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Lohnende Stipendien

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Blumen für zwölf Stipendiatinnen und Stipendiaten der BR-Orchesterakademie nach dem begeistert aufgenommenen Musiksommer-Start in Seeon . (Foto: Hans Gärtner)

Lieben Sie Brahms? Stünde die Frage in Anführungszeichen, gäb's nur eine Antwort: Aber ja doch! Dann nämlich bezöge sie sich auf den Ingrid Bergman-Film von 1961, der auf Francoise Sagans gleichnamigen Roman zurückgeht, in dem es sich um die Affären eines jungen Mannes handelt, den eine ältere Frau fasziniert. Lieben Sie Brahms? – diese Frage an die Besucherinnen und Besucher des ersten Konzerts des diesjährigen Musiksommers zwischen Inn und Salzach im Festsaal von Kloster Seeon gerichtet, würde wohl, dem reichlich gespendeten Applaus auf das Streicher-Sextett in B-Dur, op. 18 nach zu schließen, mit einem heftigen »Ja!« beantwortet werden.


Brahms zu lieben, Johannes Brahms lieben zu lernen, war dieses recht ausführliche, relativ frühe Werk mit seinen vier einprägsamen, weil charakterstarken Sätzen so recht angetan. Aber erst wie dieses Stück spätromantischer Kammermusik präsentiert wurde! Darauf ist es angekommen, um Liebe aufkommen zu lassen – und da kann man nur den Hut ziehen vor den fünf beherzt und impulsiv in die Saiten greifenden jungen Damen mit ihrem »Hahn im Korb«, Heiner Reich, der seiner Kollegin Yuko Noda neidlos die Führung der partnerschaftlich besetzten Cello-Gruppe überließ. Ihre kernige Entsprechung fand Yuko Noda in der Ersten Violinistin Jehye Lee, vermutlich eine Landsmännin, die mit ihrer Kollegin Julita Smolen tonangebend war. In der Mitte die beiden Bratschistinnen Clémence Apffel-Gomez und Christa Jardine – ein Sextett, das, wie es den Anschein hatte, nicht zum ersten Mal zusammen musizierte, so voller bewundernswerter Eigendynamik und Unbeirrbarkeit in der stringenten Auffassung es sich in Seeon präsentierte. Ihr hoher Standard kommt nicht von ungefähr: Das Brahms-Instrumental-Sextett kam in den Genuss eines lohnenden Stipendiums der Akademie des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks. Diese wird als »Garant für den Erhalt der hohen künstlerischen Qualität« eingeschätzt. Zwei Jahre stehen die Stipendiatinnen und Stipendiaten in Ausbildung beim BR-Symphonieorchester. »Eine harte, aber inspirierende und prägende Schule«, gewiss. Jedoch nicht nur: Auch »ein Sprungbrett für die professionelle Laufbahn in einem Spitzenorchester«.

Eine solche Karriere liegt denn auch vor den jungen Musikerinnen und Musikern, die dem voluminösen Brahms einen possierlichen Mozart (das Divertimento Nr. 2 in B-Dur) und einen meisterhaft interpretierten Poulenc (das Sextett für Klavier, Flöte, Oboe, Klarinette, Fagott und Horn, FP 100) vorausschickten. Francis Poulenc wird vom Bayerischen Rundfunk – gewiss nicht nur wegen seines 2013 zu begehenden 50. Todesjahres – gepflegt. Peter Dejkstra schwört seit langem seinen BR-Chor auf den Klassischen Modernen aus dem Nachbarland ein, und am Abend vor dem Musiksommer-Start in Seeon übertrug der BR die MET-Premiere der Poulenc-Oper »Les Dialogues des Carmelites«. Von Lukas Kuen (Piano) einstudiert, setzten sich Ivanna Ternay, Maiwenn Nicolas, Maximilian Krome, Jusara Tabea Moser und Kristian Katzenberger vehement für »mehr Poulenc« ein, indem sie seiner in den Dreißigern entstandenen Komposition all das abzugewinnen verstanden, was sie so originell macht: überraschende Momente, fliegende Rhythmen, Schärfe mit Groteske gemixt, meditative Ruhepolster zwischengeschoben.

Was Wolfgang Amadeus Mozart über sein für Seeon ausgewähltes, von Maiwenn Nicolas (Oboe), Maximilian Krome (Klarinette) und Jusara Tabea Moser (Fagott) zur locker-fröhlichen Einstimmung gekonnt gebotenes Stück schrieb, gilt für alles, was der zum 37. Mal über die Bühne gehende Musiksommer zwischen Inn und Salzach will: ein Divertimento sein. Zerstreuung, Anreiz, Unterhaltung bieten. 35 Konzerte stehen auf dem 2013-er Programm, das bis weit in den September hineinreicht. In 36 Jahren nahmen – so verkündete einer der künstlerische Leiter, Helmut Wittmann, dem voll besetzten Festsaal – 250 000 Freunde vokaler und instrumentaler Kammer- und Kirchenmusik das Musiksommer-Angebot entgegen. Lieben die Brahms? Nicht nur. Auch Mozart. Auch Poulenc. Und viele weitere Tonschöpfer, deren Werk die nächsten Wochen das Land zwischen Inn und Salzach zum Klingen bringt. Hans Gärtner