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Nach Brand in Reichenhaller Gasthof: »Gott hat uns ein zweites Leben geschenkt«

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Gastwirt Zoran Cica vor den Trümmern seiner Existenz. (Fotos: Bittner)
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Die Wohnung der Familie im ersten Stock ist samt Inventar komplett ausgebrannt.

Bad Reichenhall – Bei einem verheerenden Brand in der Gaststätte »Schießstätte« in Bad Reichenhall verlor Zoran Cica sein gesamtes Hab und Gut. Der Kroate bewirtete das Lokal bereits seit 1994, in zwei Jahren wollte er in Rente gehen.


»Da arbeitet man Tag für Tag 13 bis 15 Stunden, und mit einem Wimpernschlag ist alles weg«, sagt Zoran Cica im Gespräch mit dem »Berchtesgadener Anzeiger«. Der Wirt der 1926 erbauten »Schießstätte« steht noch immer fassungslos vor dem Trümmerhaufen seiner Existenz. Über eine Tatsache ist er aber glücklich: »Gott hat meiner Familie und mir ein zweites Leben geschenkt.«

Am vergangenen Sonntagnachmittag wollte Zoran Cica nur noch weg. Seine Frau Mara (50) und die beiden Söhne – 19 und 20 Jahre alt – blieben ebenfalls nahezu unverletzt und kamen mit einem riesigen Schrecken davon. Der dritte Sohn, 21, lebt in Berlin. Alle Möglichkeiten schossen dem Gastwirt durch den Kopf. Mit ein paar Tagen Abstand und zig Gedanken, wie es weitergehen kann, würde Cica jetzt am liebsten sofort anfangen und alles wieder neu aufbauen. »Wir werden wohl hier bleiben und schauen, was wir machen können.« Freilich weiß er, wie viel Kraft nötig ist, um einen kompletten Neustart hinzulegen.

Gebäude nicht zu retten

Fakt ist: Das Gebäude ist nicht mehr zu retten. Am Freitag wurde erst einmal »groß aus- und aufgeräumt«. 25 Mann sind angerückt, um zu trennen: Alles, was zerstört ist, landet fachgerecht in Containern. Unter all den verkohlten Dingen hofft Zoran Cica aber womöglich doch noch das eine oder andere Utensil retten zu können. So wie ein nur leicht angekohltes Bild seiner Eltern aus Sarajevo, dort, wo er zur Welt kam. Mit zittrigen Händen hält der 60-Jährige den Rahmen in Händen und weint: »Mein Vater ist schon vor einiger Zeit gestorben.« Ein paar Dokumente blieben ebenfalls fast unversehrt, alle Zeugnisse befanden sich jedoch in einem Holzschrank und verbrannten vollständig. In einem Gastraum hängen ein paar Lampen wie neu, während die neuen Sitzbezüge völlig verkohlt sind. Auf den Tischen stehen noch die »Reserviert«-Schildchen, daneben Salz- und Pfefferstreuer, das Gestell für Essig und Öl, Besteck.

Die Unterstützung seiner Familie ist Zoran Cica ebenfalls gewiss: »Mein Bruder Dragan hat sich am Sonntag sofort ins Auto gesetzt und ist die fast 700 Kilometer von Sibenik hierher gefahren. Dort lebte ich früher«, erzählt Cica, der Mitte der 1990er-Jahre vor den Jugoslawienkriegen floh. Er kann seinen Dank gegenüber den beteiligten heimischen Feuerwehren, dem Bayerischen Roten Kreuz und allen, die kamen, um Trost zu spenden, kaum in Worte fassen.

Gasthaus beliebter Treffpunkt

Das Gasthaus war 25 Jahre lang Treffpunkt vieler heimischer Vereine: Der Reichenhaller Löwen- und auch der Bayern-Fanclub waren wie zu Hause. 2003 besuchte der WM-Torschützenkönig von 1998, Davor Suker, die Kurstadt-Anhänger des damaligen Bundesligisten TSV 1860 München. Überhaupt waren es stets große Feste in Zorans Biergarten, den er immer wieder Stück für Stück verschönerte, wenn Kroatien bei einer Fußball-WM oder -EM mit dabei war oder seine Münchner Bayern in der Champions League weit kamen. Der Filmclub, die Alt-Reichenhaller, bei denen Zoran auch Mitglied ist, die TSV-Tischtennisspieler und viele mehr hatten in der »Schießstätte« ihr kulinarisches Domizil für die Vereinsabende, Weihnachts- und Geburtstagsfeiern.

Eine Woche vor dem Brand feierten die Reichenhaller Zelluloidcracks ihren neuen Vereinsmeister Christian Schmid in jenem nun völlig zerstörten Raum zwischen dem flachen und fast unversehrten Gastraum-Anbau sowie dem ebenfalls erhaltenen FSG-Schießstand. »Geht nicht« gab es nicht bei Zoran Cica und seinem Team. Wollte jemand länger feiern, hat Cica immer eine Lösung gefunden.

»Das Leben geht weiter. Ich bin froh, dass meine Familie am Leben ist«, sagt der Kroate. »Das ist alles, was zählt.« Hans-Joachim Bittner