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Mozartoper mit aktueller Brisanz

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Mit allerlei Einfällen schnurrt das Verwirrspiel über die Landestheater-Bühne: Unser Bild zeigt (von links) Susanna (Laura Nicorescu), Figaro (Aubrey Allicock), Chrubino (Shahar Lavi), Graf (George Humphreys) und Basilio (Gürkan Gider). (Foto: Landestheater)

Sexuelle Übergriffigkeit ist derzeit ein viel Aufmerksamkeit erregendes Thema. Die Inszenierung im Salzburger Landestheater mixt in der Mozartoper »Die Hochzeit des Figaro » einen Cocktail aus heiterer Boulevard-Unterhaltung und aktuellem Bezug zum gegenwärtigen sogenannten »Weinstein-Skandal«.


Auf der Landestheaterbühne ist Graf Almaviva (George Humphreys) offenbar ein betuchter Amerikaner, der auf der Dachterrasse seiner schicken Hollywood-Villa Golf spielt. In den Liegestühlen rund um den Swimmingpool im Garten tummeln sich diverse Gespielinnen. Die Brisanz des »Folle Journée« von Beaumarchais’ Librettovorlage zu Lorenzo Da Pontes theaterwirksamem Figaro-Sujet, die Aufmüpfigkeit abhängiger Untergebener gegenüber der mächtigen Obrigkeit, findet ihr Pendant in der gegenwärtigen Thematik des sexuellen Machtmissbrauchs.

Wenn Susanna, Barberina, Marcellina und alle übrigen weiblichen Angestellten des Haushalts am Ende dem selbstgerechten Grafen geschlossen mit Tafeln gegenübertreten, auf denen die Lettern »# Me too« anklagen, bleibt ihm keine andere Wahl als zum »contessa perdono« vor der Gräfin in die Knie zu gehen. Davor schnurrt das Verwirrspiel mit allerlei Einfällen über die Bühne. Im ersten Akt werden aufgetürmte Umzugskartons zu Wurfobjekten, mit denen die wütende Susanna (Laura Nicorescu) Marcellina (Frances Pappas) aus ihrem Zimmer jagt, nachdem sie ihren Bräutigam Figaro (Aubrey Allicock) über des Grafen Absichten aufgeklärt hat.

Almaviva möchte am liebsten das alte Herrenrecht der ersten Nacht mit Susanna wieder aufleben lassen. Aber die gesamte Dienerschaft appelliert an Almavivas Großherzigkeit mit großen Postern, auf denen das Konterfei des Grafen prangt mit den Aufschriften »I say no to sexual harassment«, »Men of quality do not fear equality« oder »Womans rights are human rights«. Im Laufe der weiteren Turbulenzen wechseln gefällige Details und nette Szenen mit abgedroschenen oder spannungslosen Abläufen. Hübsch ist unter anderem der Einblick ins Kabinett der Gräfin, in dem Susanna rasch die Stelle des geflohenen Cherubino eingenommen hat, um dem Grafen zum Schutz der Gräfin ein Schnippchen zu schlagen.

In Sachen Besetzung gab es zwei herausragende Glanzlichter, die zauberhafte Susanna der Laura Nicorescu, die in jedem Outfit und in jedem Ambiente gute Figur macht und die noble Gräfin von Anne-Fleur Werner. Mit Nicorescus glockigem Sopran, ihrer sprechenden Mimik und ihrer flotten Beweglichkeit war jede Geste und jede Note im sprachlichen Ausdruck, in der gesanglichen Linie und in der musikalischen Phrasierung absolut stimmig. In der Gartenszene textete sie die nicht vorhandenen Pinien in Pflanzen um, passend zum Set. In schlichter Innigkeit sang sie die Rosenarie, ergänzt von kadenzierendem Zierat in der Höhe.

Mit leuchtendem Sopranglanz punktete die Gräfin von Anne-Fleur Werner und überzeugte in der eleganten Darstellung. In die zweite große Arie »Dove sono« kann sie noch besser hineinwachsen und sicherer werden, vor allem auch atemtechnisch auf einen besseren Bogen ohne abfallende Phrasenenden achten. Aber insgesamt eine ansprechende Darbietung.

Als Cherubino konnte Shahar Lavi in ihrem übertrieben schlacksigen Bewegungsvokabular weder überzeugen noch Sympathiepunkte einfahren, aber in der gesanglichen Begabung ließ sie aufhorchen und sang mit schöner, gut geführter Stimme. Vor allem, als sie sich in ihrer Arie im zweiten Akt »Voi che sapete« auf Mozart besann, gewann sie bemerkenswertes gesangliches Profil. In der Verkleidungsszene legte sie ihre aufgesetzte Pseudoburschikosität ab und ließ ihre Natur als attraktive, junge Frau walten, was allerdings der Hosenrolle entgegensteht.

Figaro Aubrey Allicock zeigte sich mit seinen Noten vertraut, ergänzte manch passende Auszierung und gab die Partie mit sonorem Bassbariton kräftig und darstellerisch beweglich. In der Optik kann er höchstens als Adoptivsohn von Marcellina und Bartolo durchgehen. George Humphrey legte den Grafen als Provinzcasanova mit dem Charme und Sexappeal eines frustrierten Buchhalters an. Er sang ordentlich, wirkte aber nicht wirklich eins mit der Partie. Köstlich Frances Pappas als Marcellina, der Bartolo von Raimundas Juzuitis etwas hölzern, Gürkan Gider ein witziger Basilio. Die Barbarina von Tamara Ivanis, Michael Schobers Antonio und Alexander Hüttners Don Curzio komplettierten das Ensemble.

Das Mozarteum Orchester kennt seinen Mozart, spulte aber diesmal die Klangebene etwas routiniert ab, ohne dass ausgefeilter Feinschliff explizit ohrenfällig wurde. Im ersten Akt dauerte es etwas, bis Orchester und Bühne zusammenfanden. Adrian Kelly nahm die Tempi in der Ouvertüre recht flott und im Finale des zweiten Aktes fast an der Grenze zu guter Singbarkeit, was die Musik aber deswegen nicht spannungsreicher belebte. Im Übrigen war er meist mit Mozart in gutem Einverständnis. Elisabeth Aumiller