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Literatur vom Fass

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Verena von Kerssenbrock beim (Vor-)Lesen an einem ungewöhnlichen Ort in der Seeoner Brauerei Camba Bavaria. (Foto: Benekam)

»Wie herrlich leuchtet mir die Natur! Wie glänzt die Sonne! Wie lacht die Flur!«, – kaum einer brachte die Dinge sprachlich so treffend auf den Punkt wie Johann Wolfgang von Goethe, einer der bedeutendsten Schöpfer deutschsprachiger Dichtung.


Sein Werk überdauert die Jahrhunderte. Darum gebührt ihm auf ewig ein Ehrenplatz und als literarisches Genie, sollte eines seiner Gedichte auch »Leseglück« versprühen. Das erste Literaturfest »Leseglück« bietet mit seinen so unterschiedlichen Formaten, in denen alte und neue Literatur gelebt wird, eine breite Streuung an Themen und Verknüpfungen literarischer Stoffe. Mit einem »Abend der Sinne« brachte sich auch die Seeoner Brauerei Camba Bavaria ins »Leseglück«-Fest ein und zeigte den zahlreichen Gästen, dass Kulinarik, Musik und Literatur in ausgewählter Abstimmung wohltuende Sinneswahrnehmungen bescheren können.

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Kirchenmusikerin und Biersommelière Andrea Wittmann (Klavier) ist es gewohnt, das eine mit dem anderen zu »mischen«, immer mit Sorgfalt darauf bedacht, dass dadurch das Eine nicht dem Anderen etwas nimmt, sondern ganz im Gegenteil, dass das Miteinander sich in der Wirkung verstärkt. Erklärtes Ziel Wittmanns, als sie den Abend plante, war also: Genusssteigerung, die Sinne zu reizen und damit Wahrnehmungshorizonte zu erweitern, den Hör- und Geschmacksrezeptoren neues Futter darzureichen. Ein schmaler Grat, mit tiefem Gefälle, von dem bekanntlich viele schon in tiefe Schluchten stürzten. Pantomime in der Disco, Oper auf der Müllhalde, vertonte Dichtung, Beethoven getanzt, Literatur vom Fass oder Weißbier mit Chilischokolade – kontrastreiche Mischungen können munden, aber auch Brechreiz erregen.

Eines jedenfalls steht fest: Wer wagt, gewinnt und beim »Abend der Sinne« kann man getrost hinzufügen, dass die anwesenden Gäste am Ende nicht nur an (Sinnes-) Erfahrung, sondern auch an Genuss bereichert waren. Eine abenteuerliche kulinarische Reise, die von musikalischen Einsätzen »Geschmacks verstärkt« und mit eingestreuter Literatur die Fantasie beflügelte. Musikalisch kamen die Sängerin Eva Norel und das Mutter-Tochter-Duett Andrea (Klavier) und Viviana Wittmann (Saxofon) zum energievoll-intensiven Einsatz.

Regisseurin und Schauspielerin Verena von Kerssenbrock würzte die Veranstaltung in grandiosem Vortrag mit Literatur: Humorige Gedichte, Besinnliches, Märchenhaftes und Lyrisches aus der Feder großer Literaten. Ihre Idee, der Literatur an diesem Abend einen gebührenden Platz einzuräumen war mehr als gut: Die Dame schnappte sich kurzerhand einen Notenständer und positionierte sich, um für alle sichtbar zu sein, vor dem Sudhaus. Die heitere, munter vor sich hin plappernde Gesellschaft hatte von Kerssenbrock schnell eingefangen und zum Literaturgenuss »ruhiggestellt« – gewusst wie: Grenzenlos Literatur (vom Fass) und die vom Feinsten. So wurde der Abend, im genussvollen Miteinander, tatsächlich zur Grenzen- und Genre- übergreifenden Sinneserfahrung.

Kirsten Benekam