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»Ostern bedeutet für mich Leben«

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Auch ein Kaplan ist ab und zu aufgeregt – zum Beispiel vor dem Ostergottesdienst, wie Josef Rauffer erzählt. Der 31-Jährige trägt bereits in den Tagen zuvor viel Verantwortung, zum Beispiel für die Ministrantenproben. (Foto: Voss)

Berchtesgaden – Für die Gläubigen ist die Karwoche vor dem Osterfest die Ruhe vor dem Sturm. Noch ist Fastenzeit, am Karfreitag herrscht gar Tanz- und Feierverbot. Man nennt sie nicht ohne Grund auch die »Stille Woche«, bevor die Osterfeiertage den Höhepunkt des Kirchenjahrs bilden. Kaplan Josef Rauffer hat ausgerechnet jetzt alle Hände voll zu tun – von wegen »Stille«. Im Gespräch mit dem »Berchtesgadener Anzeiger« erzählt der 31-Jährige von seinen Aufgaben in der Karwoche, wie der Osterhase in den katholischen Glauben passt und warum er sich beim Ostergottesdienst wie ein »Moderator einer Samstagabendshow« fühlt.


Im frisch renovierten Pfarrhof in Berchtesgaden empfängt der junge Kaplan aus der Fischbachau den »Anzeiger«. Er hat sich extra Zeit genommen, denn eigentlich ist sein Terminkalender proppevoll. »Normalerweise arbeite ich so 50 Stunden in der Woche, aber es können auch mal 60, 70, sein«, sagt er. Die Karwoche wird vor allem in Klöstern noch still verbracht, weiß Rauffer. »Im Priesterseminar haben wir etwa am Karfreitag im Haus nicht gesprochen«, fügt er hinzu. Priesterseminare sind Ausbildungsstätten für Priesteramtskandidaten, Josef Rauffer besuchte das in München.

Jetzt sieht sein Alltag anders aus. In den kommenden Tagen stehen Krankenbesuche und -kommunionen an, die Beichtzeiten in der Karwoche, die Osterbeichte, und natürlich die Gottesdienst-Vorbereitungen: »Ich muss vier Predigten schreiben«, so der Kaplan mit einem Lächeln. Er lässt sich den Stress nicht anmerken, im Gegenteil: »Ich habe das große Glück, dass ich mir die Arbeitszeiten einteilen kann und keinen typischen Nine-to-five-Bürojob habe.« Er spricht von einer »Work-Life-Balance«. Die Predigten für Gründonnerstag, Karfreitag, Karsamstag und Ostersonntag sollten höchstens zehn Minuten dauern. »Bei mir sind es meist so acht bis zwölf Minuten.«

Griechische Philosophie hilft bei der Vorbereitung

Josef Rauffer predigt frei, wie er betont. »Ich überlege mir einen Einstieg, einen Schluss und, welche Botschaft die Predigt haben soll.« Da man dafür aber einen Moment Ruhe benötigt, hat sich der Kaplan die Philosophie der Peripatetiker zum Vorbild genommen. »Dies ist die griechische Philosophie der Wandelgänge«, erklärt der junge Geistliche. Das heißt: Er geht spazieren, zum Beispiel von Marktschellenberg nach Ettenberg, und denkt dabei über die Texte nach, über die er predigt – zu hören gibt es das Ergebnis übrigens am Karfreitag und in der Osternacht in Marktschellenberg sowie am Sonntagmorgen in Bischofswiesen.

Wenigstens um sein Gewand muss sich Josef Rauffer keine Sorgen machen – »das macht zum Glück die Hildegard«, sagt er dankbar. Hildegard ist die Haushälterin im Pfarrhof Berchtesgaden und kocht auch für die Bewohner.

Im Verantwortungsbereich des Kaplans liegen unter anderem die Ministrantenproben. »Die Gottesdienste am Karfreitag und in der Osternacht laufen anders ab als normal. Das muss man einstudieren.« Außerdem sind dann besonders viele Leute in der Kirche und sehen jeden Fehler. Auch der Kaplan selbst ist etwas aufgeregt: »Man steht unter Anspannung.«

Er vergleicht sich mit dem Moderator einer Samstagabendshow: »Man will, dass alles perfekt wird für die Gläubigen, so wie der Moderator eine gute Sendung machen will. Selbst, als Zelebrant, hat man aber wenig davon.« Ihm werde der geistliche Part des Osterfestes, das Besinnen, »ein bissl genommen«. Zumindest nimmt sich der Kaplan vor, in der Karwoche keine Abendtermine auszumachen. »Und da Osterferien sind, fällt auch der Unterricht weg«, sagt der 31-Jährige mit einem Schmunzeln.

