfluss der Politik befinden«, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow. Dies habe Präsident Putin am Vortag auch Suskewitsch bei dem Treffen gesagt.

Abseits der Politik sorgte der erste Doping-Fall der Spiele für Aufsehen. Der italienische Sledgehockey-Spieler Igor Stella wurde positiv auf das anabole Steroid Clobetasol getestet. Die Substanz soll in einer Salbe enthalten sein, die Stella nach eigenen Angaben zur Behandlung von Wundliegegeschwüren benutzt hatte. Der 23 Jahre alte Athlet wurde bis zur Öffnung der B-Probe suspendiert.

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