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Momentaufnahmen übersprudelnder Kreativität

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Gestatten: »Lena 1 und 2« von Regina Sebold.
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Hereinspaziert: Fritz Schelles »Welcome«. (Fotos: Meister)

Berchtesgaden – Die Jahresausstellung des Berchtesgadener Künstlerbundes hat einen ganz besonderen Aspekt: Der Künstlerbund feiert in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag. Und er feiert ihn vor allem, indem er die neuen Arbeiten der gegenwärtigen Mitglieder präsentiert.


Zuverlässig kann sich der Besucher jedes Mal auf eine besondere Ausstellung freuen, bunt und facettenreich, geprägt vom Können der »Einzelkämpfer«, die sich in der Regel nur für ein paar Wochen gemeinsam als kreative Gruppe zusammen finden. Und doch ist die Jubiläumsausstellung, diesmal wieder im AlpenCongress, eine ganz besondere.

Stolz bei der Eröffnung war nicht nur Künstlerbund-Vorsitzender Christoph Merker ob der großen Vielfalt und der Qualität der ausgestellten Werke, auch Marktbürgermeister und TRBK-Vorsitzender Franz Rasp freute sich, dass der Ausstellungsraum endlich das angestrebte Niveau erreichen konnte, einschließlich entsprechender Beleuchtung.

Der große und von den Kunstwerken bis zum letzten Winkel ausgelastete Raum, der im früheren Kongresshauskonzept einmal der stetig offene Verbindungsgang war, in dem die Werke akribisch bewacht werden mussten, ist nun so etwas wie eine »Heimstatt« des Künstlerbundes, der Jahrzehnte immer wieder neu und oft mit provisorischem Zwischenstand nach einem passenden Quartier suchen musste, geworden.

»Kunst will gesehen werden und darum freuen wir uns, dass Sie alle gekommen sind«, ließ Merker wissen. Diesmal wird die Ausstellung von einem Katalog begleitet. Merker erinnerte an den früheren Vorsitzenden Martin Rasp, der einen ausführlichen Katalog zum 90-jährigen Bestehen hinterließ, in dem alle Mitglieder gewürdigt werden konnten. Deshalb habe man sich nun auf eine Momentaufnahme beschränken und sich auf die aktuellen Mitglieder konzentrieren können.

Sibylla Bögel war leidtragend bei der vergangenen Jahresausstellung, weil unsensible Besucher ihre wunderschöne Raubkatze kurz nach der Eröffnung zerstört hatten. Das hölzerne kleine und in seiner Schlichtheit nicht minder bestechende »Pferd« hat sie diesmal vorsichtshalber im »Stall« deponiert, in einer Vitrine. In Nachbarschaft mit anderen kleinformatigen zerbrechlichen Stücken von Kollegen. Beispielsweise Christina Schelle und Fritz Schelle.

Christina Schelle ist mit keramischen Schalen und einer Vase vertreten, die neben der Formschönheit auch durch Farbspiele bestechen.

Die gedrechselten Schüsseln und Schalen von Fritz Schelle sind gebeizte Drechselarbeiten von geradezu bestechender Brillanz, schlicht in ihrer Formgebung. Des Bildhauers eigentliches Feld bestellt Schelle nebenan mit Reliefs, in denen er Alltagsszenen in ganz eigener Art zu Gemälden in Beton oder Bronze werden lässt.

Wunderbare freie Skulpturen offeriert wieder Felicia Däuber. Ohne Titel, natürlich. Allerdings gibt es diesmal die Varianten »RV 7« und »RV 8«, was, nicht despektierlich gemeint, eventuell Resteverwertung bedeuten könnte. Denn die Bildhauerin erzählte freimütig, dass sie aus fertigen Arbeiten, die von Wettereinflüssen verwundet waren, neue Werke kreieren musste. Norbert Däuber behält seine kleinen Eigenheiten konsequent. Zurückhaltung gehört dazu unbedingt, obwohl der Schnitzschuldirektor zur »Aktionsabteilung« des Künstlerbundes gehört und auch beim Entstehen dieser Werkschau mächtig Hand anlegte. Aus seiner Vita im Katalog kann man erfahren, dass er in Berchtesgaden geboren ist. Mehr nicht. Und auch zu seiner die Ausstellung bereichernden Arbeit, einem kleinen Akt in Bronze und Rahmen war wenig zu erfahren.

