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Musikgenie ohne Notenkenntnis

Ramsau - Er war einer der ganz großen Volksmusikanten im Berchtesgadener Land und darüber hinaus. Über 70 Jahre lang hat Martin Schwab Musik gemacht und über den Bayerischen Rundfunk Musikfreunde in ganz Bayern begeistert. Am Samstag ist der »Gerstreit Martin« nach längerer Krankheit im Alter von 86 Jahren auf der Gerstreit für immer eingeschlafen.

70 Jahre seines Lebens widmete Martin Schwab der Volksmusik. Am Samstag verstarb der Gerstreit Martin im Alter von 86 Jahren. Foto: privat

Schwab wurde am 18. März 1926 im Schönauer Untergrünsteinlehen als Martin Maltan geboren. Seine Eltern haben halt erst ein Jahr nach der Geburt des jungen Mannes geheiratet und sind dann gleich ins Ramsauer Gerstreitlehen gezogen. 1930 baute der Vater in der Hinterschönau und deshalb musste der Martin seine Schulzeit in Unterstein verbringen.

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Nach der Schule erlernte Martin Schwab das Malerhandwerk. Doch 1943 musste er als 17-Jähriger in den Krieg ziehen. Die schlimmen Erlebnisse in Russland und in der Normandie prägten sein ganzes weiteres Leben, zumal Schwab aus Frankreich mit einer Oberschenkelamputation am linken Bein nach Hause zurückkehrte und deshalb seinen Malerberuf nicht mehr ausüben konnte. In der schweren Zeit danach fand Martin Schwab in Franz Niegel, späterer Pfarrer von Unterwössen, einen Freund und Förderer. Der lehrte den Martin Schreibmaschinenschreiben, Kurzschrift und Allgemeinwissen. Vom 1. Juli 1950 bis 31. Dezember 1952 war der Gerstreit Martin Posthalter in der Schönau. 1953 baute er mit seinem Vater den »Gerstreit Kaser« am Soleleitungsweg, der 1972 wieder abgebrochen und als »Berggasthof Gerstreit« wieder aufgebaut wurde.

Martin Schwab heiratete zweimal. Aus der ersten Ehe gingen fünf Kinder, aus der zweiten Ehe ein Sohn hervor. Der größte Schmerz, den Martin Schwab in seinem Leben erleiden musste, war der Tod seines fünften Sohnes Stefan.

Die musikalische Karriere des Gerstreit Martin begann schon im Alter von sechs Jahren. Damals brachte ihm sein Onkel Hans das Gitarrespielen bei und mit zehn Jahren lernte er vom Wiesen-Schorsch (Georg Pfnür) das Spielen auf der Diatonischen Ziach. Und weil er 1939 keinen Hackbrettlehrer fand, brachte er sich den Umgang mit dem Instrument selbst bei. Tobi Reiser höchstpersönlich zeigte dem Jugendlichen wenig später, wie man die Hackbrett-Schlägel richtig in die Hand nimmt.

In den Jahren darauf kam der Gerstreit Martin mit allen berühmten Persönlichkeiten der bayerischen Volksmusik zusammen, so auch mit dem Kiem Pauli. Schwab war 1946 Mitbegründer der Schönauer Buam, der ersten Volksmusikgruppe; die sich nach dem Krieg zusammengefunden hat. Mit dazu gehörten außerdem der ebenfalls erst kürzlich verstorbene Eder Schorsch (Friedbichler), der Lochner Hans, der Schwab Franzi, der Kastner Franz, der Graßl Sepp und die Katharina Guggenbichler (Spornhof-Katherl). Später entstand mit dem Spornhof-Katherl der Zwoag'sang Guggenbichler-Schwab und 1959 mit Hedi Schuster und dem Herbert Lagler die Schönauer Musikanten.

Jeweils ein kleines Abenteuer war später das Komponieren eigener Stückln. Denn Martin Schwab konnte ja nie Noten lesen und so spielte er halt die Grundmelodie auf dem Hackbrett, die dann zu dritt verfeinert wurde. So sind über 100 Stückln entstanden. Zu den Schönauer Musikanten stieß 1967 der Häusler Hias mit der Diatonischen Ziach. Und Wastl Fanderl erfand den neuen Namen: Gerstreit Musi.

Die Jahre 1960 bis 1975 waren für die Gerstreit Musi sehr erfolgreich, es gab zahlreiche Auftritte im Bayerischen Rundfunk. Insgesamt sieben Notenbücher waren entstanden, bis 1975 erst einmal das Ende der Gruppe kam. Dennoch schafften es ein Jahr später viele junge Volksmusikanten, die Gerstreit Musi und die Schönauer Musikanten mit ihrem Lehrmeister Martin Schwab noch einmal zusammenzubringen.

Das einzigartige Wirken Martin Schwabs im Bereich der Volksmusik wurde mehrfach gewürdigt. Unter anderem erhielt er den Goldenen Verdienstorden des Bayerischen Rundfunks, den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland und den Kiem-Pauli-Orden.

70 Jahre lang war für den Gerstreit Martin die Musik das Leben, ehe er 2003 - nach dem Tod seiner zweiten Frau Hedi - die Instrumente ins Eck stellte. In den letzten Jahren war es ruhig geworden um Martin Schwab, gesundheitliche Probleme machten ihm arg zu schaffen. Im Kreise seiner Angehörigen durfte er am Samstag auf der Gerstreit friedlich einschlafen. Zu Grabe getragen wird der Verstorbene am Freitag, 30. November, um 10.00 Uhr im Bergfriedhof von Schönau am Königssee. Zuvor trifft man sich um 9.00 Uhr zur Messe in der Pfarrkirche Berchtesgaden. UK