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Lieder und Tänze des Todes

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Einen Liederabend der Extraklasse erlebten die Besucher mit Bariton Christian Gerhaher (rechts) und seinem Klavierpartner Gerold Huber. (Foto: Borelli/Festspiele)

Gefängnisse werden mit den Quadern des Gesetzes gebaut. Bordelle mit den Ziegeln der Religion. Christian Gerhaher könnte Vertonungen des Telefonbuchs oder Paragrafen des Steuerrechts für Kleinunternehmer vortragen – es wäre ein erhellendes und facettenreiches Erlebnis höchster Gesangskultur.


Vertonte »Sprichwörter« sind nahe dran. Handelt es sich freilich um Sentenzen des visionären englischen Dichters und Querdenkers William Blake, vertont von den dem grandiosen englischen Wort-Gestalter Benjamin Britten, dann ist jedes Wort ein Treffer. Dann wird jeder Satz zur Analyse menschlicher Befindlichkeit. Zumindest, wenn Christian Gerhaher singt: Songs and Proverbs of William Blake op. 74 waren der Höhepunkt im Liederabend des Baritons und seines Klavierpartners Gerold Huber. Das Festspiel-Programm des kongenialen Lied-Duos war radikal dem Text verpflichtet. Ein solches Programm kann sich nur ein Sänger »leisten«, der wirklich jedes Wort verständlich über die Rampe bringt.

Am Anfang von Benjamin Brittens Vokalschaffen stand die Auseinandersetzung mit Henry Purcell. Dessen Sammlung Harmonia Sacra haben Britten und sein Lebens- und Gesangspartner Peter Pears für Klavier und Singstimme gemeinsam bearbeitetet. Vier Nummern aus den Purcell Realizations eröffneten den Liederabend im Haus für Mozart. Nun da man Job’s Curse – »Hiobs Fluch« - in der weniger introvertierten denn nach innen explodierenden Lesart von Christian Gerhaher kennengelernt hat, weiß man auch, warum Jahwe einst ein Einsehen hatte mit dem »frommen Dulder«: Aus Angst.

In Modest P. Mussorgskis Pesni i pljaski smerti – den »Liedern und Tänzen des Todes« – holt der Tod ein krankes Kind, ein junges Mädchen, einen betrunkenen Bauern und ein ganzes Schlachtfeld Soldaten. Sanft und tröstend und unheimlicher als die wüsten Fanfaren der Schlacht, sind das »Bajuschki, baju baju« im Wiegenlied, oder die Vision vom lautlos fallenden Schnee, der den vom Trepak ermüdeten Bauern »wie ein Wickelkind« deckt: Die Atmosphäre, die Sänger und Pianist entwickelten, ließ den Atem anhalten. Stille und Konzentration waren greifbar. Den ganzen anspruchsvollen Abend lang wurde übrigens erstaunlich wenig gehustet.

Zwischen vokalreichem (altem) Englisch und samtigem Russisch wurde man von glasklarem Deutsch schier geblendet – in den zwei Blöcken mit Liedern von Johannes Brahms auf Texte unbekannter wie bekanntester deutscher Dichter. Wie gewohnt, setzten Gerhaher/Huber vor allem weniger bekannte und düstere Lieder aufs Programm. In »Verzagen« aus »Fünf Gesänge« op. 72/4 mit seiner virtuos rollenden Klavierstimme soll das Herz eines Verzweifelnden sich trösten mit dem Tosen von Winden und Wogen. »Auf dem Gang zum Liebchen« aus »Sieben Lieder« op. 48/1 hört man im Klavierpart Schubertsche Mühlräder munter sich drehen. Nur wird dieses Liebchen nicht untreu werden, sondern sterben – das legt zumindest der Kontext nahe. Dafür war »An eine Äolsharfe« mit seinen meisterhaft gestalteten Wechseln von liedhaften und rezitativischen Momenten wie ein Gruß aus Märchenzeit. – Ein atemberaubender Abend. Heidemarie Klabacher