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Puck als Jazzgeiger

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Christiane Boesiger als Diva der alten Schule und Nathan De’Shon Myers als Jonny.

An der Liftstation kommt ein eigenwillig trauriges Lied aus dem Lautsprecher. Die Touristen kennen die berühmte Sängerin, sie logiert im selben Hotel. »Schade, dass sie so gerne moderne Musik singt«, singt der Chor der Schifahrer und fängt erleichtert an zu tanzen, wenn swingend die Hotelband einsetzt. Der kraftvolle Ton des Jazzband-Geigers Jonny lässt wiederum den ebenfalls winter-urlaubenden Violinvirtuosen Daniello die Ohren spitzen: Das klingt verdammt nach seiner gestohlenen Amati.


Andreas Gergen, Opernchef am Salzburger Landestheater, inszenierte die Oper »Jonny spielt auf« von Ernst Krenek im Bühnenbild von Court Watson. Es spielt das Mozarteumorchester Salzburg unter der Leitung von Adrian Kelly.

Es ist eine schwungvolle temporeiche Aufführung mit Sessellift, Skywalk über dem Gletscher und dampfender Eisenbahn, deren Protagonisten auch indoor immer in Bewegung bleiben. Dafür sorgt allein schon die wie eine Vinyl-Schallplatte sich unaufhörlich drehende, wenn auch keineswegs auf 33 Umdrehungen beschleunigte Drehbühne. Zur Ausstattung im Stil der zwanziger und dreißiger Jahre stimmt hervorragend an der Bühnenrückwand Court Watsons Collage aus Original-Plakaten, die mit der Mode der Zeit, aber auch mit dem Stereotyp des singenden und grinsenden »Negers« spielt.

Den Jonny singt und tanzt im Salzburger Landestheater der als Sänger und Darsteller brillante Nathan De’Shon Myers. Die Titelfigur in Ernst Kreneks Oper ist eine Art Puck, der mit seinen Einfällen die Geschichte voran – und die Figuren vor sich her treibt. Er klaut die Geige des Virtuosen oder begrapscht vor dessen Augen die berühmte Sängerin. Vor allem aber obliegt es Jonny, der europäischen Musik einen amerikanisch polierten Spiegel vorzuhalten: »Die Stunde schlägt der alten Zeit…« – Wobei »Amerika« aber schon für Krenek 1927 mehr ein Utopia als ein reales Land dargestellt haben dürfte.

Bereits wenige Jahre nach der Uraufführung und einem echten »Hype« ist es still geworden um Jonny. »Jazz-Oper« ist »Jonny spielt auf« natürlich keine. Da und dort ein wenig Cole Porter oder George Gershwin, das sei alles, sagte schon Krenek (1900-1991) selber. Aber das kommt temporeich und rhythmisch mitreißend pointiert vom Mozarteumorchester unter Adrian Kelly. Besonders, wenn Nathan De’Shon Myers als Jonny und das Stubenmädchen Yvonne zu zanken und zu kosen beginnen: Mit dem neckischen Selbstbewusstsein einer Mozartschen Susanna setzt Laura Nicorescu auf virtuos phrasierten Linien funkelnde Sopran-Glanzlichter.

Vieles erinnert aber auch an Puccini oder Schreker. Die romantisch-expressionistischen »Opera seria«-Passagen im »Jonny« gehören dem melancholischen Komponisten Max und der Starsopranistin Anita. Den in seiner Weltangst erstarrten Komponisten singt Franz Supper mit traurigem Dackelblick und strahlkräftigem Tenor.

Ihn hat Anita – im Wortsinn – vom Gletscher losgeeist und ins Hotelzimmer geschleppt: Christiane Boesiger überzeugt darstellerisch als Diva der alten Schule und sängerisch weit gespannten Melodiebögen. Ebenfalls souverän: Simon Schnorr als selbstverliebter Violinvirtuose Daniello, dem der Regisseur die Attitüde eines Don Giovanni gegeben hat. Heidemarie Klabacher