Vom wertvollen Kelch bis zu bunten Glaskugeln

Die Liste, die er abzuarbeiten hat, ist aber noch länger. Auch der Kirchenschmuck muss kontrolliert werden. »Der Mesner kümmert sich um das Schmücken, ich muss sagen, was ich alles brauche«, erklärt Rauffer. Ebenso wichtig ist das Equipment, wie die verschiedenen Kelche. So wird in der Osternacht der wertvollste Kelch benötigt, während des Jahres verwenden die Zelebranten die weniger üppig gestalteten. Die Heiligen Gräber, die in den Kirchen aufgebaut sind, müssen auch alle passen. Wer schon einmal eines gesehen hat, der kennt die bunten Grabkugeln, die rundherum aufgestellt werden. »Die werden mit Wasser gefüllt, das mit den gleichen Farben eingefärbt wird, die auch zum Ostereierfärben verwendet werden«, verrät Rauffer.

»Jesus hat sich für uns geopfert«

Bis auf die Glaskugeln sehen die Kirchen in der Karwoche doch eher karg aus. »Die Kerzen werden nach der Messe am Gründonnerstag rausgeräumt, es ist finster«, beschreibt Josef Rauffer. Auch, wenn es in dieser letzten Woche der Fastenzeit weniger fröhlich zugeht, so spricht man dennoch von der »Feier des Leidens Christi«, erklärt der Kaplan. »Wir feiern, dass Jesus Christus unsere Sünden auf sich genommen hat.« Rauffer überlegt und fügt dann hinzu: »Man kann es vergleichen mit einem Agenten, der sich vor den Präsidenten schmeißt und eine Kugel für ihn abfängt. Der Präsident wird das schon feiern, dass er überlebt hat, aber dennoch voller Dankbarkeit seines Agenten gedenken.« Genauso sollten Gläubige Jesu gedenken, der sich für sie geopfert hat, und Dankbarkeit zeigen.

Nach der Finsternis kommt das Licht in der Osternacht – »Das ist so ein krasser Kontrast«, sagt der Kaplan voller Begeisterung. Und auf die Frage, was Ostern für ihn bedeutet, antwortet er: »Leben. Ostern ist Leben und Freude.« Für ihn sei dies, der Kontrast zwischen Tod und Leben, der Kern des christlichen Glaubens, und auch »Kern meiner Spiritualität«. Rauffer lacht kurz und betont dann: »Da kann Weihnachten nicht mithalten.«

Jetzt wäre es aber noch interessant, zu erfahren, wie es der Geistliche mit dem Fasten hält. »Ich bin kein extremer Essensfaster.« Rauffer verzichtet aber auf das Abendessen und auf »Süßkram« sowie auf die neuen Medien wie Facebook, wie er erzählt. Was weltliche Bräuche betrifft, so hat er natürlich in seiner Kindheit auch Osternester gesucht. »Sogar relativ lang«, gibt er mit einem Grinsen zu. »Meine Mutter hat sich immer einen Spaß daraus gemacht, uns Kinder die Osternester zu verstecken, auch als wir schon 15, 16 Jahre alt waren.«

»Der Hase hat die Auferstehung miterlebt«

Zu den weniger kirchlichen Traditionen an Ostern gehört auch der Osterhase. Ob ihm dazu auch etwas einfällt? Josef Rauffer gibt eine Theorie weiter, aber erinnert daran, dass es einige Theorien zum Osterhasen gibt. »Diese habe ich mal gehört.« Demnach schlafen Hasen mit offenen Augen. »Also war der Hase das einzige Tier, das die Auferstehung in der Osternacht miterlebt hat. Denn er hatte die Augen offen, während alle anderen geschlafen haben.« Dennoch findet man keinen Osterhasen im Hause Rauffer. Und auch keine andere österliche Dekoration, wie der Kaplan betont. Warum? Ganz einfach: »Ich bin ein Mann. Ich dekoriere generell nicht.«

Abschließend äußert der 31-Jährige noch seinen großen Wunsch anlässlich dieses höchsten Feiertags in der katholischen Kirche: »Ich wünsche mir, dass durch die Feier dieser Tage den Menschen bewusst wird, was für einen lebensbedeutsamen Glauben sie haben, welche Bedeutung Glaube hat.« Die Menschen sollten »sich loslösen von der Institution Kirche und ihren Skandalen«. Kirche sei viel mehr als das. »Ich wünsche mir, dass jeder beschenkt wird mit der Osterfreude.« Annabelle Voss