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Musik für eine Schlingpflanze und gegen Gewalt

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Schlagzeuger Tyshawn Sorey (von links), Olga Neuwirth, Sängerin Della Miles, Dirigent Sylvain Cambreling und Christopher Brandt (E-Gitarre) nach der Uraufführung. (Foto: Borrelli/Festspiele)

Die Uraufführung des Werks einer österreichischen Komponistin für Bluessängerin, Schlagzeug und Ensemble, die herausragende britische Altistin Hillary Summers, die amerikanische Bluessängerin Della Miles und das sagenhafte Klangforum Wien unter Leitung des visionären Dirigenten Sylvain Cambreling: Dieser Festspiel-Abend in der Kollegienkirche weckte jede Menge Erwartungen. Und sie wurden nicht enttäuscht. Die Aufzeichnung des Konzerts der Reihe »Salzburg contemporary« wird im Hörfunk-Sender Ö1 am 24. August um 23.30 Uhr gesendet.


Die Konzertreihe ist dem 90-jährigen Franzosen Pierre Boulez gewidmet, der ein wichtiges musikalisches Vorbild für die Hauptperson des Abends war, Komponistin Olga Neuwirth mit ihrer »Eleanor-Suite«. So wurde das Programm auch mit einem Boulez-Werk eröffnet: »Le Marteau sans Maitre« von 1953/55, das auf drei surrealistischen Gedichten von René Char basiert.

Sinnliche Vibrafon- und Xylorimba-Klänge, Poesie und lebendige, schillernde Farbigkeit mit stark besetztem Schlagwerk, Gitarre, Bläsern und gern auch im Pizzikato eingesetzten Streichern prägten dieses Werk. Am intensivsten trat die Querflöte in Dialog zu der Sängerin, die mit ihrer warmen, samtenen Stimme mühelos gewaltige Sprünge, einen riesigen Tonumfang und eine große Bandbreite des stimmlichen Ausdrucks von der Kantilene bis zum Hauchen und Summen in der stark nachhallenden Kirche meisterte. Feinste Klangteppiche, Überraschungs-Akzente als Abschluss eines schwingenden Hin- und Herwogens, mystisch einander überlagernde Schichten – Gong, Xylorimba, Flöte – man ließ sich bereitwillig in diese zwar ungewohnten und komplexen, aber doch irgendwie unwiderstehlichen Klänge einhüllen. Die 24 Musikerinnen und Musiker aus zehn Ländern und ihr Dirigent zeigten ein feines Gespür für den Puls und die Rhythmik von Boulez’ Musik.

Das zweite Stück, »Lonicera Caprifolium« der 1968 geborenen Olga Neuwirth, 1993 in Graz uraufgeführt, fesselte ebenso die Sinne. Benannt ist es nach einer Schling- und Kletterpflanze, auch Gartengeißblatt genannt. Es ist wie ein mäanderndes Malen mit Geräuschen und Klängen, wie ein flirrendes, kraftvolles Wachsen – die Komponistin muss beim Kreieren dieser Musik Farben sehen.

Das Tonband kommt als eine Art Parallelwelt ins Spiel, mit verzerrten, teils hämmernden Klängen oder auch mal wie ein Radio ohne eingestellten Sender rauschend. Später imitiert das Orchester die vorher auf Tonband gehörten Effekte, und die Musik scheint sich wie die Schlingpflanze in ihre eigenen Verwicklungen zu verlieren. Mit Flageolett und maulenden Klängen lässt der aus beeindruckender Ruhe heraus agierende Dirigent das Werk verklingen.

Es folgte die Uraufführung. An die 500 Kompositionen aus drei Kontinenten hat das Ensemble schon uraufgeführt. Es war vielleicht etwas ungünstig, die aktuelle Uraufführung ganz an den Schluss zu setzen, da die beiden anderen ebenfalls seriellen Kompositionen den Zuhörern bereits geballte Aufmerksamkeit abforderten.

Und es verlangt geistige Frische, diesem kraftvollen Stück Avantgarde gerecht zu werden und in diese Musiksprache hineinzuwachsen. »Die Eleanor-Suite war ein spontaner Ausdruck meiner hilflosen Empörung gegen rassistische Gewalt und gegen Gemetzel, wie in der Redaktion von Charlie Hebdo geschehen. Ich konnte und wollte nicht stumm bleiben«, schrieb Olga Neuwirth im Januar 2015.

Della Miles schreit sie hinaus, diese Empörung – allein hätte ihre gewaltige Bluesröhre von der Gesamtaussteuerung her noch mehr zur Geltung kommen müssen. Denn das Stück lebt zum einen von diesem natürlichen, unverbildeten, ehrlichen Gesang und zum anderen vom dramaturgischen Aufbau und einem starken Rhythmus, vorangetrieben durch Schlagzeuger Tyshawn Sorey, der auch mit einem tollen Solo aufwartete.

Die Instrumentalmusik, die eher eine Collage aus Sound und Geräuschen mit kaum einem »normal« gespielten Instrument war, wurde durch Aufnahmen von Martin-Luther-King-Reden und Gedichten von June Jordan strukturiert. Mit einem Paukenschlag endete alles – und der Jubel des aufgeschlossenen und öfter wohl auch fachkundigen Publikums brach los. Veronika Mergenthal