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Mephisto und sein »Dies irae«

4.5
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Unser Bild zeigt von links die Solisten Tareq Nazmi, Mauro Peter, Katharina Magiera und Anna Prohaska sowie den Dirigenten Teodor Currentzis. (Foto: Festspiele/Andreas Kolarik)

Teodor Currentzis, dieser hagere schwarze Kerl, lässt ein wenig an Mephisto denken. Die leuchtend roten Schuhbänder machen ihn in hohem Maß des Diabolischen verdächtig.


Man kann Musik auch mit den Augen hören. Dafür bieten Teodor Currentzis und seine »musicAeterna«-Ensembles aus dem fernen Sibirien allerbeste Voraussetzungen. Currentzis hat mit seinen Gesten die Musiker so sicher und bestimmend im Griff, wie er damit die Zuhörer betört.

Die Ohren beginnen im ersten Takt schon zu flattern, wenn die Klarinetten und das Fagott in der Orchestereinleitung des Mozart-Requiems eben nicht eine langsam erblühende Melodie, sondern gleich mal einen inbrünstigen Seufzer hören lassen, der gleich wieder in sich zusammenfällt. Und das »Re-qui-em« des Chores kommt auch nicht breit und im Forte daher, sondern ist aufgebrochen durch eine lebhafte »Messa di Voce«, also ein An-und Abschwellen jedes einzelnen Tons. So wird es fünfzig Minuten lang weiter gehen: Nicht eine Phrase klingt in dieser außergewöhnlichen Lesart auch nur entfernt so, wie man sie im Ohr hat.

Die Instrumentalisten und der Chor auf dem Podium der Felsenreitschule tragen schwarze Mönchsgewänder. So halten sie es, wenn sie geistliche Musik spielen. Eine äußere Anmutung von Geistlichkeit, natürlich, es sieht aber schon gut aus. Die Solisten brauchen die Verkleidung nicht mitzumachen, und Teodor Currentzis nimmt sich auch eine kleine Extravaganz heraus mit den Schuhbändern.

Den Requiem-Introitus und die Kyrie-Rufe lässt Teodor Currentzis denkbar verhalten intonieren, wie überhaupt das überrumpelnde Piano in dieser Wiedergabe sehr entscheidend und ein dramaturgisches Hilfsmittel per excellence ist – durchaus auch im »Dies irae«, das Currentzis ohne die kleinste Atempause ans Kyrie anknüpft, auf die Bitte um Erbarmen also wie niederschmetternd mit den Gräueln des Jüngsten Gerichts antwortet.

Da ist ein feinsinniger und zugleich extravaganten Lösungen nicht abgeneigter Musiker am Werk. Einer, der Mozart als Dramatiker auch in der Kirchenmusik Note um Note genau nimmt, gleichsam nach den Bühneneffekten sucht. Der »Rex tremendae majestatis« steht schon allmächtig da, aber es ist kein zermalmender Gott (eine unglaublich plastische Zeichnung der Polyfonie durch lebhafteste »Messa di Voce«). Dieser himmlische Rex lässt das zaghafte »Salva me, fons pietatis« der Frauen sehr wohl zu.

Das »Recordare Jesu pie«, ein Appell an den gütigen Gott, wird unter Currentzis' Händen zu einer Vokal-Kammermusik des Solistenquartetts vom denkbar Feinsten und Fragilsten.

Wie allein diese vier Stimmen – Anna Prohaska, Katharina Magiera, Mauro Peter, Tarq Nazmi – aufeinander bezogen, zueinander gewichtet sind – dahinter waltet wirklich kein Showmaster, sondern ein zwar querdenkerischer, aber auch streng und gezielt kapellmeisternder Freigeist. Ergebnisse sind ein »Lacrimosa« von überirdischer Schönheit oder ein »Domine Jesu Christi«, in dem das Befreien von den Strafen der Hölle mit rabiater Energie eingefordert wird. Ein ziemlich vielversprechender Weg jedenfalls ins Jenseits, und es bleibt am Ende eben wieder die Verheißung auf ein ewiges Licht, unter dem das Gedränge der Heiligen (»cum sanctis tuis in aeternum«) ziemlich sagenhaft, aber von Teodor Currentzis wohl organisiert zu sein scheint.

»MusicAeterna«, die Sänger und Originalklang-Instrumentalisten aus dem fernen Perm, wissen jeden Wink ihres Leiters recht zu deuten. So umwerfend turbulent und sagenhaft originell vieles ist in diesem Requiem: Die außerordentliche Pianodisziplin hat sich besonders eingeprägt. Gespielt wurde die Süßmayr-Fassung. Standing Ovations schließlich, die Botschaft ist angekommen. Reinhard Kriechbaum