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Musikalische Bewusstseinserweiterung

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Die Sopranistin Maren Schwier und der Perkussionist Max Gaertner boten mit umarrangierten Werken aus zahlreichen Epochen spannende Hörerlebnisse. (Foto: Benekam)

Mozart liebte das Leben, liebte die Welt und genoss es, immer neue Welten zu entdecken. Seine Lieblings-Sprache war die Musik. Sie war ihm Lebenselixier, Droge, war sein Medium zur Kommunikation, das bis heute wirkt, gilt und die Komponisten der Nachwelt prägt und inspiriert.


Im Kultur- und Bildungszentrum Kloster Seeon findet heuer zum 24. Mal die Mozartwoche statt. Der Blick auf die Konzertauswahl, auf die Instrumentierungen und zum Teil Genre-übergreifenden Programmpunkte belegen »Wolferls« ungebändigten Drang zu Innovation. Seine Musik war nicht – sie ist. Ist nicht von gestern, sondern wird von immer neuen Interpreten in andere, »modernere« Formen gebracht. Sie bleibt also im Wandel: Ungewohntes, Spannendes und Unerhörtes brachte das Duo Blank Space aus Mainz zu Gehör und das in einer nicht gerade alltäglichen Instrumentierung.

Maren Schwier (Sopran) ist Mitglied des Opernensembles am Stadttheater Mainz. Max Gaertner ist im selben Haus Perkussionist. Das Duo verschreibt sich der experimentellen Arbeit, bringt selten Gehörtes zum Klingen und brachte die Zuhörer im Festsaal zum Staunen. Unter dem Motto »Mozart in Chains – Ich will selbst den Herren machen, mag nicht länger Diener sein« hatten die beiden ausgewählte Werke zahlreicher Epochen bearbeitet, die jedes für sich einen Bezug zum großen Musiker und Komponisten Mozart aufzuweisen hatten. Denn letztlich ging es auch Mozart darum, mit alten Konventionen zu brechen, Neues zu erschaffen. Eingestimmt mit einem Solo für Marimba, »The Art of Thangka« von Emiko Uchiyama, bei dem, so hatte man den Eindruck, gleich schon einmal ein Rahmen gesteckt war, fühlten sich die Zuhörer wunderbar vorbereitet. Die Marimba-Klänge, von leise und glockenhaft bis donnernd laut in hohen wie tiefen Tonlagen, kamen wie eine Einladung in eine verlockend vielschichtige Klangwelt daher, die im folgenden Werk ein ganzes Orchester ersetzen konnte: »Ein Mädchen oder Weibchen« im Arrangement für Sopran und Percussion. Keine experimentelle Gratwanderung, sondern eine neue und wohlklingende akustische Sensation.

Mozart selbst hätte es kaum für möglich gehalten, was in der »Arie« für Sopran solo von Iris ter Schiphorst dem menschlichen Stimmapparat entlockt werden kann. Schwier schien alles an möglichen Tönen und Lautgesängen zu mobilisieren. Dabei bewegte sie sich stimmlich von ganz oben nach ganz unten, mal gehaucht oder geflüstert, mal im Sprechgesang und überraschte mit Tönen, die wohl in keinerlei Opernliteratur zu finden sind.

Ein Aha-Erlebnis war auch Mozarts »La Ci Darem La Mano« (Don Giovanni) im Arrangement für Sopran und Marimba. In Ermangelung eines Duett-Partners über nahm Schwier beide Stimmen und schaffte mit ihrer grandiosen Sopranstimme den »Abstieg« zum Bass, wobei sie auch mimisch und gestisch nichts schuldig blieb. Es folgte ein Abstecher in die »Minimal Music« mit »Clapping Music« von Steve Reich – eine von vier Händen geklatschte Rhythmusnummer, die Laune machte, ebenso wie der aus demselben Genre stammende »Rhythm Song« von Paul Smadbeck für Marimba solo, der die Zuhörer in fast meditatives Lauschen versetzte. Auch Astor Piazzollas »Libertango« und Kurt Weils »Youkali« klangen im perkussiven Klanggewand durchaus spannend und ansprechend.

Auch die Frage, ob Musiktheater mit nur einer Stimme und einer Darstellerin geht, konnte im Festsaal mit einem klaren Ja beantwortet werden: Der griechisch-französische Komponist Georges Aperghis schrieb 1977 seine »14 Récitations« für Sopran solo, die unbestritten zu den virtuosesten Stimmkompositionen der zeitgenössischen Musik gehören. Mit der Récitation No. 1 und No. 9 zeigte Schwier, was stimmlich und darstellerisch möglich ist. In Aperghis Komposition geht es im weitesten Sinn um die verschiedensten menschlichen Kommunikationsmöglichkeiten. Die Komposition entwickelte er nicht aus dem Gesang heraus, sondern aus einer Konstruktion von Silben – eine Melodie aus Silben also, die manchmal gesungen, gesprochen, gehaucht oder fast geschrien artikuliert wird.

Das Konzert bot einen aufregenden Blick über den kompositorischen Tellerrand. Für die »musikalische Bewusstseinserweiterung« gab es im Festsaal jubelnden Applaus. Kirsten Benekam