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Musikalische Krimi-Lesung im Dunkeln

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Leseglück im Online-Format aus dem Festsaal des Klosters Seeon: Spannend gelesen von Andreas Schmitz, musikalisch bestens begleitet vom Trio Zahg. (Foto: Veranstalter)

»Crime Cinema – Live und online« war das Motto der digitalen Ausgabe der »Leseglück«-Veranstaltung im Rahmen des Chiemgauer Literarturfests. Dabei wurde den Zuhörern der Lesung, die das Kultur- und Bildungszentrum Kloster ausrichtete, ein Teil eines unheimlich-humorvollen Krimis vorgelesen.

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Schauspieler und Regisseur Andreas Schmitz, soviel sei vorausgeschickt, ist für dieses Format genau der richtige Mann. Der »Allrounder« kann Regie, kann selbst spielen und lesen kann er auch. Das Projekt »Crime Cinema«, war ganz speziell auch für sehbehinderte Zuhörer gedacht. Den »Sehenden« hatten die Organisatoren ganz bewusst einen Teil ihrer Sinneswahrnehmung eingeschränkt – die Lesung fand im Dunklen statt und sollte, auch zuhause, mit möglichst wenig Licht genossen werden.

Wer weniger oder nichts mehr sieht, konzentriert sich automatisch mehr auf die noch vorhandenen Sinne. Besonders deutlich wird das im Dunkeln: Instinktiv horcht man ins Dunkel oder tastet sich vor. Ein ungewohntes Vergnügen, gerade in unserer von Sinnesreizen überfluteten Welt, auf das man sich gerne einließ. Das Zuhören im Dunkeln stellte sich als »Wahrnehmungsverstärker« heraus. Beschreibungen von Örtlichkeiten, an denen sonderbare Charakterköpfe samt passendem Outfit ihre »Kreise zogen«, tauchten vor dem inneren Auge auf und bekamen so den ganz individuellen, der eigenen Fantasie entspringenden »Anstrich« – auch oder gerade bei geschlossenen Augen.

Zu diesem Anlass stellte sich der Krimi »Der Mathelehrer und der Tod« aus der Feder von Marc Hofmann als geeignetes »Vorlesewerk« heraus. Hauptprotagonist von Hofmanns Krimireihe ist Gymnasiallehrer Gregor Horvath, der zusammen mit seinen Schülern nach bewährter Hercule-Poirot-Manier den plötzlichen Tod eines strengen Kollegen aufklären will: Der Beliebteste war er offenbar nicht, dieser Mathelehrer, dessen Leiche Horvath beim Blick aus dem Turmzimmer erspähte. Aber ihn gleich umbringen? Wer würde von seinem »Verschwinden« profitieren? Oder war der Sturz aus dem Fenster etwa ein Suizid?

Die Reaktion der Schüler auf dieses Unglück erschütterte Horvath zunächst: Ignoranz und Empathielosigkeit machten sich breit – feierten sie doch, wenn man sie nicht störte, lieber den »Triumph des Chillens«. Weil aber Unterricht das Chillen behindert und auch keiner der Eleven Redebedarf hatte, machte Horvath kurzerhand den Tod des Mathelehrers Menzel den Schülern zur »Aufgabe«: »Wie kam Herr Menzel zu Tode?«. Analyse von Opfer und Täter, samt Tatmotiv.

Horvath selbst wunderte sich noch am selben Tag über eine dubiose Einladung einer noch dubioseren geheimen Gesellschaft aus Schülervätern und Lehrern, die im Turmzimmer (also am Tatort) stattfinden sollte. Über das Treffen sollte er Stillschweigen bewahren. Die Story hatte längst Fahrt aufgenommen, als sich Horvath bei der folgenden Deutschunterrichtsstunde über die verblüffenden Ergebnisse zum Thema »Mordaufklärung« wunderte: Seine Schüler hatten sich tatsächlich Mühe gemacht und die vorgestellten Theorien waren allesamt überzeugend. Das wiederum machte deutlich, dass doch mehr Menschen, als zunächst vermutet, ein Tatmotiv hatten.

Zwischen den Lesungen wurde im Festsaal von Kloster Seeon erstklassige Live-Musik gespielt: Das Trio Zahg mit Pianist Tobias Reinsch, Bassist Stefan Berger und Schlagzeuger Matthias Fischer steht seit 2008 für mitreißende Musik, die sich über Genregrenzen hinwegsetzt. Diese Musik, soweit sie den eher bescheidenen akustischen Möglichkeiten des eigenen PCs zu entlocken war, passte aber thematisch wunderbar und lockerte zugleich die Lesung auf. Der Abend war also eine runde Sache und ein weiterer Beweis dafür, dass zwar »dreidimensionale« Kultur unersetzlich bleibt, aber dem »Teufel in der Not auch Fliegen schmecken«.

Der Krimi-Autor Marc Hofmann ist eigentlich von Beruf Lehrer. Weil er aber allergisch gegen Routine ist, findet er als Musiker und seit 2014 als Kabarettist den perfekten Ausgleich. »Der Mathelehrer und der Tod« ist der erste Teil der humorvollen Krimireihe um Gymnasiallehrer Gregor Horvath. Wer wissen mag, wie die spannende Geschichte ausgeht, der kann sich das Buch im Knaur Verlag bestellen. Kirsten Benekam

Die Schweizer Autorin Helen Meier ist im Alter von 91 Jahren gestorben. Sie gelangte erst in den 1980ern zu Bekanntheit und wurde dann zu einer wichtigen literarischen Stimme ihres Landes. Meier arbeitete ursprünglich als Lehrerin. Ihr schriftstellerisches Talent erregte erstmals Aufmerksamkeit, als sie 1984 am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb teilnahm. In ihren Romanen und Erzählungen veranschaulichte sie stets die Nöte von Außenseitern und Ausgegrenzten, schrieb ihr Biograf Ch. Linsmayer.

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