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Ex-Nationalparkchef Dr. Hubert Zierl blickt auf rund 20 Wildkatzenbeobachtungen zurück – Allerdings ohne Foto

»Mehr Bereicherung, als Gefahr«

Berchtesgaden – Hubert Zierl sympathisiert mit dem Luchs. Daraus macht der ehemalige Nationalparkchef keinen Hehl. Die Wildkatze wurde Anfang Dezember per Fotobeweis im südwestlichen Berchtesgadener Land nachgewiesen, zum ersten Mal überhaupt. »Eine Gefahr geht von den Tieren nicht aus«, sagt Zierl. Zum Großteil ernähren sich Luchse von kleinen Tieren wie Mäusen.

Der ehemalige Nationalparkchef Dr. Hubert Zierl (l.) ist sich sicher, dass sich der Luchs weiter ausbreiten wird – auch im Berchtesgadener Land. Auf dem Foto mit dabei: der aktuelle Leiter des Nationalparks, Dr. Michael Vogel. (Foto: Pfeiffer)

Eineinhalb Monate ist es her, da knipste eine automatische Kamera des Bayerischen Landesamtes für Umwelt zur Wildtierbeobachtung einen Luchs. Was erst einmal nicht besonders scheint, ist unter Experten eine kleine Sensation. Denn auf einen Fotobeweis hatte man im Berchtesgadener Land lange Zeit gewartet. Wissenschaftler werteten das Fotomaterial aus. Sie sind sich sicher: Das ist ein Luchs. Und zwar derselbe, der bereits im Frühjahr 2015 wenige Kilometer entfernt auf österreichischer Seite von einer automatischen Wildkamera fotografiert worden war.

Hubert Zierl, der von 1978 bis 2001 Leiter des Nationalparks Berchtesgaden war, blickt auf zahlreiche Luchsbeobachtungen zurück. Selbst hat er zwar keinen gesehen, aber dennoch ist er sich sicher: Die Wildkatze ist in der Region existent. »In meiner aktiven Zeit gab es immer mal wieder Beobachtungen, die darauf schließen lassen, dass es sich um einen Luchs handeln könnte.« So weiß der ehemalige Nationalparkchef etwa von zwei Polizeiprotokollen aus dem November 1993. Die Grenzpolizei hatte damals gemeldet, bei der Tierfütterung am Hirschbichl in Ramsau einen Luchs beobachtet zu haben. Die Fakten sprachen für sich: Etwa zwischen 60 und 70 Zentimeter groß, getigertes Fell, Pinselohren, Stummelschwanz. Hubert Zierl ist überzeugt, dass es sich damals um einen Luchs handelte. Auch bei Marktschellenberg meldete die Polizei eine Luchsbeobachtung.

Ein besonderer Fall trug sich einige Zeit später in Berchtesgaden zu – am Larosbach. Eine ausgewiesene Tierexpertin hatte zwei Jungtiere erblickt, die sich robbend über einen Waldweg fortbewegten. Als dann das Muttertier auftauchte und fauchte, war der Frau klar, dass das eine Luchsfamilie sein musste. »Luchse sind sehr scheue Tiere«, sagt Hubert Zierl. Und dem Menschen, was Sehen und Hören betrifft, weit überlegen. Daher kämen die Tiere dem Menschen auch so gut wie nie zu Gesicht. Gefährlich seien die Wildkatzen nicht. Ihre Beute ist vielseitig und reicht von der kleinen Maus bis zum Reh. Da Luchse aber Kurzstreckenjäger sind, muss sich der Erfolg sofort einstellen, anderenfalls haben sie keine Chance. »Ein Reh ist einfach schneller.« Dennoch gibt es auch dafür Nachweise. Hubert Zierl berichtet etwa von einem Reh am Mieslötzweg in Berchtesgaden, das im Kehlbereich Nadelstiche aufwies. »Ein typischer Hinweis für einen Luchs«, sagt der Experte. Aktuell geht er davon aus, dass sich das geheimnisvolle Tier weiterhin auf dem Vormarsch befindet und nach und nach den Alpenraum wiederbesiedeln wird. Mit eigenen Augen hat Hubert Zierl noch keinen Luchs gesehen. Am Steinberg waren es aber zwei Pfotenabdrücke, die entdeckt wurden. »Ich hab sie mir auch angesehen, später haben wir einen slowenischen Luchsexperten hinzugezogen, der die Abdrücke analysierte.« Dieser war sich sicher, dass es sich um einen Luchs handeln musste.

In Zierls Zeit als Nationalparkchef fallen mehrere wildbiologische Gutachten, die sich aktiv für eine Wiederansiedelung des Wildtieres einsetzten. Auch der damalige Umweltminister Gauweiler hatte angeregt, das Tier im bayerischen Raum aktiv wieder anzusiedeln. Allerdings mit heftigem Widerstand seitens der Schafzüchter.

Zierl ist sich sicher, dass der Luchs nur eine Bereicherung sein kann, keine wirkliche Gefahr. Die Wildkatze steht unter Schutz, gejagt werden darf sie sowieso nicht. In Bayern kommt das Tier bislang im ostbayerischen Grenzraum vor. Im Alpenraum leben Luchse in der Schweiz sowie im Dreiländereck von Österreich, Italien und Slowenien. Kilian Pfeiffer