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»Neben der Bahn muss ich mich nicht mehr fürchten«

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Robert Fegg an der Bahn. Seit 2014 trainiert er das südkoreanische Rodelteam. (Foto: privat)

Er kam in Berchtesgaden zur Welt, seine Familie lebt in Kanada, als Trainer coacht er die Rodler Südkoreas, also die kommenden Olympia-Gastgeber: Robert Fegg kann nicht abstreiten, ordentlich in der Welt unterwegs zu sein. Selbst ein guter Rodler – bei der Heim-WM 1999 am Königssee immerhin Vierter –, gibt er seinen reichen Erfahrungsschatz seit 2014 an die Kufensportler eines Landes weiter, das sich noch nicht allzu lange ernsthaft mit dem Schlittensport auseinandersetzt. Als Fegg im März 2014 Namkyu Lim kennenlernt, hatte der damals 26-Jährige diesen Sport bei den Spielen in Sotschi gerade das erste Mal im Fernsehen gesehen. »Mittlerweile fährt er – wie alle anderen im Team – so runter, dass ich neben der Bahn stehen kann und mich nicht mehr fürchten muss«, sagt Fegg mit einem Augenzwinkern.


2007 brach der Trainer aus Berchtesgaden die Zelte in seiner Heimat vorerst ab: Als Coach war er schon fünf Jahre zuvor vom deutschen zum kanadischen Verband gewechselt. Mit seiner Familie lebt Fegg in Okotoks südlich von Calgary. Seine Frau Jessica lernte er in Nordamerika kennen, mit ihr hat er zwei Kinder. »Kanada ist unsere neue Heimat geworden«, sagt Fegg, der seine Lieben daheim freilich vermisst. Seine Mutter lebt nach wie vor in Maria Gern, seine Freunde in Berchtesgaden – Urlaub in der »echten Heimat« konnte er 2011 zum letzten Mal machen. »Ich bin seit Jahren leider nur noch zum Rodel-Weltcup am Königssee dort, und selbst dann viel zu kurz.« Diesmal klappt nicht einmal das, weil das olympische Vorbereitungstraining in Südkorea für Feggs Team wichtiger ist.

Vor gut drei Jahren kam das Angebot aus Fernost, wobei »Spezl« Steffen Sartor kräftig mithalf. »Die neue Herausforderung hat mich total gereizt«, sagt Schlittenbauer Fegg, den die Zeitung via WhatsApp-Videocall beim Training im Land der kommenden Olympischen Spiele erwischte – inklusive acht Stunden Zeitverschiebung. Bob-Olympiasieger André Lange, der als Bahntrainer bei den Südkoreanern fungiert, hörte mit.

»Koreanisch lassen wir lieber bleiben«

Im neuen Team musste zunächst die sprachliche Barriere gelöst werden: »Ich war fest entschlossen, Koreanisch zu lernen, hab aber rasch gemerkt, wie schwierig vor allem die Aussprache ist. Da kommt es unweigerlich zu gefährlichen Missverständnissen. Darum haben wir uns schnell darauf geeinigt, dass ich das sein und lieber meine Leute Englisch lernen lasse«, lacht Fegg. Mit 39 Jahren ist er ein noch junger Coach, der dennoch bereits auf 15 Jahre in dieser Sparte verweisen kann.

In Korea begann er dennoch bei null, was freilich an seinen Sportlern lag: »Die sind bis dahin teilweise nur ein paarmal von irgendeinem Hügel runtergerutscht.« Die größte Herausforderung zu Beginn war es, den Athleten erst einmal beizubringen, wie sie richtig auf dem Schlitten liegen. Mittlerweile kommen sie – mit ausreichend Trainingsfahrten – auf fast jeder Bahn der Welt sicher ins Ziel. »Haben wir auf einer Anlage nicht genügend Trainingsläufe, verzichten wir lieber auf einen Start«, so Fegg. Dadurch kam es hin und wieder vor, dass Korea nicht auf den Weltcup-Startlisten zu finden war.

