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Mit dem Glanz von »damals«

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Das ganz imperiale Wien hat Platz im Großen Festspielhaus bei »Rosenkavalier«. Ringstraßenpracht, Palmenhaus, melancholische Alleen in Schönbrunn oder uralte Praterbäume, Kunsthistorisches Museum oder Hochschaubahn im Prater: Sie alle werden mit überwältigender Wirkung als Bühnenhintergrund projiziert. Die überscharfen hyperrealistischen und doch immer auch sanft verfremdeten und sich schräg stellenden Bilder zeugen von der Vergänglichkeit aller Pracht – und damit von der Vergänglichkeit der Zeit, dem Hauptthema der Oper. Hans Schavernoch wird mit dieser Rosenkavalier-Bühne Festspielgeschichte schreiben.


Harry Kupfer hat Regie geführt und die Geschichte aus dem alten Österreich, wie von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal erdacht, schnörkellos und elegant erzählt. Die Wiener Philharmoniker spielen Richard Strauss, wie halt doch nur – Thielemann hin, Staatskapelle her – die Wiener Philharmoniker Richard Strauss zu spielen wissen: wienerisch, tänzerisch, gesanglich, dem Wort abgelauscht; immer ein wenig bockig, nie nur »gefällig«; aber mit jenem unvergleichlichen Schmelz etwa über dem Klang von Klarinetten oder Solocello, der ganz einfach den Atem still stehen lässt.

Franz-Welser Möst, für Zubin Mehta »eingesprungen«, hat seinem Publikum gleich zu Beginn einen gehörigen Schrecken eingejagt: Er hat das verliebte, morgendliche Turteln von Krassimira Stoyanova als Marschallin und Sophie Koch als Oktavian mit schier trunkenem Wiener Philharmonischem Wohlklang beinahe zugedeckt.

Eine – durchaus fragil bleibende – Balance zwischen Sängerinnen und Sängern und Orchester hat sich zum Glück bald eingestellt. Welser-Möst und die Wiener Philharmoniker haben den Vokalisten eine traumhaft schöne Klangbasis gelegt, ihnen dabei aber beileibe nichts geschenkt.

Dennoch ist dieser Rosenkavalier auch sängerisch »festspielwürdig«. Musikalischer Höhepunkt war die große ruhevolle Szene der Marschallin mit ihrem melancholischen Sinnieren über Zeit und Vergänglichkeit: Krassimira Stoyanova hat mit ihrer stimmlichen und darstellerischen Präsenz, mit der Innigkeit und Überzeugungskraft ihres Ausdrucks, mit ihrer stimmtechnischen Souveränität und exemplarischen Textdeutlichkeit, ganz einfach überwältigt.

Günther Groissböck als schon im Vorfeld der Premiere vieldiskutierter »junger« Baron Ochs auf Lerchenau hat alle Erwartungen erfüllt und übertroffen. Dieser Ochs ist kein fetter komischer Alter. Günther Groissböck, stimmlich profund und wendig, ist äußerlich eine durchaus elegante Erscheinung. Eine Art »Prolet von Stand«, auch nicht unmoralischer, als etwa jener Graf im Figaro, der sich das Natur-Recht herausnimmt, jede Rockträgerin, egal welchen Alters und Standes, zu befummeln.

Solche Anzug tragenden Rüpel, die meinen, sich großsprecherisch mit ihren Beziehungen und mit ihrem Geld aus jeder Bredouille herauskaufen zu können, bevölkern ja leider nicht nur die Fiktion der Opern-, sondern vor allem die Realität der Politbühne. Tatsächlich ein neuer Ochs – viel weniger harmlos, als der rundliche alte.

Sophie Koch überzeugt als Octavian mit strahlend klarer, kraftvoller und souverän geführter Stimme: Sie gibt den verliebten Knaben Quinquin im Schlafzimmer der erfahrenen Geliebten ebenso überzeugend wie den jungen ritterlichen Ehrenmann, der vom Verhalten eines proletarischen »Herrn Vetters« angeekelt ist, oder den verlegen zwischen »alter« und »junger« Geliebter herumstehenden Burschen.

Adrian Eröd ist als Herr von Faninal ein überzeugender, neureicher Emporkömmling. Mojca Erdmann als seine Tochter Sophie ist eine rührend unschuldige Jungfer Braut. Bei der Gestaltung dieser Rolle fällt vielleicht am stärksten auf und ins Gewicht, dass Regisseur Harry Kupfer doch schon ein ehrwürdiger alter Herr ist. Außer liebenswürdiger Unschuld und geradezu royaler Größe fällt ihm zum Bild der »Frau als solcher« nicht viel ein.

Die Darstellerinnen und Darsteller der unzähligen kleinen und kleinsten Rollen, angefangen bei Franz Supper als Haushofmeister bei der Feldmarschallin, sind rollentypisch gecastet und sängerisch überzeugend. Die Ausstattung – sparsam eingesetzt vor den monumentalen Projektionen – ist überaus elegant. Bis ins Detail festspielwürdig, dieser Rosenkavalier. Heidemarie Klabacher