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Musikalische Gratwanderung von Lights Fluorescent

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Lights Fluorescent
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Passend zur Musik: Das Albumcover von «The Oldest Sons Of The Oldest Sons». Foto: Kingdoms/Kieran Behan/dpa Foto: dpa

Unkonventionell und musikalisch nur schwer zu fassen: »The Oldest Sons Of The Oldest Sons« von Lights Fluorescent auf dem US-Label Kingdoms.


Hamburg (dpa) - Das US-amerikanische Duo Lights Fluorescent veröffentlicht Mitte November sein erstes Album mit einer unkonventionellen Mischung aus beatlosem Indie-Pop und Ambient-Musik.

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Lights Fluorescent wurden von dem in Brooklyn beheimateten Multi-Instrumentalisten Dave Harrington und dem ebenfalls aus den USA stammenden und nun in Berlin lebenden Musikproduzenten Benjamin Jay gegründet. Ihr Debüt-Album mit dem Titel »The Oldest Sons Of The Oldest Sons« verstehen sie laut Pressetext als ein »Experiment in den Räumen zwischen Song und Textur, Idee und Referenz, Vergangenheit und Gegenwart«.

Diesem Experiment hat sich das Label Kingdoms von Francis Harris angenommen. Und zwar der Francis Harris, der unter dem Künstlernamen Adultnapper bis Anfang dieses Jahrzehnts in einer ganz anderen Ecke des musikalischen Universums sehr eigenständigen und tanzbaren Techno (noch immer frisch: »Maxwell's Demon« auf Ransom Note) produzierte. Tanzbarkeit steht auf dem seit 2017 veröffentlichenden Label allerdings nicht mehr im Fokus und daher passen Lights Fluorescent mit ihrem komplett perkussionslosen Album perfekt ins Portfolio.

Der erste, titelgebende Track des Debüts, macht dann auch direkt deutlich, wohin die Reise geht. Eine sanft gespielte Gitarre trifft auf sphärische Flächen und den einschmeichelnden und verrauschten Gesang von Benjamin. Alles dreht sich schwerelos umeinander und endet nach gerade mal drei Minuten so unspektakulär wie es begonnen hat. Darauf folgt das noch ruhigere »Our Earlier Years« mit seinen zu Beginn geflüsterten Vocals und den im Anschluss einsetzenden rückwärts abgespielten Sounds, die das Stück endgültig auf Zeitlupenniveau abbremsen.

Diese sympathisch unaufgeregte Strukturlosigkeit und Zufälligkeit im Songwriting zieht sich durch den gesamten Longplayer. Alle Tracks haben dabei eine ähnliche behutsame und leise Produktion, hören sich aber trotzdem so an, als wären sie komplett unabhängig voneinander und ohne verbindenden Album-Gedanken entstanden. Häufig entsteht auch der Eindruck, als ob es sich gar nicht um vollständige Songs, sondern um Soundchecks mit neuen Effektgeräten oder Plugins handelt, bei dem das Aufnahmegerät einfach mal für ein paar Minuten mitgelaufen ist.

Allerdings gibt es auf dem Album unerwarteter Weise noch zwei Stücke, bei denen fast eine klassische Songstruktur zu finden ist. Da ist einmal »Neil Young/Cues« mit einem typischen Strophe-Refrain-Strophe-Schema, bei dem der Refrain jedoch aus einem seltsam zaghaft präsentierten Instrumental-Solo besteht. Da ist weiterhin »J Girls«, das mit einem fast schon konventionellen Synthie-Arrangement beginnt und erneut durch wunderschönen Gesang begleitet wird, bevor dieser sich viel zu früh und unwiederbringlich in schwerelosen Flächen auflöst.

Das Duo Lights Fluorescent veröffentlicht mit seinem Debüt ein bemerkenswert unkonventionelles Album und erinnert damit an Musiker und Projekte, die vergleichbare Explorationen zwischen Ambient-Elektronik und Indie-Musik unternahmen. Seien es alte Helden wie die 4AD-»Supergroup« This Mortal Coil und den hypnotischen Tracks auf »It'll End In Tears«. Sei es der zurückhaltende Elektro-Indie-Pop von Electroserge auf »To Those I Hold Dear« oder der zwischen vielen Stühlen sitzende vermeintliche Ambient-Sound von Walls auf »Urals«.

All diesen Veröffentlichungen ist die musikalische Gratwanderung mit viel Neugier und ohne Berührungsängste gemeinsam, die immer auch einen unerklärlichen und hypnotischen Zauber erzeugt. Und genau das Unerklärliche und nur schwer Greifbare macht diese Musik so interessant und zeitlos.

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