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Motivationskünstler und Botschafter des Stiftslandes Berchtesgaden

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Chorleiter Stefan Mohr nahm bei seiner Verabschiedung im Gasthof »Neuhaus« nicht nur Dankesworte, sondern auch Geschenke entgegen. (Foto: Andreas Pfnür)

Berchtesgaden – Mitglieder des St. Andreas-Chores verabschiedeten sich am Mittwoch im Gasthof »Neuhaus« im Rahmen einer stimmungsvollen, von Dankbarkeit und Wehmut geprägten Feier von ihrem Chorleiter Stefan Mohr. Er verlässt den Chor zum 1. Oktober nicht ganz freiwillig.


Ein Rückblick: Im September 2015 übernahm Stefan Mohr sein Amt als Kantor der Pfarrgemeinde St. Andreas nach einem aufwändigen Auswahlverfahren, an dem der Chor mit einer Test-Chorprobe beteiligt war. Mit der Gründung des Pfarrverbandes Stiftsland Berchtesgaden im November 2015 wurde Mohr wie geplant außerdem Stiftskapellmeister mit einem Wirkungskreis, der, so der Pfarrverbandsrat, alle kirchenmusikalischen Koordinationsaufgaben im gesamten Pfarrverband umfasste.

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Diese nach Pfarrverbandsleiter Monsignore Dr. Thomas Frauenlob hierfür eigens als Vollzeitstelle geschaffene, arbeitsintensive (und entsprechend dotierte) Aufgabe des Pfarrgemeinde- und Pfarrverbandskantors erfüllte Mohr mit Elan, Engagement und großem Erfolg in allen Bereichen. Dennoch entschloss sich die Pfarrverbandsleitung zu einer Kürzung der vereinbarten Wochenarbeitszeit. Mit dem Weggang von Stefan Mohr hat die kirchenmusikalische Aufbauarbeit auch im Pfarrverband ein Ende.

Stefan Mohr ist ein Motivationskünstler. Mit dem St. Andreas-Chor übernahm er einen Kirchenchor, den er dank seiner großen Erfahrung als Chorleiter mit freundlicher Geduld, hartnäckiger Ausdauer und Konsequenz sowie einem ausgeprägten Gespür für das Machbare auch an schwierige, klanglich ungewohnte Musikstücke heranführte und mit Erfolg auf ein handwerklich gutes musikalisches Niveau anhob.

Dieser deutliche Qualitätsaufschwung zahlte sich in doppelter Hinsicht aus: Nun sang der St. Andreas-Chor auf Einladung auch Messen außerhalb des Marktes, etwa im Dom zu Salzburg, im Linzer Dom, in der Kathedrale von Augsburg und in der Sekiguchi-Kathedrale zu Tokio, allein oder unter Stefan Mohr zusammen mit dem etablierten Mozartchor Salzburg. Gemeinsam nahmen beide Chöre am Mahoroba-Festival 2018 in Japan teil.

Dabei täuscht sich, wer da glaubt, Messgesänge in fremden Kirchen oder Kooperationsprojekte seien für einen Kirchenchor selbstverständlich. Besonders in Städten mit einer reichen und aufführungswilligen Chor-Szene und ebenso bei Musik-Festivals ist genau das nicht der Fall, da zählt allein die mit dem Namen des Chorleiters verbundene und deshalb vom Chor zu erwartende Qualität der musikalischen Darbietung.

Für den St. Andreas-Kirchenchor als Botschafter des Pfarrverbandes Stiftsland Berchtesgaden waren diese Gastauftritte deshalb Ehre und Anerkennung zugleich, für die Chormitglieder großartige, anspornende Erfahrungen, durch die die Chorgemeinschaft – auch klangfördernd – enger zusammenrückte.

Schon im September 2015 hatte Monsignore Dr. Thomas Frauenlob die doppelte Chorleitung von Mohr gegenüber dem Pfarrverbandsrat ausdrücklich als gute Verbindung in die Salzburger Musikszene begrüßt, weil sie dem Pfarrverband zugutekomme. Wohl wahr. Denn die heimische St. Andreas-Pfarrgemeinde und das Stiftsland Berchtesgaden profitierten nicht nur über die Außenwirkung der Gastauftritte des Chores, sondern auch unmittelbar von der erweiterten Aufführungspraxis, durch die der St. Andreas-Chor für die Festtags-Messfeiern in der Stiftskirche zunehmend an Selbstvertrauen, Sicherheit und Routine gewann, was sich, wie Pfarrer Frauenlob gegenüber dem Chorleiter mehrfach wohlwollend festgestellt hatte, in der Qualität der gesungenen Messen niederschlug.

Wie geht es mit dem Chor weiter? Die unmittelbar Betroffenen – die Chormitglieder – wissen es nicht. In der Chorversammlung am 22. Juli hatte Verwaltungsleiter Michael Koller ihnen zugesichert, die Vollzeit-A-Kantorenstelle von Stefan Mohr werde als Teilzeitstelle für einen A-Kirchenmusiker ausgeschrieben, damit die vom Chor mit viel Arbeit und Mühe erreichte Gesangsqualität wenigstens erhalten werden kann.

Die Anstellung eines nach seiner Ausbildung vergleichbar qualifizierten Nachfolgers ist nun aber nicht mehr geplant. Hinzu kommt, dass viele Chormitglieder aus Enttäuschung über den Alleingang der Pfarrverbandsleitung bei der Kündigung ihres Chorleiters dem St. Andreas-Chor den Rücken kehren wollen. Ob der Chor zu größeren musikalisch gestalteten Messfeiern noch in der Lage sein wird, bleibt deshalb abzuwarten. Dr. Hilde Schulte