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Neue Blickwinkel in grandioser Aufmachung

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Zwei große Schauspieler in einer Rolle: Tim Oberließen (links) und Gregor Schulz überzeugen als Prinz Friedrich von Homburg. (Foto: SLT/Witzgall)

Voller Überzeugung dem Befehl der Obrigkeit Folge leisten, in der Schlacht siegen aber dennoch scheitern, für »schuldig« erklärt und zum Tode verurteilt werden. Wie kann das sein? Wessen machte sich Prinz Friedrich von Homburg am Ende schuldig?


Das Salzburger Landestheater bringt »Prinz Friedrich von Homburg« von Heinrich von Kleist auf die Bühne des Marionettentheaters. Ein Drama über den Konflikt zwischen Eigenverantwortung und Gehorsam. Inhaltlich aufs Wesentliche reduziert und thematisch verdichtet, bringt Regisseur Johannes Ender seine Bearbeitung mit nur vier Schauspielern in 80 Minuten ohne Pause auf den Punkt. Eine gewisse Vorkenntnis des Kleist-Stoffs ist Voraussetzung für das vollständige Verständnis dessen, was sich dem Publikum an großer Theaterkunst bietet Metapherhafte Szenen und Bilder, hemmungslose Hingabe in allen Emotions-Facetten und aufschlussreiche Bewegungschoreografien, die zu einem tiefen »inneren« Verständnis der manchmal wirren Handlungen beitragen.

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Das Premierenpublikum wirkte paralysiert von dem intensiven Spiel der vier Schauspieler, die in ihrer Darstellung fast wirkten, als spielten sie um ihr Leben. Kleists im Jahr 1811 entstandenes Schauspiel um die moralische Brisanz eines persönlichen »Fehlverhaltens« (mit positivem Effekt) zieht seine dramatische Spannung aus einem Konflikt zwischen Eigennutz und Staatsräson, zwischen Wünschen und Normen.

Prinz Friedrich von Homburg ist ein beherzter Kämpfer. Sein Kurfürst hält große Stücke auf seine Kriegskunst. Doch der Prinz ist auch ein Träumer, ein Schlafwandler und ein Verliebter. So unterläuft ihm bei der Lagebesprechung vor der historischen Schlacht zu Fehrbellin ein folgenschwerer Fehler: Er überhört – nicht ganz bei Sinnen, die entscheidende Order des Kurfürsten: Er soll erst auf ausdrücklichen Befehl angreifen. Weil er diesen Befehl missachtet, wird er wegen Insubordination zum Tode verurteilt und muss bei »den Machthabern« um sein Leben betteln.

Erst als der zunächst egoistische Held zum patriotischen Opfer bereit ist, kann der Prinz begnadigt werden – durch Todesfurcht geläutert ist er den Forderungen der Gesellschaft wieder nützlich. Der Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft, zwischen Recht und Gerechtigkeit, zwischen öffentlicher Ordnung und persönlicher Freiheit wird wohl immer ein Menschheitsproblem bleiben. Somit ist Kleists Werk bis heute aktuell. Das Stück wurde zu Kleists Lebzeiten weder aufgeführt noch gedruckt, da man die Darstellung eines um sein Leben zitternden Offiziers als äußerst anstößig empfand.

Johannes Ender »verzichtet« auf üppiges Bühnenbild und überflüssige Ausstattung, setzt stattdessen auf bildgewaltige Momente und große Gesten. Hannah Landes (Bühne und Ausstattung) kommt mit wenig aus und erzielt damit große Wirkung. Die vier Protagonisten agieren auf einer leicht schiefen und runden Ebene. Die Hauptrolle ist mit Tim Oberließen und Gregor Schulz doppelt besetzt. Keine gespaltene Persönlichkeit – ein Verwirrter, Verzweifelter, zuweilen auch Entrückter, der mit sich selbst kommuniziert, sich in seinem Tun sucht, selbst zu trösten versucht, sich verliert und wiederfindet.

In Josef Veselys (Traum-) tänzerischen Choreografien wird auf körperlicher Ebene das Seelenleben eines innerlich Zerrissenen, eines Träumenden, Wütenden und vor Angst Gelähmten, aber auch die Macht des Unbewussten eines Menschen offenbar. Gregor Schulz und Tim Oberließen zeigen ein Höchstmaß darstellerischen Könnens, liefern auch im Umgang mit dem Text eine »reife« Leistung ab, die maßgeblich zum Erfolg der gesamten Inszenierung zu werten ist.

Janina Raspe als Prinzessin Natalie von Oranien überwältigt in ihrer Darstellung mit energievoller Wucht, überzeugt mit »Gebrüll« (wenn auch streckenweise der Akustik geschuldet schwer verständlich), ebenso wie in leisen, flehenden und liebenden Szenen. Großartig. In einer kurzen Szene gefällt sie auch als Kurfürstin, die sich im Rahmen ihrer Möglichkeit für den Verurteilten einsetzt. Walter Sachers als Kurfürst lehrt als grausamer Wüterich mit lauten Tönen das Fürchten. Abstoßend und verstörend ist seine Wut, die Erniedrigung des Prinzen nach dessen »Versagen« durch den verpatzten (wenn auch gewonnenen) Feldzug.

In der Kürze, aber auch in den gewaltigen Bildern und glanzvollen Rhythmen liegt die Würze dieser Homburg-Inszenierung: Der Kurfürst hält sich den gescheiterten Helden (mal zwei) und seine Verlobte Natalie wie Bluthunde an der Leine, drischt auf sie ein, endet später aber als bedürftiger Pflegefall im Rollstuhl und wird von Natalie »kaltgestellt«. Es »regnet« Sand, Wasser, Konfetti, Blut und Grabeserde auf der Bühne, aber ganz vorrangig eines: gute Ideen, neue Blickwinkel und Betrachtungen über uralte Themen der Menschengeschichte in grandioser Aufmachung – quicklebendiges Theater.

Kirsten Benekam