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Paganinis teuflisches Lachen

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Der russische Violinist Sergey Malov glänzte mit großer Virtuosität beim zweiten Konzert des Chiemgauer Musikfrühlings im Kloster Seeon. (Foto: Benekam)

Der Chiemgauer Musikfrühling feiert Jubiläum. Seit 15 Jahren kommen hochkarätige Musiker aus aller Herren Länder im Chiemgau zusammen und geben an unterschiedlichen Orten klassische Konzerte der Superlative.


Dabei finden fünf der elf Konzerte im Kloster Seeon statt, wo auch das zweite Konzert der inzwischen weit über den Landkreis hinaus beliebten Musikveranstaltungsreihe regen Zulauf erfuhr: Im wunderschönen Festsaal gab sich der russische Violinist Sergey Malov unter dem Konzerttitel »Reflexionen« mit einer Paganini-Matinee die Ehre. Im Mittelpunkt des Konzerts standen Paganinis 24 Caprices op. 1, die unbestritten zum Schwierigsten gehören, was je für die Geige komponiert worden ist.

»Dedicati agli artisti« – »den Künstlern gewidmet«, schrieb Paganini auf das Deckblatt seines Opus 1. Soviel ist klar: Wer diese Stücke spielen will, muss – im wahrsten Sinne des Wortes – etwas von seinem »Handwerk« verstehen. In der fast überirdisch virtuosen Interpretation Sergey Malovs stand außer Zweifel, dass er, wenn auch ein paar Jährchen später (die Paganini Capricen stammen aus dem Jahr 1820), zu jenen Nachfolgern des »Teufelsgeigers« gehört, bei denen sich sogar eine »Verwandtschaft« vermuten ließe.

Wie seinerzeit Paganini verfügt auch Malov über ein atemberaubendes Improvisationstalent, mit dem er es schafft, dem launenhaft-spontanen Charakter der Capricen, der geradezu nach Freiheit der persönlichen Ausgestaltung schreit, gerecht zu werden: Weite Lagenwechsel, absurde Grifftechniken, Glissandi, Oktaventriller und fliegende Staccati – für Malov scheinbar ein Kinderspiel. Die Capricen sind kurz, zum Teil dauern sie keine zwei Minuten und jede von ihnen hat ihre eigenen technischen Schwierigkeiten. Die Seeoner Konzertbesucher hatten das Vergnügen, genau die Hälfte davon in allerbestem Vorspiel des »russischen Teufelsgeigers« kennenzulernen. Nebenbei streute Malov zwischen den Musikgenuss der einzelnen Capricen interessante Hintergrundinformationen zu Werk und Komponist ein.

Eigentlich, so könnte man meinen, sei das schon »musikakrobatische Sensation« genug für einen Sonntagmorgen. Weit gefehlt. Neben Paganini, den er mit seiner klassisch romanischen Geige spielte, zauberte Malov auf seinem Violoncello da spalla die »Ricercari« Nr. 1 und 7 des italienischen Komponisten Domenico Gabrielli.

Für die meisten Klassik-Liebhaber wird auch die elektrisch verstärkte E-Geige mit Loop-Station neu gewesen sein, auf der Malov bei seiner Bearbeitung von Nicolo Mattheis »Bizzarie Sopra la Veccia Sarabanda« sich selbst die unterschiedlichen Stimmen und Klangeffekte einspielte, um dann das melodiehafte Thema auf dem Streichinstrument darüber zu spielen. So »hörte« man ein kleines Streichorchester, sah aber nur einen Geiger. Hört sich nicht nur verrückt an, klingt auch so und erzeugte bei den hingerissenen Zuhörern Schnappatmung.

Traditionelle irische Volksmusik, bei der man passagenweise fast einen Dudelsack herauszuhören meinte, bekamen die Zuhörer mit einem irischen »Reel«, einer Stepptanz-Musik zu hören. Ebenso im volksmusikalischen Ton der grünen Insel war im Anschluss auch eine Caprice des US-amerikanischen Komponisten Marc O’Connor. Das sensationsreiche zweite Konzert des Chiemgauer Musikfrühlings wurde mit jubelndem Applaus bedacht und manchmal, so schien es, hörte man über dem Seeoner See Paganinis teuflisches Lachen. Kirsten Benekam