Die Sicherheit geht im koreanischen Team vor, deshalb schätzt Coach Robert Fegg die Chancen seiner Leute bei Olympia im Gegensatz zum Verband realistisch ein: »Die sprachen bei der Vertragsunterzeichnung von einer Medaille, da hat es mich fast zerrissen – vor Lachen«. An einem sehr guten Tag sei laut Fegg ein Top-Ten-Platz bei den Doppelsitzern möglich. Und vielleicht, wenn alles gut läuft, eine Position zwischen 15 und 20 bei den Damen- und Herren-Einsitzern. Seine Landsleute werden dagegen einmal mehr abräumen, da ist er sich sicher: »Felix Loch ist der kompletteste Rodler, er wird zu den Spielen in Topform sein. Bei den Damen erwarte ich einen großen Kampf zwischen Natalie Geisenberger und Tatjana Hüfner. Bei den Doppelsitzern werden sich die Tobis gewaltig strecken müssen, um Eggert/Benecken ebenbürtig zu sein.« Mit welcher »Aufstellung« Korea beim Heimspiel in Pyeongchang antritt, steht noch nicht fest: »Wir werden ein Doppel und einen Rodler bei den Herren am Start haben. Bei den Damen haben wir zwei, die es schaffen können, sich zu qualifizieren.«

»Wir hatten quasi überhaupt keine Zeit«

In Deutschland beginnen die Kinder mit sieben oder acht Jahren mit dem Rodeln. »Und in zehn bis 14 Jahren sind sie dann vielleicht Weltklasse – und in einem Alter, in dem wir hier mit unseren Leuten erst angefangen haben«, so Fegg. »Wir hatten quasi überhaupt keine Zeit, vier Jahre sind nichts.« Darum gab er mit seinen Leuten extrem Gas. Tausende Trainingsläufe statt vieler Weltcups war das Credo, zunächst viel auf der Straße, mit Radlschlitten. »Sie mussten erst einmal ein Gefühl für den Rodel entwickeln, wo befinden sich die Füße, wo die Hände, wie lenke ich«, sagt Fegg.

Materialtechnisch beschwert sich der Trainer aus Berchtesgaden nicht: »Wir können aus dem Vollen schöpfen, der Ehrgeiz ist groß. Gleichwohl müssen wir die Schlitten ›vorsichtiger bauen‹, die Prämisse liegt auf der Sicherheit. Denn die Top-Geräte, wie sie die Top-Nationen verwenden, würden meine Leute gar nicht ins Ziel bringen.« Allerdings schauen einige Länder, denen die Koreaner zunächst hinterhergeschaut haben, mittlerweile dem Fegg-Team hinterher. »Wir holen auf, werden immer besser. Die Koreaner sind sehr diszipliniert, lernwillig, die Motivation ist meistens sehr hoch – freilich fehlt in allen Punkten noch die Erfahrung.«

Um die allgemeine Sicherheitslage macht sich Robert Fegg im Übrigen keine Sorgen: »Ich denke nicht an Nordkorea, obwohl wir nur 80 Kilometer von der Grenze entfernt trainieren.« Seiner Meinung nach werde von den Medien auch viel aufgebauscht, wenngleich »Crazy Kim«, wie er Kim Jong-un nennt, und US-Präsident Donald Trump freilich »reichlich Unsinn schüren« würden. Kein Unsinn, aber für die Spiele 2022 in Peking zu früh, kommt laut Fegg womöglich die Damen-Doppelsitzer-Konkurrenz. »Eine interessante Sache, aber das braucht mehr als vier Jahre Vorbereitung, um wirklich ein gutes Feld an den Start zu bringen.« In Sachen Gleichberechtigung seien die Überlegungen freilich unbedingt nötig. Hans-Joachim Bittner