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»Man darf nicht ständig nur schwarzmalen«

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Unterwössen: Trainer Dan Lorang im Interview: wie die Corona-Krise den Sport verändert
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Dan Lorang ist aktuell einer der erfolgreichsten Ausdauertrainer der Welt. Der Triathlon-Trainer und Chefcoach des deutschen Radsport-Rennstall Bora-hansgrohe lebt mit seiner Familie mittlerweile in Unterwössen.

Er hat das Rezept dazu, wie man Ironman-Weltmeister formt: Dan Lorang. Der Luxemburger ist der Erfolgstrainer der beiden deutschen Hawaii-Sieger Anne Haug und Jan Frodeno. Der 40 Jahre alte diplomierte Sportwissenschaftler lebt mit seiner Familie mittlerweile in Unterwössen und ist neben seiner Tätigkeit als Triathlon-Coach auch noch Cheftrainer beim Raublinger Radsport-Rennstall Bora-hansgrohe.


Im Interview mit unserer Zeitung erklärt Lorang, wie sich seine Arbeit durch die Coronavirus-Krise geändert hat. Der ehemalige TriathlonBundestrainer verrät auch, was er Frederic Funk alles zutraut. Seit Herbst vergangenen Jahres betreut Lorang nämlich auch den Jung-Profi aus Unterwössen.

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Hallo Herr Lorang, wie geht es Ihnen und wie erleben Sie gerade diese Zeiten?

Mir geht es gut, meine Familie ist gesund und auch im näheren Umfeld ist alles gut. Es ist gerade eine sehr ungewisse Zeit. Im Sport weiß man ja nicht so richtig, wie es weiter gehen wird.

Zahlreiche Wettkämpfe sind ja bereits abgesagt worden. Wie gehen Sie mit dieser Situation um?

Die Sportler sind natürlich gerade verunsichert. Die Hauptaufgabe für einen Trainer liegt aktuell darin, den Sportlern eine Perspektive zu geben und ihnen auch zu zeigen, an was sie jetzt arbeiten können. Der internationale Radsportverband hat nun aber einen Rennkalender rausgegeben und das macht die Sache erst einmal einfacher. Natürlich wissen wir, dass da auch wieder viele Unklarheiten dabei sind. Keiner weiß, ob dieser Rennkalender auch so stattfinden wird. Aber zumindest ist das jetzt mal ein Anhaltspunkt, an dem wir uns orientieren können.

Glauben Sie, dass in diesem Jahr noch Rennen sein werden?

Ich bin kein Experte. Ich hoffe aber, dass es welche geben wird. Es ist so, wenn etwa keine Radrennen mehr stattfinden können, dann schaut es ganz schlecht um den Radsport aus und das ist sicherlich auch in anderen Sportarten so.

Im neuen Radkalender ist auch die Tour de France neu terminiert. Ist diese Tour das erste Rennen, auf das Ihr Rennstall hinarbeitet?

Wir bereiten uns aktuell auf den 1. August vor, da ist das Klassiker-Rennnen in Strade Bianche in Italien angesetzt. Wir planen jetzt mal damit, lassen dann aber die örtlichen Behörden darüber entscheiden, ob es möglich ist oder nicht.

Ihre Sportler kommen ja aus verschiedenen Ländern und hatten damit zuletzt ganz unterschiedliche Möglichkeiten zum Trainieren – für Sie als Trainer eine echte Herausforderung?

Das war auf jeden Fall schwierig – aber vor allem für die Sportler. Man muss auf diese speziellen Situationen natürlich auch eingehen. Man kann dann als Trainer nicht sagen: Das ist dein Trainingsplan und fertig. Man muss dann schon auch schauen, was kann man den Sportler zumuten, wenn er drinnen trainieren muss und wie ist die Situation um ihn herum. Das sind natürlich ganz neue Aufgaben und die stehen auch nicht im Anforderungsprofil eines Trainers. Wichtig ist: Man muss versuchen, die Situation auch positiv zu sehen und man darf nicht ständig nur schwarzmalen.

Was hat sich durch die Krise in Ihrer täglichen Arbeit verändert?

Gar nicht so viel. Da meine Sportler ja aus verschiedenen Ländern kommen, passiert weiter viel über die Fernbetreuung. Wir machen jetzt aber noch mehr über Video. Was natürlich aktuell nicht möglich ist, ist der persönliche Kontakt im Trainingslager oder bei Rennen. Das ist schon auch wichtig, um an gewissen Dingen zu arbeiten.

Neben dem Radsport sind sie auch nach wie vor im Triathlon aktiv. Provokant gefragt: Ein Bereich genügt Ihnen nicht?

