weather-image

Menschlich-musikalische Co-Abhängigkeit

1.5
1.5
Bildtext einblenden
Ein Herz und eine Seele? Oder auf Gedeih und Verderb? Olaf Salzer vom Schauspielhaus Salzburg mit seinem hass-geliebten Kontrabass in Patrick Süskinds »Der Kontrabass« im Traunsteiner Vereinshaus. (Foto: Benekam)

»Jeder Musiker wird Ihnen bestätigen, dass ein Orchester jederzeit auf den Dirigenten verzichten kann, aber nicht auf den Kontrabass.« Wieso drängt sich dem Publikum im Vereinshaus Traunstein bei diesem Satz, den der etwas »entrückt« wirkende Kontrabassist (Olaf Salzer) so überdeutlich exponiert, der Verdacht auf, dass an diese Aussage mehr geknüpft ist als reine Liebe zu seinem Instrument?


Das hochgelobte Streichinstrument, um das es geht, steht in der Ecke eines spärlich eingerichteten, aber dafür schallisolierten Wohnzimmers und wartet vergeblich auf Applaus. Vielleicht klappt das ja später, beim bevorstehenden alltäglichen Einsatz seines Spielers im Staatsorchester im Theater.

Seit seiner Uraufführung 1981 im Münchner Cuvilliéstheater mit Nikolaus Paryla erfreut sich Patrick Süskinds Monodrama »Der Kontrabass« großer Beliebtheit. Das Ein-Mann-Stück, bei dem es tatsächlich um weit mehr als Musik geht, zeigte auch in der kleinen Spielstätte des Traunsteiner Vereinshauses, wo es unter der Regie von Robert Pienz als Gastspiel des Schauspielhauses Salzburg zu sehen war, große Wirkung.

Sensibel und subtil herausgearbeitet erlebte das Publikum das seelische Drama eines im Abseits gestrandeten und völlig vereinsamten Menschen, dessen ungeliebter Mitbewohner nicht zwei Beine, sondern vier Saiten und einen Bogen hat. Beide zusammen sind sie, im wahrsten Wortsinn, Randfiguren. Sie spielen eine »untergeordnete, begleitende Rolle« im Orchester, wo sie nicht nur am Rande, sondern als Tuttist auch noch in letzter Reihe stehen.

Das kratzt am Ego des beamteten Musikers, was er anfänglich in seiner direkten Anrede ans Publikum gekonnt mit Superlativen über sein Instrument zu kaschieren sucht: »Der Kontrabass ist das einzige Instrument, das man umso besser hört, je weiter man davon entfernt ist. Er ist das zentrale Orchesterinstrument«, prahlt er.

Im altmodischen Bademantel wirkt er, als er dem Publikum das Ausreizen des Tonumfangs am Instrument demonstriert, wie ein verlorenes Kind, das im weiteren Erzählen auf einen Wutanfall zusteuert. Die Stimmung kippt langsam, aber merklich, das hochgelobte Instrument wird mehr und mehr zum Sündenbock für die eigene Bedeutungslosigkeit und soziale Isolation gemacht. Der »Dreckskasten« sei immer im Weg, verhindere seine Sexualität, denn man kann ihn nicht zumachen wie ein Klavier. Also schaut er zu und tötet jede Erotik. Außerdem sei er »das scheußlichste, ja ein Waldschrat von Instrument«.

Das beschimpfte Instrument steht da – stumm und wirkt trotzdem unschuldig, wenn auch sein Spieler längst andere Saiten aufgezogen hat. »Von Bier zu Bier« steigert sich das Drama, hinzu gesellen sich Sarkasmus und Ironie. Das Publikum schwankt zwischen Lachen und Staunen.

Immer wieder kommt der Musiker auf seine heimliche Liebe zu der jungen Sopranistin Sarah zu sprechen, sein tonaler Gegenpol, sein musikalischer Funke, der nur deshalb nicht springt, weil ihn sein Kontrabass schon im Flug »auslöscht«. Allein die Vorstellung, sie könnte mit einem anderen ausgehen, lässt ihn eifersüchtig losschimpfen. Die Möglichkeit, dass er als unbedeutender Kontrabassist Gefühle in ihr wecken könnte, schließt er aus. Statt eines Annäherungsversuchs versteckt er sich feig hinter seinem ihn hemmenden, ihn lähmenden und verhindernden instrumentalen Sündenbock, der längst im Stück zum vermenschlichten Mitspieler entartet ist.

Der Kontrabass als »Lebensglücksverhinderer«, als tief frequenter Mitbewohner, der schallisolierte Wände notwendig macht – Lebenspartner und ungeliebter Arbeitskollege, ohne den es einfach nicht geht – eine menschlich-musikalische Co-Abhängigkeit, die wohl das Instrument, wenn es könnte, am liebsten selbst therapieren würde. Und wenn das nicht geht, einfach den Spieler austauschen.

Die soziale Einsamkeit, die resignierte Verbitterung des Musikers, sein Groll und sein Neid auf alle, die »mehr Glück« haben, umspinnt ihn wie ein Netz. Einziger Versuch, sich zu befreien, ist die Idee, im bevorstehenden Opernkonzert von hinten laut »Sarah« zu schreien, sich somit die gewünschte Aufmerksamkeit zu verschaffen und sich wenigstes im negativen Sinn unvergesslich zu machen: Endlich einmal solistisch und ohne Kontrabass gehört werden. Ob er dazu den Mumm hat? Immerhin zieht er es in Erwägung.

Und wenn das Publikum den sozial Verwahrlosten so anschaut, wie er sich in seinen Beamtenfrack quält, um am Instrument Dienst zu tun, keimt irgendwie Hoffnung auf, er könnte es tun. »Das Orchester ist ein Abbild der menschlichen Gesellschaft«, philosophiert Patrick Süskind mit seinem Stück. Olaf Salzer und Robert Pienz mussten im Vereinshaus am Ende nicht laut »Sarah« brüllen. Sie durften sich, gemessen an der immer gespannten Aufmerksamkeit der Zuschauer und am kräftigen Schlussapplaus, über durchweg positive Resonanz freuen. Kirsten Benekam