weather-image

Liebes-Madrigale, Mord und wilde Dämonen

0.0
0.0
Bildtext einblenden
Leonora (Liliya Markina) versucht vergeblich, Gesualdo (Marian Meszaros) aufzuheitern. Ihr gelingt es nicht, die schwarzen Gedanken zu vertreiben. (Foto: Löffelberger/Salzburger Landestheater)

Gesualdo sitzt in einem Kreis von Totenköpfen vor blutrotem Meereshintergrund. Immer wieder suchen ihn die Erinnerungen an seine Gräueltat heim und die Dämonen bemächtigen sich seiner. Peter Breuer ging zusammen mit Maren Zimmermann und Bruno Schwengl auf Spurensuche nach dem neapolitanischen Renaissance-Komponisten Carlo Gesualdo, Prinz von Venosa, der mit Torquato Tasso befreundet war.


Ein abendfüllendes Ballett ist daraus entstanden, dessen Uraufführung im Landestheater jetzt begeistert gefeiert wurde. Tänzerisch liefert Peter Breuer mit seiner personenreichen Crew eine hervorragende Show. Seine choreografischen Kombinationen, Schrittfolgen, Ensemblepositionen Soli und Pas de deux’ sind originell zusammengestellt, eindrucksvoll in ihrer Vielfalt und von den Tänzern brillant umgesetzt.

Die Erinnerung lässt Gesualdo nicht mehr los

In Gesualdos ehemaligem Palazzo soll es spuken, sagen die Neapolitaner, weil der Renaissancefürst 1590 seine schöne Frau und ihren Liebhaber auf brutalste Weise ermordete. Gesualdo widmet sich fortan der Musik, komponiert innige Madrigalgesänge. Vergeblich versucht seine zweite Frau Leonora, ihn aufzuheitern. Auch mithilfe eines Alchemisten gelingt es ihr nicht, die schwarzen Gedanken, die ihn in immer kürzeren Abständen überkommen, zu vertreiben. Die Erinnerung an die Bluttat lässt ihn nicht mehr los. Immer wieder durchlebt er die Mordnacht, sieht das Liebespaar vor sich, fragt sich, wieso Torquato Tasso seiner Frau Gedichte geschrieben hat. Das Misstrauen überwältigt ihn, die Dämonen lassen ihm keine Ruhe. Er wünscht sich den Tod, der ihn schließlich erlöst, nachdem er sich seiner Vergangenheit gestellt hat.

Die Musikgeschichte hält nicht viel von Gesualdos Kompositionskünsten. Sein Lebenslauf und vor allem seine Gräueltat haben ihm weit mehr einen Platz in der Geschichte gesichert als seine Madrigale.

Peter Breuer hat mit seinem »Gesualdo«-Ballett ein beeindruckendes Gesamtkunstwerk geschaffen. Bruno Schwengl hat schöne Kostüme entworfen und eine reizvolle Kulisse, die zwischen variablem, rotem Meeresbild und einer bühnengroßen Mandoline wechselt. Die Musikauswahl, von Eduardo Boechat arrangiert, ist vielfarbig und nahtlos kombiniert und bildet mit dem tänzerischen Bewegungsvokabular eine wunderbar symbiotische Kongruenz.

Mit Musik von Eduardo Boechat, Brett Dean, Carlo Gesualdo, Benjamin Godard, Walter Haupt, Avo Pärt und Igor Strawinsky hat Breuer eine akustische Kulisse zur Verfügung, die seinen Tanzkreationen den rechten Stoff und vielfältigsten Anreiz liefert. Höchst eindrucksvoll und wunderschön sind die live gesungenen Madrigale, deren Wortgehalte zwischen Liebessehnsucht und Liebesschmerz pendeln. Die jungen Gesangssolisten, in schöne stilisierte Renaissancegewänder gekleidet, brillieren mit reiner A-cappella-Intonation als feines Quintett. Tamara Ivani, Maria Hegele, Alexander Hüttner, Elliot Carlton Hines und Raimundas Juzuitis, von Wolfgang Götz einstudiert, stellen mit ihrer Interpretation Gesualdos Komposition bestes Zeugnis aus.

Marian Meszaros glänzt als Titelheld

Fünf leichtfüßige Tanzpendants zu den Sängern begleiten optisch die Madrigale. Im übrigen, reichen Musikarrangement aus der Konserve sind jazzige Elemente passend eingebunden, harte Dissonanzen und musikalisch abrupte Wechsel machen die dämonischen Einbrüche noch eindringlicher. Marian Meszaros glänzt als Titelheld pantomimisch intensiv und überzeugend. Er ist von Anfang an den ganzen Abend präsent auf der Szene und teilt die reine tänzerische Beweglichkeit mit diversen Ruhestellungen des schmerzlichen Sinnierens.

Liliya Markina ist elegant, Leonora von jugendlichem Liebreiz im federleicht schwebenden Spitzentanz. Anna Yantschuk und Otto Wotruba, der großen Mandoline entsteigend, glänzen als die verblichene Anna d’Avalos und ihr Liebhaber. Einen Tasso-Text spricht Gero Nievelstein als hübsche Variante unter den Erinnerungsbildern Gesualdos. Miriko Karube geistert als der bedrohliche Tod durch die Szenerie. Furchterregend mit energiegeladenen Sprüngen und ekstatischen Tanzpositionen sind die zahlreichen Solisten in ihrer Verkörperung der Dämonen. Ein klasse Ballettabend, originell und kreativ sowie glanzvoll zusammengestellt und getanzt. Elisabeth Aumiller