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Pulsierendes Leben und Vergänglichkeit

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»Lay Out« nennt der Künstler Jochen Schambeck seine an Blumen erinnernden Arbeiten aus Ölfarbe auf Malplatte.

Wohl kein Motiv ist schon so oft auf Papier, Leinwand oder alle anderen denkbaren Materialien gemalt worden wie Blumen. Wegen ihrer Schönheit und Vielfältigkeit haben sie schon immer Fantasie und Kreativität von Künstlern beflügelt. Eine dennoch ganz und gar ungewöhnliche »Blumenausstellung« mit fünf renommierten Künstlern aus ganz Deutschland ist noch bis An-fang nächsten Jahres in der Städtischen Galerie Traunstein zu sehen.


Fünf Künstlern gelingt es, mit völlig unterschiedlichen Ansätzen und Ausdrucksformen, das allgegenwärtige Blumenmotiv neu und aus zeitgenössischer Sicht heraus zu interpretieren und zu gestalten. Der Übergang zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion ist dabei fließend, ungewöhnliche Perspektiven, Unschärfen und die Betonung des Materials lassen die »Blume« – die oft manchmal nur in unserer Vorstellung eine ist – in neuem Licht erscheinen. Es wird deutlich, wie viel Spannendes und Unterschiedliches ein so traditionelles Motiv beinhalten kann.

Gleich beim Betreten des Ausstellungsraums im ersten Stock fallen die Farbenpracht und materielle Fülle der Arbeiten von Jochen Schambeck ins Auge. Die Grenze von Malerei und Bildhauerei ist bei diesem Künstler fließend – der Bildträger wird durch den extrem pastosen Farbauftrag dreidimensional, zum Relief erweitert. »Gewächse aus Ölfarbe« bezeichnete der Malerkollege Peter Riek die Arbeiten. Schambeck selbst nennt sie »Lay Out«, also Bildgestaltung.

Nicht die Blume ist sein Thema, sondern Kraft, Energie, Materie und Farbe, dem prozessartig sich entwickelnden Austausch zwischen Malprozess und künstlerischen Mitteln. Dieser Malprozess, der durch kräftiges Werfen der Farbe, Malen mit den Händen oder direktes Aufsetzen der Farbtube auf einem monochrom gehaltenen Malgrund erfolgt, steht im Mittelpunkt. Jochen Schambeck, Jahrgang 1964, studierte an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart und Karlsruhe, wo er auch heute lebt und arbeitet.

Völlig unterschiedlich sind die Arbeiten von Peter Riek im hinteren Teil des Raumes. Bei ihm fehlt die beim Sujet natürlich erwartete Farbe: in seinen drei großformatigen Zeichnungen aus »Notizen zu Farbe, Raum und Name« sind Farben lediglich als geschriebene Wörter vorhanden: Weiß, Umbra, Phtalocyningrün – ist vom Künstler handschriftlich auf das Bild gekritzelt. Erinnernd an den Surrealisten René Magritte (der eine naturalistisch gemalte Pfeife mit dem Satz »ceci n´est pas une pipe« – das ist keine Pfeife – kommentierte), stellt Peter Riek Bild und Wort gegeneinander. Bei ihm eröffnen die Wörter einen zusätzlichen Raum, der Wahrnehmung, von Denken und Assoziieren, anders als es das Sehen von Formen aktiviert. In Vitrinen sind außerdem 40 Arbeiten des Künstlers aus der Folge »Italienisches Inventar« zu sehen – es sind fotografierte Straßenzeichnungen von Kreidezeichnungen auf Pflaster-asphalt. Wieder sind es Zeich-nungen von Pflanzen und Blumen, nun kombiniert mit italienischen Eigennamen von längst vergessenen Malern der Frührenaissance. Auch Peter Riek aus Heilbronn, geboren 1960, studierte an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart und hatte zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland.

Im zweiten Stock der Städtischen Galerie begegnet der Besucher mehreren Arbeiten des freischaffenden Malers Harry Meyer, ebenso Jahrgang 1960. Nach einer Handwerkslehre und einem Architekturstudium lebt und arbeitet er heute in der Nähe von Augsburg. Von ihm stammte der Vorschlag zu der ungewöhnlichen Präsentation mit den Künstlern, die in Traunstein erstmals zusammen ausstellen. Die hier gezeigten Arbeiten von Harry Meyer aus der Serie »Stilles Leben … Blumen« bewegen sich zwischen den Polen von Tod und Leben.

Ähnlich wie bei Jochen Schambeck wuchert dem Betrachter eine Vielfalt an lauten Farben in pastosem Farbauftrag entgegen, ein Farbenmeer – ein »stilles Leben«, das nicht still ist, sondern gleichsam von Vitalität vibriert. »Der Künstler verwendet eine expressive Bildsprache, die in ihrer Aufgewühltheit und Impulsivität an die späten Bilder van Goghs denken lassen«, urteilte Judith Bader, Leiterin der Städtischen Galerie bei ihrer Einführungsrede.

