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Märchenhexe als Gruselclown im Landestheater

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Die Hexe erschreckt als Gruselclown (Franz Supper) die Kinder. (Foto: Anna Maria Löffelberger/Landestheater)

Die Welle der zu Halloween auftauchenden Horrorclowns ist zwar nicht neu, hat aber in den vergangenen Wochen vielerorts eine erschreckende Ausuferung erfahren. Die Neuinszenierung des Landestheaters Salzburg von Johannes Reitmeier in der Felsenreitschule nimmt mit der allgegenwärtigen Clownhexe aktuellen Bezug.


Reitmeier macht damit in seiner Operninszenierung von Engelbert Humperdincks »Hänsel und Gretel« die traurige Aktualität zum Zentrum des Märchenspiels. Die Knusperhexe ist als Gruselclown der Drahtzieher des Geschehens. Bereits während der Ouvertüre lockt die schillernde Clownfigur als Luftballonverkäufer die Kinderschar und verwandelt sich dann mit Horrorfratze zum Schreckgespenst der kreischend fliehenden Kinder.

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Die Clownhexe, von Franz Supper brillant gespielt und gesungen, zieht die Fäden im Stück. In verführerischer Nettigkeit kauft der Clown dem Vater Besenbinder seine Ware ab, bringt der Mutter die Essensvorräte im gefüllten Einkaufswägelchen und ersetzt den Kindern den zerbrochenen Milchkrug. Hänsel repariert mühsam sein altes Fahrrad, also tut ein schicker neuer Drahtesel seine Wirkung als Lockmittel zum mit Mozartkugeln dekorierten Lebkuchenhäuschen. Im aus Holzstangen stilisierten Wald werden die Kinder zuvor vom Clownhexenmonster irregeführt.

Als Engel gekleidete Kinder wachen dann über den Schlaf von Hänsel und Gretel. Ein reizender Effekt ist dabei die einbezogene Felsenarkaden-Kulisse. In den erleuchteten Bögen erscheint die große Schar der Kinderengel vom Salzburger Festspiele und Theater Kinderchor, woraus dann die 14 Englein unmittelbar die Schlafenden schützend umringen. Bei den Hokus-Pokus-Verführungskünsten des Hexenclowns ist der Hexenritt des Akrobatdoubles, das hoch oben am Seilzug sausend die Bühne quert, ein kräftig applaudierter Gag. Große Wirkung haben auch die rotglühenden Felsenarkaden beim Verbrennen der Hexe im lodernden Feuer des Ofens. Hänsel und Gretel, glücklich wieder mit den Eltern vereint, stimmen gemeinsam mit der aus den Lebkuchen erlösten Kinderschar den Refrain an: »Wenn die Not aufs Höchste steigt, Gott der Herr die Hand uns reicht«. Just in diesem Moment erscheint wieder der Hexenclown mit den Luftballons. Fazit: Das Böse ist nicht ausrottbar, es wird uns überall und immer neu begegnen und zu verführen versuchen.

Der Lorbeer der Aufführung gebührt dem Mozarteumorchester, das unter Adrian Kelly, Humperdincks wunderbare Musik zum Leuchten bringt und das Auditorium der Felsenreitschule in die Zauberklänge in Wagnerdimension eintaucht. Den bekannten Volksliedzitaten mischte Humperdinck eigene Melodien im Volkston hinzu. Das Mozarteumorchester bringt die schlichten Weisen eingängig phrasiert, filigran zart bis tänzerisch beschwingt und lässt im Gegenzug üppige Klangwogen zum herrlichen Klangbad aufrauschen.

Ursprünglich von Humperdincks Schwester Adelheid Wette als privates Märchenspiel für ihre Kinder konzipiert, wurde die Oper »Hänsel und Gretel« schließlich zum beliebten Repertoire-Bestandteil der meisten Opernhäuser. Der Regisseur sieht das sozialkritische Familienmärchen einerseits als »zauberhafte Kinderoper, aber auch als dunkles Erwachsenenstück«. Er bezieht zusammen mit dem Ausstatter Court Watson die Kulisse der Felsenreitschule mit ein. Attrappen großer Haufen geschichteter Holzscheite und viele gemalte Luftballons umgeben die häusliche Atmosphäre der Besenbinderfamilie in einem kleinen Holzhäuschen, das für den vierköpfigen Haushalt nur zwei Stühle besitzt. Danach wird es zum Knusperhäuschen umfunktioniert.

Jukka Rasilainen und Anna Maria Dur reüssieren als stimmgewaltiges Elternpaar. Elisabeth Jansson und Athanasia Zöhrer sind als Hänsel und Gretel ein lustiges, spielgewandtes Geschwisterpaar. Beide singen mit klingender Verve und sicherem, mühelos wirkendem Stimmeinsatz. Leider lässt die artikulierte Textdeutlichkeit bei der gesamten Besenbinderfamilie zu wünschen übrig. Franz Supper ist der prachtvolle Hexenclown und Rowan Hellier und Tamara Ivani sind die reizenden Märchenfiguren des Sandmännchens und Taumännchens. Glänzend singt der Kinderchor, einstudiert von Wolfgang Götz. Einstimmiger, großer Applaus am Ende für alle Mitwirkenden.

Weitere Aufführungen finden am morgigen Sonntag, am 15., 18., 20., 23. November sowie am 10., 16., und 18. Dezember statt. Am 8. Dezember gibt es eine Kurzversion. Elisabeth Aumiller

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