Nicht nur, weil Siegfried Gruber gern im großen Format arbeitet, sind seine Bilder oft für das Betrachterauge oft erster Anhaltspunkt beim Betreten der Ausstellung. Auch in diesem Jahr »drängt« sich ein »Gruber« sofort in den Mittelpunkt. »Zeit« nennt er seine Momentaufnahme, in der in schöne Landschaft eingebettete und von Schäfchenwolken umschwebte Menschen sich auf Bahnsteigen drängeln und sich nicht den gegenüber sitzenden Mitbürger, sondern das Mobiltelefon als Gesprächspartner wählen. Auch die benachbarte Landschaft und »Schwimmende« gehören für den Berichterstatter zu den »Hinguckern«.

Was für den brillanten Zeichner und Maler gilt, kann ohne Abstrich für Gerhard Passens wiederholt werden. »Geheimnis II« nennt er die sich bedeckt haltende schlanke Dame und macht sie zum kleinen Rätsel. Ein weiteres Motiv für Zweifler liefert Passens mit der »Weltanschauung«, einem Kopf, dem der obere Teil fehlt, in dem, glaubt man anatomischen Vorgaben, die wesentlichen Dinge, also auch Weltanschauungen, geformt werden müssen.

Der mittlerweile in München lebende Künstler Gregor Passens hat zwei an den legendären »King Kong« erinnernde Gorillas nach Berchtesgaden beordert. In kleinerem Format allerdings treten seine »Kongs« auf. Im erwähnten Katalog betont der Künstler, dass sein »Kong« nicht nur im Dschungel, sondern an verschiedenen Orten auftreten kann.

Elisabeth Sebold ist immer für Überraschungen gut. Mit »Der Kuchen«, gefährlich mitten in den Rundgang gesetzt und Stolperstein sein könnend für geradeaus blickende Betrachter, bewegt sie sich wieder auf ihr vertrautem Gelände, in dem sie in der jüngeren Vergangenheit über gewellte Autobahnen den direkten Weg in die Katastrophe wies oder absurde Schlachten mit vielen kleinen gesichtslosen Kämpfern schlagen ließ, zeigt sie auf einer krümelig bröckelnden und durch große Risse fast zerstörten »Weltscheibe« den Zustand derselben. Besondere Aufmerksamkeit verdienen wohl auch ihre großen »Drei Grazien«.

Ein wenig auf den Spuren der Mutter bewegt sich Regina Sebold, die mehrere kleinformatige Figuren beisteuert, mit ihrem außergewöhnlichen Schachspiel einen bizarren Blickpunkt in den Raum. Zwei Büstenminiaturen, »Lena 1 und 2« betitelt, fallen besonders angenehm auf.

Nachdem sich Hannes Stellner lange Zeit und in wohl jeder möglichen Form dem Ohr widmete, wendet er sich nun wieder stärker der klassischen Bildhauerei zu. Zwei ausdrucksstarke Porträts, entstanden im Betonguss, bilden so etwas wie einen Ruhepol im bunten, aufregenden Sammelsurium der Werkschau. Besondere Aufmerksamkeit verdient »young rottmayer«. Vermutlich ungewollt ähneln sich manche Themen in den Bildern von Kathrin Fraas und Carola Thiersch, die in benachbarten Nischen zu sehen sind. Aber ganz anders. Einmal grell und farbschreiend, nebenan zurückhaltend, vielleicht eine leichte Prise Romantik und Melancholie mit sich tragend. Carola Thierschs »Unter Bäumen«, »Bergwelt« oder »Walddämmer« fangen stille Momente ein, menschenlose Idylle, die sanft aus einem Nebelhauch fast schüchtern herausleuchten.

Bildhauer Walter Ziegler hat zuletzt mit manchmal waghalsigen Drechselarbeiten auf sich aufmerksam gemacht. Das gibt es auch in diesem Jahr. Vor allem sind es aber wohl zwei Reliefs, die ins Auge stechen. Vor allem »Flucht II«, eine Arbeit auf rauer Holzplatte, berührt in besonderer Weise. Das allgegenwärtige und nicht nur Nachrichtenschauer erschütternde Thema variiert Ziegler durch einen lange Menschenkette auf der Suche nach neuer, sicherer Heimat, nicht selten auch gegen den Widerstand der bereits Angekommenen. Mittendrin das Paar, das in Bethlehem nach einer Bleibe suchte.

Die Jubiläumsausstellung des Berchtesgadener Künstlerbundes wird im AlpenCongress bis zum 30. Juni gezeigt. Geöffnet ist täglich zwischen 14 und 18 Uhr, an Samstagen zusätzlich auch von 10 bis 14 Uhr. Dieter Meister