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Mit dem Herzen sehen

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Die Liebe zu seiner Rose (Márcia Jaqueline) erkennt der Kleine Prinz (Niccolò Masini) erst, als er sie verlässt. (Foto: Landestheater/Löffelberger)

»Der kleine Prinz« kann tanzen. Anders ausgedrückt, seine Geschichte ist tanzbar – und wie. Zu dieser Erkenntnis kam das Publikum der Kammerspiele des Salzburger Landestheaters, dessen Ballettcompagnie Antoine de Saint-Exupérys Werk als fantastisches Ballett für Kinder ab fünf Jahren uraufführte.


Die märchenhaften Figuren um den viel geliebten Prinzen wurden in der großartigen Choreografie von Flavio Salamanka zu neuem Leben erweckt, zu der in sensibler Anpassung Musik von Bach bis Alfred Schnittke zu hören war. Im Bühnenbild (Sonja Böhm) war auf weißer Wand per Lichttechnik das handgemalte Bild eines Kindes zu sehen: Ein Elefant in einer Riesenschlange. Oder ist es ein Hut? Saint-Exupérys Illustration aus seinem Kunstmärchenbuch wirft schon ehe der erste Tänzer die Bühne betritt, die richtigen Fragen auf, bevor die Geschichte als Ballett in lebendige Bilder übergeht.

»Alle großen Leute sind irgendwann einmal Kinder gewesen. Wieso also erkennen große Leute in diesem Bild nur einen Hut?«. Die eingespielte Erzählerstimme (Gregor Schulz) hat etwas verträumt Mystisches. In Salamankas Choreografie bekommt die Geschichte um den kleinen Prinzen, der, von einem anderen Stern kommend, den eigenen Kosmos verlässt, um »andere Welten« (oder die Welten anderer) zu besuchen, eine neue Dimension. Die Sprache des Tanzes scheint ideal, um in Verbindung mit Musik, Elementen der Pantomime, des Ausdruckstanzes und gekonnt eingesetzter Körpersprache die Themen mit dem Stoff zu färben, der sie zum Leuchten bringt: Emotion.

Die Begegnung mit diesem (tanzenden) Prinzen, der es mühelos schafft, (Kindheits-)Erinnerungen zu wecken und der auf unbequeme Fragen zum Schämen einfache Antworten parat hat, mag so manchen »Großen« verblüffen. Gerade weil sich die Kernaussage aus dem »Kleinen Prinzen« im tänzerischen Ausdruck, also ohne Worte, dafür aber in der Sprache, die jeder versteht, herauskristallisiert: »Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.«. Salamankas Choreografie kommt ohne ablenkende Schnörkel aus und beseelt in klarer und einfacher, szenischer Umsetzung.

Den einzelnen Tanzszenen werden kurze Erzähltexte vorausgeschickt. Auf Wesentliches reduziert dringen die Kernbotschaften also, bis auf die eingespielte Erzählerstimme, wortlos zum Zuhörer durch und treffen bewusst ins Unterbewusste. Klingt kompliziert, ist aber einfach, weil es dem Zuschauer dieses »Sehen mit dem Herzen« erleichtert.

Schlüssel zum Erfolg dieser gelungenen Uraufführung war sicher ein intensives Auseinandersetzen mit den vielschichtigen Figuren und deren inneren »Welten«, auf die sich der Prinz einlässt. Das brillante Tanzensemble hat offenbar gewissenhaft seine Hausaufgaben erledigt. Niccolò Masini schafft es, in seinem Tanz wie ein kleiner Junge zu wirken: verspielt, unschuldig, neugierig und weltoffen. »Seine« winzige Welt ist ihm bald zu einsam. Über das Heranwachsen einer wunderschönen Rose ist er zwar entzückt, doch obwohl er sie liebt, füllt ihn diese Bindung allein nicht aus. Die Rose, sehr fein von Márcia Jaqueline interpretiert, ist betörend schön, hat aber »Dornen«: Sie fordert die volle Zuwendung des Prinzen, überfordert ihn mit mimosenhafter und arroganter Selbstverherrlichung.

Der Prinz verlässt sie und macht sich auf der Suche nach wahrer Freundschaft auf den Weg zur Erde. Die schicksalshafte Begegnung mit einem notgelandeten Piloten (Paulo Muniz), stellt ihm einen Gleichgesinnten zur Seite: Die beiden »sprechen« dieselbe Sprache, finden im herzbewegenden Pas-de-Deux zu harmonisch-verschmelzenden Bewegungen, ergänzen sich und werden Freunde. Die Tanz gewordenen Erzählungen des Prinzen wurden in traumhaften Tänzen nachempfunden und von dem Piloten beobachtet: Wundersame Begegnungen mit Individuen »von einem anderen Stern« (alle von Lúcio Kalbusch getanzt).

So traf der Prinz auf einen königlichen Machthaber, ein echter »Bestimmer«, der auf seinem Planeten sogar ein Gähnverbot verhängte, auf die personifizierte Eitelkeit, die dauerhaft beklatscht werden will, auf einen Säufer, der säuft, um zu vergessen, dass er säuft, auf einen raffsüchtigen Geschäftsmann, der fortwährend rechnet und zählt, auf einen Laternenanzünder, der pausenlos seine Laterne an- und ausmacht und auf einen Geografen, der alles Geografische in ein dickes Buch schreibt, selbst aber noch nie verreist ist. Bizarre Begegnungen, die tänzerisch messerscharf die ihnen innewohnenden Idiotien in stereotypen und zwanghaften Handlungen verdeutlichen.

Kleine und große Zuschauer erkennen das irrwitzig-komische Drama der Figuren, nicht über sie zu lachen war praktisch unmöglich. Der Prinz aber ließ sich auf sie ein, tanzte im selben Lebensrhythmus auf gleicher Welle und fand heraus, was ihm fehlt: Seine Rose. Ein kluger, aber scheuer Fuchs (Chigusa Fujiyoshi) und eine wissende Schlange (Diego da Cunha) gaben den entscheidenden Anstoß zur Rückkehr zu seinem Planeten, zu seiner Rose und somit zu seinem neu erkannten Glück.

Man muss aufbrechen, um heimkehren zu können, sich einlassen, um Freunde zu finden und zuhören, um zu verstehen. Diese Botschaften funkeln wie Sterne aus diesem Ballett, welches ohne Altersempfehlung bei allen ankommt und Große wieder klein und Kleine ganz groß werden lässt. Kirsten Benekam