weather-image
11°

Musik aus den Epochen der Romantik in gültigen Interpretationen

Nach einer intensiven Herbstarbeitsphase belohnte das Chiemgau-Jugendsymphonieorchester der Musikschulen im Landkreis Traunstein sich und seine Förderer und Freunde mit drei Konzerten in der Region. In Traunstein begeisterte es seine Zuhörer in der voll besetzten Aula der Berufsschule mit einem geschickt ausgesuchten und sorgfältig erarbeiteten Programm aus der Früh-, der Hoch- und der Spätromantik.

Unser Bild zeigt das gesamte Orchester, von Ya-Wen Köhler-Yang vom Cembalo aus geleitet. (Foto: Kaiser)

Am Anfang lag auf den Pulten die Ouvertüre zum Trauerspiel »Corolian« c-Moll op. 62 aus dem Jahr 1807 von Ludwig van Beethoven, geschrieben als Einleitungsmusik zum gleichnamigen Drama seines Freundes, des österreichischen Dichters Heinrich Joseph von Collins. Die legendenhafte Figur des Patriziers Corolian aus dem 5. vorchristlichen Jahrhundert, der, vom Volk von Rom wegen seines maßlosen Stolzes nicht zum Konsul gewählt, sich mit den Volskern verbündet, den ärgsten Feinden Roms. Nur den Frauen Roms unter der Führung seiner Mutter und seiner Gattin gelingt es, Corolian umzustimmen- im Konflikt zwischen Vaterlandsliebe und persönlichem Hochmut gibt er sich selbst den Tod.

Anzeige

Beethoven hat diesen Zwiespalt in der kurzen Ouvertüre klar und differenziert dargestellt; das junge Orchester mit etwa 60 Musikerinnen und Musikern im Alter zwischen 12 und 20 Jahren setzte unter der klugen Leitung von Ya-Wen Köhler-Yang, die seit 2006 das Jugendsymphonieorchester dirigiert, diese Musik eindrücklich in Töne. Ein gemeinsames Einatmen und drei Fortissimo-Unisoni der Streicher, jeweils beendet durch einen abrupten, harten Tutti-Schlag, boten den heldischen Aspekt dar, aufbrausend entfaltete sich das Motiv im Gesamtorchester.

Ein weiteres, lyrisches Thema charakterisierte den Einfluss der Frauen – Streichertremoli zeigten die Verwirrung des »Helden«. Sein musikalisches Thema verlöschte in drei fast unhörbaren Pianissimo-Pizzikati. Bewundernswert sauber intonierende Streicher und ein punktgenauer Pauker setzten Eckmaßstäbe; die Bläser dazwischen ordneten sich organisch ein.

Als Glücksgriff erwies sich die Wahl der Suite Nr. 1 aus »Antiche arie e danze per liuto« (»Alte Weisen und Tänze für Laute«) durch die Orchesterleitung. In diesen vier Bearbeitungen (1917) von Lautenstücken aus der Renaissance »in stilo antico«, verquickt mit eigenen, spätromantischen Klangvorstellungen, hatte Ottorino Respighi (1879 bis 1936) knappe Kostbarkeiten geschaffen, die in ihrer Klarheit und anspruchsvollen Einfachheit das Publikum in Traunstein entzückten, wo Ya-Wen Köhler-Yang von Cembalo aus dirigierte.

Vollen, satten Streicherklang boten das »Balletto detto Il Conte Orlando« und eine »Gagliarda«; elegisch anmutig und reizvoll präsentierte sich eine »Villanella«, ein ländliches Strophenlied im Wechsel mit Cembalo, Flöten und Solostreichern mit dem Solocello zu Pizzikato und Cembalo. Der »Passo mezzo e mascerada« erklang in unbändiger und ansteckender Freude im Wechsel zwischen schwingenden Melodien und straffem Schreittanz (»Passo mezzo«)-Rhythmen.

Mit den 12 Streichersinfonien, komponiert im Knabenalter zwischen 12 und 14 Jahren, eignete sich Felix Mendelssohn Bartholdy sein sinfonisches Rüstzeug an. Auch seine Symphonie Nr. 1 c-Moll op. 11, vollendet im Alter von 15 Jahren, hatte er als reines Streicherwerk konzipiert, doch dann mit einem vollen Bläsersatz ergänzt. Im Chiemgau-Jugendsymphonieorchester waren auch die Holz-Blechblasinstrumente mit jungen Leuten besetzt, mit Ausnahme von zwei Trompetern »älteren Semesters«. Sehr erfreulich war heuer die große Zahl von Geigen, die hauptsächlich von Damen gespielt wurden.

Gleich beim einleitenden Allegro di molto ging es in die Vollen, mit Leidenschaft und Angriffslust. Eine überzeugende Holzbläsergruppe und ein junger Heißsporn an den Pauken, kaum älter als der Komponist nach Abschluss seiner 1. Symphonie, ließen aufhorchen.

Einem Andante mit sehnsüchtigen und süchtig machenden Weisen folgte ein Menuetto, ein ungestümer Tanz in mitreißendem 3er-Rhythmus mit einem ruhig-entspannten Mittelteil. Wirklich »con fuoco« kam schließlich der Schlusssatz mit abwechslungsreichen Details, mit bezaubernden Pizzikato-Stellen, einem bezwingenden Klarinettenthema, einem Fugato quer durch die Streicherriege und natürlich einem großen, eigenwilligen Finale.

Nach dem stürmischen Beifall merkte Frau Ya-Wen Köhler-Yang fast entschuldigend an, dass das Orchester neben der intensiven Probenarbeit am Programm »keine Zeit mehr hatte, eine Zugabe einzustudieren« – gut und recht so! Engelbert Kaiser