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Musik aus dem Geist des Tanzes

Mit Rollator saß er im Münster auf der Fraueninsel und verfolgte das Konzert, gleichermaßen konzentriert und bewegt. Es war Enoch zu Guttenberg anzumerken, wie gerne er selber vorne am Pult gestanden hätte, um zu dirigieren. Das aber fällt in diesem Jahr gründlich ins Wasser, denn: Wegen einer Bandscheibenoperation musste er Ende Juni sämtliche Dirigate bei seinen Herrenchiemsee Festspielen offiziell absagen. Dabei sollte er diesmal wieder mehr Konzerte leiten als in den vergangenen Jahren.

Es spricht für das Festival, dass in derart kurzer Zeit nicht nur adäquater, sondern klug ausgewählter »Ersatz« gesucht und gefunden wurde. Die »Auserwählten« heißen Andrew Parrott, Salvador Mas Conde und Reinhard Goebel. Letzterer leitete das Eröffnungskonzert, was ganz besonders erfreulich war. Denn Goebel hat enorme Verdienste um die historische Aufführungspraxis und die »alte Musik«, in Deutschland zählte er zu den Pionieren der Originalklang-Szene.

Seit 1973 hatte er mit seinem Ensemble Musica Antiqua Köln couragiert und beharrlich Ohren geöffnet, gerade auch mit Werken von Johann Sebastian Bach. Seine Aufnahme der »Kunst der Fuge« markiert bis heute einen Richtwert. Umso aufregender und erhellender war es, Goebel nun mit geistlichen Kantaten von Bach zu erleben. Mit »Gott der Herr ist Sonn und Schild« BWV 79, »Meine Seele rühmt und preist« BWV 189, »Jauchzet Gott in allen Landen« BWV 51 und »Die Himmel erzählen die Ehre Gottes« BWV 76 wurde ein konzises Programm geschnürt.

Dabei hat die Leitung von Goebel einmal mehr deutlich gemacht, wie sehr die Musik von Bach im Grunde aus dem Tanz kommt. Stringent und punktgenau ließ Goebel den Kammerchor und die Musiker der »KlangVerwaltung« Akzente setzen, Affekt und Effekt gaben sich sinnstiftend die Hand. Das alles entwickelte einen überaus befreiten, lebendigen Fluss, temporeich und beschwingt. Statt die Choräle bedeutungsschwanger schwären zu lassen, nahm er sie buchstäblich wörtlich – als hoffnungsfrohe Fürbitten.

Glühende Zuversicht statt denkfiebrige Meditation: Das war die Botschaft, die auch von den Solisten stilsicher verkündet wurde. Mit dem noblen Klaus Mertens (Bass), der schon häufiger mit Guttenberg Projekte realisiert hat, war ein Sänger zu erleben, der tief und zugleich natürlich in die Bedeutung der Worte eindringt – die Farbe und den Ausdruck sorgsam gestaltend. Das war große Sanges- und Wortkunst. Klar und hell erfüllte zudem der Tenor von Daniel Johannsen den Raum, was nicht zuletzt in der Tenorkantate BWV 189 berückende Hörmomente schenkte.

Dies taten auch Miriam Meyer (Sopran) und Olivia Vermeulen (Alt), wobei Vermeulen mit einer sonoren, warmen, runden Altstimme punktete. Wie sie etwa in der Aria »Liebt, ihr Christen, in der Tat!« aus dem zweiten Teil der Kantate BWV 76 eine stille Reflexion und Innenschau atmen ließ, das war bleibend. Und Goebel? Manchmal hatte man optisch den Eindruck, dass Guttenberg vorne dirigierte. Jedenfalls war Goebels Leitung ähnlich feurig und energiegeladen, mitunter stach er mit dem Finger in die Luft. Das Ergebnis beglückte und berauschte. Marco Frei