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New York nach dem Sturm: Eine Stadt mit zwei Gesichtern

New York (dpa) - Ein Riss geht durch New York City: Da gibt es die einen, die wie jeden Morgen aufstehen, warm duschen, sich einen frischen Kaffee machen, die Zeitung gemütlich lesen und dann zur Arbeit trotten.

Sandy
Zerstörung durch Wirbelsturm «Sandy» im Bundestaat New Jersey: Foto: Saed Hindash / The Star-Ledger Foto: dpa

Und dann gibt es die anderen, deren Tag im Dunkeln beginnt, die mangels funktionierender Heizung frieren und deren Kühlschrank-Inhalt langsam vor sich hingammelt. Schlimmstenfalls haben sie nicht mal mehr ein Dach über dem Kopf.

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«Sandy» sei einer der schlimmsten Stürme, die New York je erlebt habe, betonte Bürgermeister Michael Bloomberg gleich mehrfach in den vergangen Tagen. «Schrecklich», beschrieb Senator Charles Schumer die Lage nach einem Erkundungsflug über die Stadt. «Soviel ist zerstört.» Manche Gegenden sähen aus wie London oder Dresden nach den Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg. «Ich habe New York noch niemals zuvor so gesehen», sagte Gouverneur Andrew Cuomo.

Am Schlimmsten traf der Wirbelsturm wohl Breezy Point, ein nettes Viertel, direkt am Atlantik gelegen. Zuerst kamen die Fluten, dann das Feuer, wahrscheinlich ausgelöst durch Kurzschlüsse. Die hölzernen Häuser brannten bis auf die Grundmauern nieder. Zuerst hieß es, 50 Gebäude seien von den Flammen verschlungen worden, dann 80, jetzt schon 111. Zurück blieben rauchende Trümmer und obdachlose Familien. Es war vor allem diese Region, die Senator Schumer bei seinem Vergleich mit den zerbombten Städten im Zweiten Weltkrieg im Kopf hatte.

Und doch geht das Leben vieler New Yorker so weiter wie bisher. Im Großteil der Bronx oder in den höher gelegenen Teilen Manhattans hat «Sandy» zwar Bäume umgeknickt, doch sind die Fluten von Hudson und East River nicht bis hierher vorgedrungen. Die Menschen haben Strom, fließend Wasser, Internet, Fernsehen und Handyempfang. Wären nicht die Nachrichten voll von Sturmbildern und würde die U-Bahn normal fahren, man könnte die Katastrophe glatt vergessen.

Ganz anders sieht es dagegen auch in Rockaway Beach aus, wo sich die New Yorker im Sommer am Strand sonnen. Wind und Wellen haben die hölzerne Promenade weggerissen und Autos wie Spielzeuge durcheinandergewirbelt. Häuser in Strandnähe sind verwüstet. Ähnliche Bilder kommen aus Coney Island, bekannt für seinen Freizeitpark. In vielen Wohnungen ist eine dicke Schlammschicht zurückgeblieben, nachdem sich die Fluten zurückgezogen haben. «Es ist sehr bedrückend. Und ich bin niemand, der leicht zu entmutigen ist», sagt eine Frau in die Fernsehkamera.

Am ersten Tag war das Leben ohne die Annehmlichkeiten der Zivilisation noch ein Abenteuer, am zweiten Tag vielleicht noch erträglich, aber spätestens Tag drei wird zur Qual. Die Temperaturen fallen des Nachts empfindlich, das Wasser in den vollgelaufenen Kellern beginnt zu stinken, und auch das Essen wird knapp, weil Supermärkte und Restaurants geschlossen sind und der eigene Herd nicht funktioniert.

Doch es bedarf nicht einmal derartiger Tragödien, um die Folgen von «Sandy» zu spüren. In vielen Stadtvierteln müssen bis heute die Menschen ohne Strom oder fließend Wasser ausharren. Selbst Hartgesottene werden da weich. «Momentan gruselt es mir jeden Morgen, wenn ich früh zur Arbeit fahre und es überall dunkel ist», sagte ein Polizist aus Brooklyn.

Glücklich ist, wer sich in Manhattan in die Gegend nördlich ungefähr der 39. Straße durchschlagen kann - was mangels U-Bahn, nur sporadischem Busverkehr, ausgefallenen Ampeln und Dauerstau eine echte Strapaze ist. In der 39. Straße verläuft die Grenze zwischen Moderne und Mittelalter. Ab hier gibt es Strom, Internet und Handyempfang. Südlich dieser Linie ist es Zufall oder ein Notstromaggregat, wenn diese Dinge funktionieren.

«Ich habe zu Hause keinen Strom, muss mich aber endlich mal wieder bei meinen Eltern melden, sonst machen die sich Sorgen», sagt eine Studentin, die in einem prall gefüllten Café sitzt. Sie hat wie so viele ihr Smartphone mitgebracht, um es aufzuladen. Andere kaufen in den geöffneten Supermärkten der Umgebung ein. Wieder andere bleiben gleich ganz hier in der verschont gebliebenen Gegend. «Ich wohne auf der Lower East Side und habe keinen Strom und nur kaltes Wasser», sagte die Mitarbeiterin einer Immobilienverwaltung. «Deswegen übernachte ich heute Nacht bei Freunden, wo ich endlich mal wieder warm duschen kann.»