Bei mir war es schon immer eine Mischung. Meine erste Sportlerin, die ich betreut habe, war Triathletin Anne Haug – und zwar haben wir zusammen studiert. Später war ich dann Bundestrainer im Triathlon. 2016 habe ich beschlossen, dass ich eine Veränderung haben will. Ich wollte die Sportart wechseln und auch vom Verband zu einem Team gehen. So kam das Engagement bei Bora-hansgrohe zustande. Ich habe also als Triathlon-Trainer bei einem Radteam angefangen. Ich habe aber einige meiner Triathlon-Athleten behalten, weil das schon sehr lange Zusammenarbeiten sind.

Können Sie aus den verschiedenen Sportarten auch Synergieeffekte nutzen?

Ja, man kann immer wieder Transfereffekte schaffen! Ich finde es einfach sehr bereichernd, wenn man aus verschiedenen Sportarten lernen kann und sich auf dem Laufenden hält. Ich habe neulich beispielsweise erst eine Fortbildung für den Biathlonverband gegeben.

Sie haben es ja schon anklingen lassen. Die Radsportler haben jetzt ja wieder konkret Ziele vor Augen. Bei den Triathleten schaut das Ganze noch anders aus.

Ja, es werden in diesem Bereich weiter laufend Veranstaltungen abgesagt. Der Triathlon lebt ja davon, dass eben nicht nur Profis bei den Veranstaltungen starten, sondern eben auch gleichzeitig die Amateure. Man könnte jetzt freilich sagen, man macht nur Rennen für die Profis, aber das ist eben nicht im Sinne dieses Sports.

Den Triathleten steht also ein hartes Jahr bevor...

Man muss halt schon die Saison 2021 im Blick haben. Im Ausdauersport gilt: Wenn ich jetzt gut arbeite, dann profitiere ich davon eben auch im nächsten Jahr noch.

Seit dem vergangenen Jahr betreuen Sie auch Frederic Funk. Was trauen Sie dem jungen Profi-Triathleten aus Unterwössen zu?

Frederic bringt sehr viel mit, um auch langfristig erfolgreich zu sein. Er hat Talent, ein gutes Körpergefühl, er ist eine Persönlichkeit und er zeichnet sich durch seinen Trainingsfleiß aus. Er hat mit seinem bisherigen Trainer Roland Knoll sehr gut gearbeitet, darauf bauen wir jetzt auf.

Frederics Ziel ist es, einmal bei der Ironman-WM auf Hawaii ganz vorn dabei zu sein...

Ich würde sagen, das Potenzial dazu hat er. Man kann jetzt aber natürlich nicht in die Zukunft blicken. Am Ende gehören viele Dinge dazu, damit das funktioniert. Ich bin aber sehr optimistisch. Ich habe Spaß, mit ihn zusammenzuarbeiten. Ich sehe nämlich, wie motiviert er ist. Er hat seinen Plan und er macht das – ob jetzt Corona ist oder nicht. Er weiß genau, dass er an sich arbeiten muss. Er ist sehr motiviert, auch wenn jetzt gerade keine Wettkämpfe stattfinden.

Die Zusammenarbeit zwischen ihnen beiden war wohl nahe liegend, nachdem Sie ja in Unterwössen wohnen und Frederic dort ab und an auch noch bei seinen Eltern ist.

Das könnte man jetzt so denken. Es war aber sicherlich nicht der Hauptgrund, denn wir sehen uns auch jetzt sehr wenig. Sein alter Trainer hat mich vergangenes Jahr kontaktiert und gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, Frederic zu trainieren. Roland Knoll ist eher auf den Sprint und die Kurzstrecke spezialisiert. Ich habe daraufhin mit Frederic gesprochen. Wir haben dann entschieden, wir gehen das Projekt gemeinsam an.

Was hat Sie nach Unterwössen verschlagen?

Der Traum von meiner Frau und mir war es immer, dass wir mal in den Bergen wohnen. Bei mir ist es egal, wo ich lebe. Meine Frau arbeitet aber im Außendienst und sie hat von ihrer Firma dann eben das Chiemgau als Gebiet bekommen. Unterwössen hat uns vom Ort her sehr gut gefallen und wir wurden hier sehr herzlich und offen empfangen, da mussten wir nicht lange überlegen.

Ihre beiden Top-Triathleten Jan Frodeno und Anne Haug haben im vergangenen Jahr Hawaii gewonnen. Wie viel haben Ihnen diese Erfolge bedeutet?

