Mit Raubüberfall den Urlaub verlängern

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Dieses Foto machte »Anzeiger«-Mitarbeiter Christian Wechslinger, nachdem er den Handtaschenräuber (l.) und seine Gefährtin hinter dem Alten Friedhof in Berchtesgaden gestellt hatte.

Berchtesgaden/Laufen – Am Morgen des 5. Juli 2016 hatte die Rentnerin Geld von ihrer Sparkasse geholt. Und dann der Schock: Mitten in Berchtesgaden entriss ihr ein 28-jähriger Urlauber die Handtasche mit rund 360 Euro Bargeld. Christian Wechslinger, aufmerksamer Sport- und Lokaljournalist beim »Berchtesgadener Anzeiger«, verfolgte den Mann durch den Markt bis in den Alten Friedhof. Wenig später stellte die Polizei den derzeit wohnungslosen Lageristen. Am gestrigen Montag musste sich der mehrfach vorbestrafte Drogenabhängige vor dem Laufener Schöffengericht verantworten. Das entschied auf eine Freiheitsstrafe von zweieinhalb Jahren wegen schweren Raubs und eine Unterbringung in einer Entziehungsanstalt.


Mit 400 Euro in der Tasche waren der Angeklagte und seine erst 19-jährige Freundin nach Berchtesgaden gereist. »Ich wollte einfach nur weg«, schilderte er seine damalige Situation im großen Sitzungssaal, »so frei wie dort, habe ich mich noch niemals gefühlt.« Allerdings reichte das Geld nicht lange, und so entriss er der 71-Jährigen an einem Busparkplatz die Handtasche. Als »Spontantat« nahm ihm das Gericht die Geschichte freilich nicht ab, hatte der gelernte Lagerist sich doch zuvor Mut angetrunken. Vor allem aber erwartete seine Freundin ihn hinter dem Alten Friedhof mit Wechselkleidung.

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Foto vom Täter und seiner Komplizin

Christian Wechslinger heißt der Journalist des »Berchtesgadener Anzeigers«, der den Täter mit Unterstützung des Berchtesgadeners Hans Wurm verfolgte, über die Redaktion die Polizei verständigen ließ und den Mann samt Freundin im Alten Friedhof wiederentdeckte. Und sogar ein gestochen scharfes Foto der beiden schoss. Vier Streifenwagenbesatzungen hatten sich zwischenzeitlich an die Fersen des Duos geheftet. Wenig später hatte man sie in der Nähe des Hotels Bavaria festgenommen. Seit dem 5. Juli saß der Mann daher in Untersuchungshaft. Das Verfahren gegen die junge Frau hat die Staatsanwaltschaft abgetrennt, sodass sich vorerst nur der 28-Jährige für die Tat verantworten musste.

Der räumte alles ein und entschuldigte sich bei der Rentnerin, erhob aber auch schwere Vorwürfe gegen die Therapieeinrichtung, in der er die letzten drei Jahre verbracht hatte. Nichts sei dort passiert, lediglich die Zeit habe er darin abgesessen. Bisherige Therapien waren allesamt erfolglos geblieben. Der in Bamberg geborene Angeklagte hatte mit 14 Jahren zu rauchen begonnen, konsumierte ab dem 16. Lebensjahr regelmäßig Marihuana, trank sich beinahe täglich zum Vollrausch und nahm ab 18 die synthetische Droge Crystal Meth. Als »emotional instabile Verhältnisse«, beschrieb Gutachter Dr. Josef Eberl die Vergangenheit des Angeklagten, der bereits vier Vorstrafen aufzuweisen hat und während der Tat in Berchtesgaden unter zweifach offener Bewährung stand. Eine »Persönlichkeitsstörung« mochte der Psychiater und Psychotherapeut des Inn-Salzach-Klinikums »noch nicht« diagnostizieren, ebenso wenig krankhafte seelische Störungen. Selbst mit der errechneten Alkoholkonzentration von 1,5 Promille sehe er keine erheblich verminderte Steuerungs- und Einsichtsfähigkeit. »Bei einer Therapie in der Forensik sehe ich eine hinreichend gute Aussicht auf Erfolg«, schloss Dr. Eberl.

Auf den Journalisten im Zeugenstand wartete das Schöffengericht vergebens. Der war zwar geladen worden, hat aber nach eigener Angabe keine Ladung erhalten.

»Stabiles Opfer«

»Eine hohe Rückfallgeschwindigkeit« attestierte Staatsanwalt Dr. Christian Liegl dem Täter, der von Glück reden könne, ein so »stabiles Opfer« erwischt zu haben, zeigte sich die Rentnerin im Gerichtssaal doch souverän und unbeeindruckt. Folgeschäden habe sie nicht davongetragen. Weil der Angeklagte bei der Tat ein Taschenmesser bei sich getragen hatte, lautete die Anklage auf schweren Raub, wofür das Gesetz eine Mindeststrafe von drei Jahren vorsieht. Eine Strafrahmenverschiebung zugunsten des Angeklagten mochte Liegl nicht erkennen, sodass er auf ein Strafmaß von dreieinhalb Jahren und die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt plädierte.

Rechtsanwalt Hans-Jörg Schwarzer wollte dagegen von einem minderschweren Fall ausgehen, habe sein Mandant doch eher spontan im Vorbeilaufen der Frau die Tasche entrissen. »Er ist nicht der klassische Räuber«, sagte der Verteidiger, »er wollte halt noch einen Tag länger bleiben.« Besser wäre es gewesen, er hätte schlicht die Hotelrechnung nicht bezahlt, denn Einmietbetrug wiege deutlich weniger schwer als Raub. Schwarzer sieht den 28-Jährigen auf »einem guten Weg«, das Geständnis und die Entschuldigung seien von ehrlicher Reue getragen, weshalb er für eine Strafe unter drei Jahren plädierte.

Nicht der »typische Raub«

Das Schöffengericht folgte dieser Sicht und entschied auf zweieinhalb Jahre und ordnete die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt an. Es liege hier nicht der »typische Raub« vor, den der Gesetzgeber in seinem Paragrafen 250 Strafgesetzbuch meine, urteilten die drei Richter. Weil jedoch die zwei offenen Bewährungen widerrufen würden, erwarte den Verurteilten nun ohnehin ein »langer Freiheitsentzug«, erläuterte Vorsitzender Richter Thomas Hippler, der ebenfalls von »Glück« sprach, dass der Rentnerin dabei nichts passiert sei.

Bei der entschuldigte sich der Täter, der im Gerichtssaal mehrfach in Tränen ausbrach, ausdrücklich und wünschte ihr »alles Gute«. Die Rentnerin klopfte ihm zum Abschied auf die Schulter und sagte: »Gleichfalls.« Hannes Höfer

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