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Musikalische Streicheleinheiten für die Seele

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Richard Strauss war für Alexander Sitkovetsky (Violine), Diana Ketler (Klavier), Razvan Popovici (Viola) und Justus Grimm (Violoncello) eine Herzenssache. (Foto: Benekam)

»Wir alle lieben Strauss« – mit diesen Worten hat Diana Ketler, die Künstlerische Leiterin des »Chiemgauer Musikfrühlings«, das zehnte Konzert im Festsaal des Klosters Seeon eröffnet. Die sonntägliche Matinee stand unter dem Motto »Guten Morgen Strauss« und war, wie zu erfahren war, auch für die aufführenden Musiker eine besondere Herzenssache.


Genau so fühlte sich das Konzert auch an. Mit Bedacht waren vier ansprechende Werke des berühmten deutschen Komponisten der Romantik ausgewählt – bekannte und weniger bekannte Werke, die sich allesamt in der Intensität und Hingabe ihrer Interpreten wie demutsvolle Sympathiebekundungen an ihren Schöpfer Richard Strauss (1864 bis 1949) anhörten.

Die Musiker eröffneten das Konzert – wohl dem Motto angepasst als morgendlicher Gruß – mit dem berühmten Capriccio für Streichsextett, op. 85. Fast 80 Jahre alt war Richard Strauss, als er 1942 noch einmal der Kammermusik die Ehre erwies und seine Oper Capriccio mit einem Streichsextett einleitete. Eine selten genutzte Besetzung, dieses doppelt verstärkte Streichquartett, das auch im Festsaal in klanggewaltiger Interpretation zündete: Zwei Violinen (Anna-Liisa Bezrodny und Alexander Sitkovetsky), zwei Bratschen (Tomoko Akasaka und Razvan Popovici) sowie zwei Celli (Maja Bogdanovic und Justus Grimm).

Weiter ging es mit vier selten gespielten Stücken für Klavierquartett, interpretiert von Alexander Sitkovetsky (Violine), Diana Ketler (Klavier), Razvan Popovici (Viola) und Justus Grimm (Violoncello): Ständchen, Festmarsch, Arabischer Tanz und Liebesliedchen, welche Strauss zu unterschiedlichen Anlässen für die Familie komponiert hatte. Ihr Charakter entspricht jeweils dem Anlass zur Komposition – Hausmusik vom Feinsten.

So kam etwa das Liebesliedchen liedhaft, fast kitschig-süß wie musikalische Streicheleinheiten für die Seele daher und der Arabische Tanz feurig, durchzogen von traumhaft orientalischen Anklängen und am Schluss mit einer ekstatischen Steigerung.

Als wahren Seelentröster oder Stress-Vernichter könnte man auch Strauss' »Morgen!« für Violine und Klavier op. 27, No. 4 bezeichnen, für dessen Aufführung Cellist Justus Grimm am liebsten ein Hustenverbot verhängt hätte: Absolute Ruhe wünschte er für den Genuss des zweiminütigen Werks, das er zusammen mit Diana Ketler zu Gehör brachte. Zurecht, denn in der Stille schwebte das Werk förmlich im Saal, wirkte, wie ursprünglich gedacht, als Liebeserklärung – denn es war ein Hochzeitsgeschenk für seine Braut Pauline, die er 1894 in Marquartstein heiratete.

Nach so viel Hochgefühl war Steigerung kaum möglich. Trotzdem gefiel den Gästen auch im Anschluss die dreisätzige Sonate für Violine und Klavier in Es-Dur, op. 18. Mit seiner einzigen Violinsonate gelang dem 23-jährigen Richard Strauss ein Geniestreich. Im Festsaal war es ein letzter bunter Strauss-Blumenstrauß aus dem »Chiemgauer Musikfrühling« von Erik Schumann (Violine) und Roland Pöntinen (Klavier) für den es, wie auch für das gesamte Konzert, großen Beifall gab. Kirsten Benekam