Das sind schon ganz besondere Geschichten! Wie gesagt, Anne ist die erste Sportlerin, mit der ich zusammengearbeitet habe. Auch mit Jan arbeite ich jetzt schon seit Ende 2012 zusammen. Wenn man so lange mit jemanden einen Weg geht, erlebt man einige Höhen und Tiefen und deshalb berührt einem solche Erfolge dann schon sehr.

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Anne Haug gewann im vergangenen Jahr den Ironman Hawaii. Die deutsche Spitzentriathletin war die erste Sportlerin, die Dan Lorang als Trainer betreute. Foto: dpa

Wächst damit jetzt der Druck auf Sie?

Druck hat man immer, aber den Erfolg kann man nicht programmieren. Ich versuche immer, meine Arbeit bestmöglich zu machen und die Sportler versuchen, ihre Leistung zu bringen. Wir nehmen alles, was noch kommen wird, sehr gerne mit. Aber man muss auch mal dankbar dafür sein für das, was man schon bekommen hat. Das heißt jetzt aber auch nicht, dass wir uns darauf ausruhen wollen.

Jan Frodeno war einer der Sportler, der von der Ausgangssperre in Spanien hart getroffen wurde. Er hat deshalb einen Ironman daheim absolviert. Eine verrückte Idee?

Durchaus – aber das Projekt war ja für einen guten Zweck. Jan wollte den Leuten auch zeigen, dass sie den Kopf nicht hängen lassen sollen.

Frodeno hat sich auch dazu geäußert, dass er es nicht gut finden würde, wenn 2021 zwei Ironman-Weltmeisterschaften auf Hawaii ausgetragen werden würden. Wie stehen Sie dazu?

Das sehe ich genauso. Ich verstehe natürlich den Veranstalter. Aber wenn man es mal nüchtern betrachtet: Zwei Weltmeister in einem Jahr das ist doch sehr schwer vermittelbar.

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Jan Frodeno gewann 2015, 2016 und 2019 auf Hawaii. Der deutsche Star, der überwiegend im spanischen Girona wohnt, arbeitet seit 2012 mit Dan Lorang zusammen. Foto: dpa

Aktuell gibt es auch viele virtuelle Rennen. Finden Sie das gut?

Ich bin kein Fan von virtuellen Rennen. Ich schaue mir lieber richtige Wettkämpfe mit Zuschauern, mit Emotionen und mit allen drum und dran an! Aber in der jetzigen Zeit sind diese Rennen natürlich eine Möglichkeit, sich Motivation zu holen, sich Ziele zu setzen, sich gegen andere zu messen. Diese Rennen basieren aber auf der Ehrlichkeit der Leute.

Die Fußball-Bundesliga startet am Wochenende. Die Kritik lautet: Der Fußball bekommt mal wieder eine Sonderrolle. Wie sehen Sie das?

Ich sehe es vor allem als Signal für andere Sportarten. Es kann aber auch in die andere Richtung gehen. Wenn dieses Experiment schief geht, wird es sicherlich auch Konsequenzen für andere Sportarten haben.

Sie haben es vorher schon einmal angedeutet: Glauben Sie, dass der Radsport unbeschadet aus der Corona-Krise herauskommen wird?

Beim Radsport wird es davon abhängen, ob die Tour de France sein wird. Findet sie statt, dann werden es viele Mannschaften schaffen. Viele kleine Teams werden aber dennoch extreme Probleme bekommen. Wenn die Tour de France nicht stattfindet, dann wird es einen sehr großen Schaden für den Radsport geben. Dann muss man schauen, wie viele Profiteams es nächstes Jahr überhaupt noch geben wird.

Und wie sieht es im Triathlon aus?

Im Triathlon wird die olympische Distanz ja über die Verbände geregelt. Ich kann mir vorstellen, selbst wenn in diesem Jahr keine Wettkämpfe mehr stattfinden werden, dass man es schaffen kann, weil da ja auch mit kleineren Budgets gearbeitet wird. Auf der Langstrecke ist es so, dass der Triathlet ja quasi ein Einzelunternehmer ist, der Unterstützung von Sponsoren hat und von Preisgeldern lebt. Wenn die Sponsoren abspringen, wird es für den einen oder anderen sicher schwierig werden.

Was wünschen Sie sich ganz persönlich für die Zeit nach der Coronavirus-Krise?

Wenn man an den Profisport denkt, würde ich mir wünschen, dass diese ganzen Summen, die im Raum stehen, wieder nach unten angepasst werden. Es sollte einem auch wieder mehr bewusst werden, was für ein Glück wir haben. Vielen von uns geht es doch gut. Ich würde mir wünschen, dass Bescheidenheit und Dankbarkeit wieder mehr Stellenwert bekommen.

Stephanie Brenninger