Kohle als Brücke zum Tod

In starkem Kontrast zu diesen farbigen und expressiv vitalen Bildern stehen Harry Meyers großflächige Kohlezeichnungen in abgestuften Grauschwarz-Nuancierungen. Sie vermitteln Stille, Melancholie bis hin zur Trauer. Auch hier ist das künstlerische Mittel kein Zufall, denn die Kohle, die ja nur verbranntes Holz ist, schlägt eine Brücke zu Tod und Vergänglichkeit. Das Flüchtige, Vergängliche einer Kohlezeichnung, kenntlich durch die beim Malen herunterrieselnden Staubteilchen, verstärkt den Eindruck des Vergänglichen. Leben und Tod erscheinen so in dem Zyklus »Stilles Leben« von Harry Meyer als die beiden Spannungspole menschlicher Existenz.

Ebenfalls in diesem Raum sind die beiden besonders eindrucksvollen, großen Blumenfotografien, jeweils im 6er Block, des international renommierten Künstlers Werner Knaupp zu sehen. Bekannt geworden durch seine meisterhaften, in Schwarz und Weiß realisierten Natur- und Landschaftsdarstellungen, wandte sich der 1936 in Nürnberg geborene Künstler in den letzten Jahren der Fotografie zu. Er fotografiert Blumen aus allernächster Nähe, wobei er bewusst nicht Sucher oder Display kontrolliert.

Die Versehrtheit des Lebens

Die sich ergebenden Unschärfen, die extreme Nahsicht und die ungewöhnlichen Details der Aufnahmen erlauben es dem Künstler, bei dem scheinbar zutiefst vertrauten Blumenthema das Fremde und Unvertraute zu zeigen. Werner Knaupps Blumentableaus offenbaren die Parallelen zwischen der Stofflichkeit von Blume und menschlicher Haut und Gewebe – die Wechselwirkung von physischem und psychischem Ausdruck werden sichtbar. Der Künstler, der lange Professor für Malerei an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg war, zeigt eine Schönheit, die das Verblühen und Verwelken, das heißt die Versehrtheit und Verwundbarkeit allen Lebens betont.

Fünfter im Bunde der hier ausstellenden Künstler ist Stefan Wehmeier, 1955 in Köln geboren, der in Landsberg am Lech lebt. Seine außergewöhnlichen keramischen Arbeiten, »Knochenstrauß«, »Große Blüte« oder das 20-teilige »Blumenbeet« sind in beiden Stockwerken der Galerie zu bewundern und stellen so ein verbindendes Element zwischen den Räumen und den verschiedenen künstlerischen Ansätzen dar. Ausgangspunkt für die keramischen Blumenvariationen von Stefan Wehmeier, der unter anderem ein Studium an der Akademie für Graphisches Gewerbe in München abschloss, sind das Entdecken von Mate-rial aus der normalen Alltagswelt, zum Beispiel eine Gugelhupfform oder Reste eines Motors, die bei ihm Grundform für seine ganz besonderen Blütenkelche oder Stängel werden. Aus Spielfreude, einer Art dadaistisch-surrealistischem Vergnügen, bringt er Dinge aus verschiedenen Funktionszusammenhängen und Bedeutungsebenen zusammen, sodass – durch den künstlerischen Zugriff – eine neue Wirklichkeit entsteht. Seine Keramiken geben nicht vor, Abbilder von Blumen zu sein und doch spielen diese Assoziationen, angeregt vom Titel der Arbei-ten, beim Betrachter mit. Bei Wehmeier entsteht ein geistreiches Spiel mit unseren vorhandenen Denk- und Einordnungsschablonen.

Oberbürgermeister Christian Kegel eröffnete die Ausstellung und freute sich, dass die fünf Künstler auch von weither ihre Werke in der Kulturstadt Traunstein präsentieren.

Die Ausstellung »Das Drama im Blütenkelch« ist bis ein-schließlich Sonntag, 3. Januar, mittwochs bis freitags von 15 bis 18 Uhr, am Samstag und Sonntag von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Von 23. Bis 27. Dezember ist die Ausstellung geschlossen, aber Silvester und Neujahr geöffnet. Ausstellungsrundgänge mit Galerieleiterin Judith Bader sind an den Sonntagen, 13. Dezember, und 3. Januar, um 16 Uhr sowie am Dienstag, 22. Dezember, um 10 Uhr. Führungen von Gruppen, die auf Wunsch auf bestimmte Inhalte und das Alter der Teilnehmer abgestimmt werden können, sind nach Absprache jederzeit möglich, Telefon 0861/164319. Christiane Giesen